„Ein Muss, dass wir nicht vergessen“

Karl Knaup als Korbinian Aigner im Biergarten des Gasthaus Hörger in Hohenbercha. Foto: Konzept+Dialog.Medien

Filmkritik „Ein stummer Hund will ich nicht sein“

Zum heutigen Karfreitag bringen wir einen Bericht über einen unbeugsamen Mann. Regisseur Walter Steffen erzählt die Geschichte des unbeugsamen Priesters Korbinian Aigner, der wegen seines Widerstandes gegen die Nazis inhaftiert wurde und im Kräutergarten des KZ Dachau heimlich neue Apfelsorten züchtete.

Eigentlich hatte er mit Ende 60 keinen großen Dokumentarfilm mehr machen wollen. Schon gar nicht einen Film von ähnlich emotionaler Wucht wie sein zehn Jahre zuvor gedrehter Film „Endstation Seeshaupt“ über einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen in Bayern. Eigentlich. Aber nun erzählte ihm sein Freund Gerd Holzheimer von diesem bayerischen Priester, der wegen seiner Widerständigkeit im KZ Dachau inhaftiert war und dort heimlich Apfelsorten züchtete. „Diese Geschichte müssen wir zwei erzählen“, befand der Schriftsteller und Historiker Gerd Holzheimer. Walter Steffen, Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent ließ sich überzeugen. Ein Glücksfall, denn heraus kam ein ebenso eindringlicher wie aktueller Film über ein Thema, das heute nicht wichtiger sein könnte.


Walter Steffen bei Dreharbeiten. Foto: Konzept+Dialog.Medien

Pomologe und Theologe

Erzählt wird die Lebensgeschichte des „Apfelpfarrers“ Korbinian Aigner, der – 1855 geboren – auf einem Bauernhof bei Freising aufwächst und früh seine Liebe zum Obstgarten und den Apfelbäumen entdeckt. Er sieht in ihnen das Wunder der Schöpfung. Gegen den Willen der Eltern, die vom Ältesten eigentlich erwarten, dass er den Hof übernimmt, entscheidet er sich, Theologie zu studieren. Die Beurteilungen während des Studiums sind mäßig, Aigner wird bescheinigt, dass er vermutlich mehr Pomologe als Theologe sei. Dennoch erhält er im Sommer 1911 die Priesterweihe. Danach arbeitet er zwanzig Jahre lang zunächst als Hilfsgeistlicher und Lehrer in verschiedenen Gemeinden Bayerns, bevor er 1931 seine erste Stelle als Pfarrer in Sittenbach (Landkreis Dachau) erhält.

Wenn der Priester die Glocken nicht läutet

Als politisch interessierter Mensch fährt Aigner 1923 nach München, um sich eine Rede Hitlers anzuhören. Er hält Hitler für betrunken – anders kann er sich diese Hetzrede gegen Juden, Kommunisten, Zigeuner und katholische Pfarrer nicht erklären. Nachdem er ein zweites Mal zu einem Auftritt Hitlers nach München fährt, weiß er: Dieser Mann ist gefährlich. Aigner mischt sich ein in politische Debatten, warnt vor der NSDAP, tauft Kinder nicht mehr auf den Namen Adolf, läutet die Glocken nicht, wenn von der Partei angeordnet. Es kommt, wie es kommen muss: Aigner wird in eine deutlich kleinere Gemeinde strafversetzt, und zwar auf gemeinsamen Beschluss des Gauleiters, des Kultusministeriums München und des Ordinariats der Erzdiözese München und Freising. „Ich habe nie verstanden, warum sich die katholische Kirche diesem System Hitlers unterwirft“, wird Aigner im Film zitiert.


Filmszene von der Gerichtsverhandlung gegen Korbinian Aigner, mit Ferdinand Dörfler als Richter am Sondergericht und Ferdinand Ascher als Bezirksgauleiter Münsterer. Foto: Konzept+Dialog.Medien

Apfelbäume im KZ

Nach dem von Georg Elser begangenen Attentat im Bürgerbräukeller 1939 wirft Aigner im Religionsunterricht in Verbindung mit dem 5. Gebot die Frage auf, ob es Sünde sei zu töten, wenn man dadurch eine Million Menschen retten kann. Er wird denunziert, verhaftet, zu sieben Monaten Gefängnis mit „Haftfortdauer“ verurteilt. Haftfortdauer bedeutete: Konzentrationslager. Im KZ Dachau muss Aigner im sogenannten „Kräutergarten“ arbeiten. Ein riesiges landwirtschaftliches Gelände, auf dem – ein Prestigeobjekt des Reichsführers SS Heinrich Himmler – nach biologisch-dynamischen Gesichtspunkten im Sinne Rudolf Steiners insbesondere Heil- und Gewürzkräuter gezüchtet werden sollen. Der Kräutergarten ist alles andere als ein Paradies: Die Häftlinge sind unterernährt, nur dünn bekleidet, Wind und Wetter ebenso brutal ausgesetzt wie den Misshandlungen durch das Wachpersonal. Aigner findet die Kraft, sich der Unmenschlichkeit zu widersetzen. Heimlich pflanzt er, zwischen den Baracken, fünf neue Apfelsorten und nennt sie KZ 1, KZ 2, KZ 3, KZ 4 und KZ 5.


