
Digitale Bilderwelten
Karsten Fischer, Annette Doms und Korbinian Kohler vor dem Vortrag Metamorphosen. Foto: KB.
Vortrag in Weissach
Im Rahmen des Korbinians Kollegs im Hotel Bachmair Weissach lud Korbinian Kohler zum letzten Gastvortrag des Semesters Dr. Annette Doms ein. Sie stellte die Entstehung und Entwicklung der Künstlichen Intelligenz in einem lebhaften, mit anschaulichen Beispielen und Metaphern unterlegten Vortrag mit dem Titel Metamorphosen dar.
Ein gutes Netzwerk kann sehr hilfreich sein – nicht nur im digitalen Bereich. Korbinian Kohler musste sehr kurzfristig einen Ersatz für den ursprünglich geplanten Vortrag über Typologien mit Prof. Susanne Pfeffer finden. Fortuna wollte, dass er zwei Wochen zuvor bei der Eröffnung der 2. Ausstellungsserie seiner Gallery KOKO Annette Doms kennenlernte. Ihr Beschäftigungsfeld passt hervorragend zum Thema des aktuellen Semesters „Das Natürliche und das Künstliche: Dimensionen der Menschlichkeit“. Und welch Glück, dass sie es zeitlich einrichten konnte und spontan zusagte.
Annette Doms bezeichnet sich selbst als Tech Evangelist. Sie ist studierte Kunsthistorikerin, Unternehmerin, Digitalexpertin, Keynote-Speakerin und Dozentin an der LMU München. Sie hat bereits 2014 Deutschlands erste digitale Kunstmesse mitbegründet. Wie in einem klassischen Drama unterteilte Annette Doms ihren Vortrag Metamorphosen in fünf Akte. In ihnen präsentierte sie kleine Geschichten, die verdeutlichten, was wir von der Künstlichen Intelligenz erwarten können.
Der von Menschen geschaffene Riese
Talos hat auf die digitale Welt offensichtlich Eindruck gemacht. Der künstlich geschaffene bronzene Riese aus der griechischen Mythologie, der Kreta vor Feinden beschützen sollte, musste seinen Namen unter anderem schon für Betriebssysteme und Handelsplattformen hergeben. Auch Annette Doms zog ihn hinzu, um in ihrem Vortrag das Prinzip der KI zu erklären. Sie bezeichnete Talos als ersten Roboter und sieht in ihm die menschliche Sehnsucht verdichtet, die Geist in Materie gießen will. Die Künstliche Intelligenz wurde von uns Menschen geschaffen, von uns ‚gefüllt‘ und kann ohne Mensch nicht funktionieren.

Historische Fotografie, Biennale Venedig. Foto: KB
Die Aura des Kunstwerks
Im zweiten Akt schilderte sie, wie sich Walter Benjamin 1935 im Pariser Exil mit der damals neuen Technologie des Fotografierens auseinandersetzte. Benjamin prägte dabei den Begriff der ‚Aura‘, mit dem er die Einmaligkeit, Echtheit und Präsenz eines Kunstwerkes beschreibt. Für ihn stirbt diese Aura mit der technischen Reproduzierbarkeit – und damit der Ortsungebundenheit. Für Annette Doms bringt die KI diese Logik allerdings zum Kippen, da die Künstliche Intelligenz nicht kopiere, sondern Unikate produziere. Mit dem Prompt, einer genauen Beschreibung des zu erschaffenden Bildes, generiere die KI mithilfe von Algorithmen das Kunstwerk. Die eigentliche Kunst bei diesem Vorgang sei das Formulieren. Kein Werk entstünde dabei zweimal; dem einmaligen Moment der Entstehung attestierte Annette Doms ebenfalls eine ‚Aura‘. In ihren Augen müsse die Kunstgeschichte auf jeden Fall neu geschrieben werden.
Die Erweiterung
Marshall McLuhan prägte in den 1960er Jahren die Medientheorie. Von ihm stammt das Zitat: „Wir formen unsere Werkzeuge und danach formen die Werkzeuge uns.“ Es beschreibt die Wechselwirkungen, die von neuen Technologien ausgehen und wie sie gewissermaßen unser Nervensystem erweitern. McLuhan begreift die Medien vom menschlichen Körper her. So könne das Telefon als Erweiterung des Ohrs gesehen werden, das Auto als Erweiterung des Fußes und folglich der Computer als Expansion des Gehirns.

