
Eine Geschichte der Selbstermächtigung
Paola Cortellesi (Mitte) als Delia Santucci im Film „Morgen ist auch noch ein Tag“. Foto: Tobis Film
Anlässlich des Weltfrauentags präsentierte die Bücheroase in Schliersee gemeinsam mit dem Kreisbildungswerk einen besonderen Kinoabend. Gezeigt wurde im Rahmen der Reihe „Von Büchern und Filmen“ „Morgen ist auch noch ein Tag“ („C’è ancora domani“), das international preisgekrönte Filmdebüt von Paola Cortellesi (Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin).
Zur Aufführung gelangte der in Italien sehr erfolgreiche Film in der die italienische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Buchhändlerin Jennifer Roger führte in die Thematik ein und gestaltete einen Büchertisch. Nach der Vorführung vertiefte Mechthild Manus das Thema im Gespräch mit der Filmexpertin Ester Yakub, die in Rom aufgewachsen ist. Das Publikum im sehr gut besuchten Haushamer Kinocenter – darunter allerdings nur wenige Männer – reagierte begeistert.
Geschichte einer Selbstermächtigung
Juni 1946: Im römischen Schlacht- und Marktviertel „Testaccio“ wohnt Delia Santucci in bescheidenden Verhältnissen zusammen mit ihrer Familie. Ihr Ehemann Ivano misshandelt sie beinahe täglich brutal. Gleich in der ersten Szene des Filmes erhält Delia noch im Ehebett eine schallende Ohrfeige auf ihr „Guten Morgen“. Doch Delia entledigt sich im Verlauf ihrer Fesseln und geht ihren eigenen Weg.
Der Film erschöpft sich nicht in der einfachen Beschreibung einer emanzipatorischen Entwicklung. Paola Cortellesi dreht den Film in Schwarzweiß und reiht ihn damit in die Tradition des italienischen Neorealismus ein. Rosselinis „Rom, offene Stadt“ und De Sicas „Fahrraddiebe“ lassen grüßen. Die Schwarzweißdarstellung sowie auch die originale Tonspur verstärken den dokumentarischen Charakter und verleihen der Geschichte mehr Glaubwürdigkeit. Trotz des ernsten Themas ist der Film leicht und humorvoll inszeniert. Paolas sarkastische Bemerkungen, mit denen sie das Geschehen kommentiert, beweisen sie als kluge Frau, die im Denken sich bereits befreit hat. Der nächste Schritt ist dann die Tat.
Gewalt als choreografierter Tanz
Ein absoluter Höhepunkt, der gleichzeitig erschüttert und verblüfft: Paola Cortellesi inszeniert die hässliche Gewalt als Paartanz. Zu flotter Musik verprügelt Ivano seine Frau, die brutalen Schläge erscheinen dabei als eine einstudierte Choreografie. Ivanos tapsige Bewegungen, seine rhythmische Zuckungen entlarven ihn als tragikomische Gestalt. Wer Gewalt braucht, hat sonst nichts zu bieten. Ivano reproduziert dumpf den Ratschlag seines Vaters: Schlage deine Frau lieber weniger oft, dafür härter.
Die Musik spielt überhaupt eine bedeutende dramaturgische Rolle. Paola Cortellesi unterlegt die Handlung mit populären Songs der Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart. Die Canzoni kommentieren – teilweise ironisch – die Handlung, teilweise konterkarieren sie das Geschehen. Handlung und Musik verschmelzen zum Schluss zu einer Einheit. Bei Daniele Silvestris „A bocca chiusa“ verschließt Delia tatsächlich ihren Mund und summt zusammen mit dem Cantautore die Melodie: Keine Worte mehr. Jetzt wird gehandelt.

Heile Familie? Still aus Paola Cortellesis Film „C’è ancora domani“. Foto: Tobis Film
Bildung statt Brautkleid
Delias Tochter Marcella soll durch eine Heirat mit dem Sohn eines reichen Gastronomen ein besseres Leben haben. Als Delia beim zukünftigen Bräutigam aber die selben Bewegungen und Griffe wie bei ihrem gewalttätigen Ehemann entdeckt, verhindert sie die Hochzeit. Ihre Tochter soll, vor ehelicher Gewalt bewahrt, ihren eigenen Weg finden. Als Ersatz für das entgangene Brautkleid schenkt ihr Delia die ganzen Ersparnisse für die Erlangung eines anständigen Schulabschlusses. Auf ihrem weiteren Lebensweg soll Marcella von keinem Mann abhängig sein.
Der Emanzipationsakt
Nach einem misslungenen Fluchtversuch mit einem alten Schulfreund, nimmt Delia entschlossen ihr Leben in die eigene Hand. Sie packt ihre Sachen, verlässt unter einem Vorwand früh am Morgen das Haus und nimmt nach einigen Komplikationen, die sie mit Marcellas Hilfe überwindet, am Referendum über die neue Staatsform Italiens teil. Erstmals sind auch Frauen wahlberichtigt und sehr sehr viele sind gekommen. Als Ivano aufgebracht heranbraust und seine Ehefrau wieder in den ehelichen Käfig sperren will, solidarisieren sich die Wählerinnen trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede und Differenzen und treten ihm entschlossen entgegen. Gedemütigt muss der Unhold mit eingezogenem Schwanz abziehen. Äußeres Zeichen ihrer gewonnenen Unabhängigkeit und Stärke sind die abgeschminkten Lippen der Frauen.
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Zeitliche Koinzidenz
Zwei Wochen nach dem Filmstart ermordete ein Ex-Freund die Studentin Giulia Cechetti. Es folgten landesweite Demonstrationen und eine Senatsvorführung des Films. Die Politik reagierte. Der Femizid ist seitdem in Italien – im Gegensatz zu Deutschland – mit Mord gleichgestellt („legge femminicidio“). Der Film lässt den Schluss offen. Wird Delia tatsächlich ihren Mann verlassen? Wird Marcella den Bildungsweg einschlagen?
Paola Cortellesi macht mit ihrem Film den Frauen Mut. Und wer es heute nicht schafft, Regisseurin des eigenen Lebens zu sein: Morgen ist auch noch ein Tag. Verpasst ihn aber nicht.