Exponat im Minsheng Museum, Shanghai. Foto: KB
Die Symbiose
Annette Doms beschrieb die Kollaboration von Mensch und Technologie. Gut nachvollziehbar sei dies beim oben bereits erwähnten prompten: Der Mensch probiert aus und justiert so lange nach, bis er das gewünschte Ergebnis bekommt. Der gesamte Prozess sei dabei kein ‚entweder/oder‘, sondern eine Symbiose, wie ein permanentes Geben und Nehmen.
Der letzte Akt: Die Katharsis
Immer wieder taucht die Frage auf, ob Geisteswissenschaften in einer Zeit mit Künstlicher Intelligenz noch Platz haben. Dies bejahte Annette Doms vehement. Man solle den Output von KI nicht einfach so annehmen, sondern die Werkzeuge sinnvoll und ethisch gestalten. Unser kritisches Denken setzte sie mit einer inneren Firewall gleich, die uns vor dem vorschnellen Nachplappern schützen solle. Die KI könne lediglich imitieren, aber nie initiieren.
Prägende Einschnitte als auch Fortschritte in der Geschichte seien immer vom Menschen aus gegangen. Sie zählte Beispiele auf, die dies eindrücklich vor Augen führen: politische Revolutionen und künstlerische Umbrüche, wie die durch die radikal neuen Malweisen von Kandinsky und Picasso, zeigen, dass der Mensch als Initiator und Antrieb gebraucht werde.

Die Dozentin Dr. Annette Doms am Ende ihres Vortrags. Foto: KB
Diskussionsbedarf
In der anschließenden Diskussionsrunde mit Annette Doms, Karsten Fischer und Korbinian Kohler kam die Frage auf, was sich für die Kunst ändern werde, wenn ein Rembrandt per Prompt mit der KI problemlos generiert werden kann. Prof. Karsten Fischer vermutete, die Konzeptkunst werde wieder vermehrt in den Vordergrund treten. Bei Kunstinszenierungen à la Joseph Beuys‘ würden die Einzigartigkeit und der genuine künstlerische Anspruch erhalten bleiben. Annette Doms war sich sicher, dass auch mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz qualitätsvolle Werke entstünden, da sich die Spreu vom Weizen trenne. Sie hob nochmals hervor, dass es auf den Prompt ankomme und das Ergebnis bei einem Künstler mit einer Vision hochwertiger ausfallen werde als bei einem beliebigen Versuch. Zudem liege die Entscheidung bei jedem Einzelnen, welches der KI-generierten Bilder ihn berühre und welches er wegklicke.

Yayoi Kusama. Foto: KB.
Korbinian Kohler wollte wissen, ob die Künstliche Intelligenz Einfluss auf den Tourismus haben werde. Annette Doms konnte sich zwar eine Hilfe durch die KI beim Buchungsvorgang vorstellen, jedoch nicht beim direkten Erlebnis; die KI sei kein Ersatz für das physische Empfinden und die Reise selbst. Aus dem Publikum kam die Anmerkung, dass die Künstliche Intelligenz insofern eine Veränderung bringen werde, da sie unsere Vorlieben besser kenne als wir selbst und sie uns dadurch mit Empfehlungen unterstützen – oder, je nach Sichtweise, lenken – könne.
Superintelligenz
Zum Ende des Abends wurde noch das Thema Superintelligenz angeschnitten. Annette Doms betonte, dass die KI ein schwaches System sei, das sich nicht vernetzen und austauschen könne – salopp ausgedrückt: eine Art Fachidiot. Die Superintelligenz hingegen soll interdisziplinär arbeiten und biete somit ganz andere Möglichkeiten. Eine spannende Thematik und der nächste Schritt im Zuge der Metamorphose.
Das Semester 2025/2026 des Korbinians Kollegs ist mit diesem Vortrag abgeschlossen. Ab Oktober 2026 werden sich wieder hochkarätige Gastredner den drängenden Fragen der Zeit stellen.
Zum Weiterlesen: Welcher Mensch möchte ich gewesen sein?