Gerd Holzheimer (links) und Helmut Hörger in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Foto: Konzept+Dialog.Medien

Zeitzeugen im Kräutergarten

Mit Hilfe von Spielfilmszenen, Animationssequenzen im Stil einer Graphic Novel, Zeitzeugenberichten sowie historischen Foto- und Filmdokumenten erzählt der Film geschickt die Geschichte des Pfarrers. Karl Knaup, den der Regisseur für die Rolle des 1966 verstorbenen Pfarrers gewinnen konnte, hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit Korbinian Aigner und spielt ihn mit leiser Eindringlichkeit. Der ehemalige Ministrant Aigners, Helmut Hörger, berichtet, wie der Pfarrer, der sonst nie über seinen KZ-Aufenthalt sprach, mit ihm, dem damals 13jährigen, nach Dachau fuhr und dort plötzlich anfing zu reden. Geradezu herausgebrochen sei es aus dem Pfarrer, der damals nicht über seine eigenen, sondern über die Leiden und Qualen der Mithäftlinge sprach. Die Enkelkinder des im Kräutergarten Dachaus fast zu Tode geschundenen (und schließlich in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz vergasten) Roma Karl Wacker Horvath besuchen im Film zum ersten Mal das KZ Dachau – und reden bewegend über ihren Großvater und ihre 200-köpfige Roma-Familie, die fast vollständig ermordet wurde. Nick Hope, ehemaliger Häftling des KZ Dachau, berichtet, wie er auf einen seiner brutalen SS-Aufseher, den er nach dem Krieg trifft, zugeht und ihm verzeiht: Ein starker Moment im Film.


Austauschschüler aus Israel und Deutschland auf dem jüdischen Friedhof in Gauting. Foto: Konzept+Dialog.Medien

Aktive Erinnerungsarbeit

Geschickt ist auch die Entscheidung, ein zukunftsweisendes Projekt in den Film zu integrieren. Markus Greif, Studiendirektor am Otto-von-Taube-Gymnasium in Gauting, der einen Schüleraustausch mit einer israelischen Partnerschule im Kibbuz Givat Brenner betreut, betont, wie wichtig für junge Menschen der Blick zurück nach vorn sei. Der Film zeigt die deutschen und israelischen Schüler auf dem jüdischen Friedhof in Gauting, der für ehemalige jüdische KZ-Häftlinge angelegt wurde, die noch kurz nach Kriegsende an den Folgen der Haft verstarben. Die emotionalste Szene des Films ist es wohl, wenn Matan Wiseman, einer der jüdischen Schüler, in die Kamera spricht: „Es ist ein Muss, ein MUSS, dass wir nicht vergessen, was geschehen ist“, sagt er.


Korbiniansapfel, original Zeichnung von Korbinian Aigner. Foto: Konzept+Dialog.Medien

Posthumer Ruhm

Ende April musste Aigner mit etwa 10.000 anderen Gefangenen einen Todesmarsch nach Südtirol antreten, in Aufkirchen am Starnberger See flieht er ins dortige Karmelitinnenkloster, wird dort gesund gepflegt und kehrt nach Kriegsende als Pfarrer in seine Gemeinde Hohenbercha zurück. Er geht jeden Tag in die Obstgärten – und zum Stammtisch. Gern wüsste man, was dort geredet wurde, doch das lässt der Film offen. Was man erfährt, ist, dass Aigner seine Lehrerkollegin aufsucht – die Kollegin, die ihn denunziert hat – und dass er ihr vergibt.

Aigner beginnt zu malen, es entstehen über 3.000 Aquarelle von verschiedenen Apfelsorten. Durch eine Ausstellung seiner Aquarelle in der Dokumenta in Kassel 2012 gelangt er zu posthumem Ruhm. Die Apfelzüchtung KZ 3 überlebt und wird 1985 anlässlich Aigners 100. Geburtstag offiziell in Korbiniansapfel umgetauft.

Der unter der Schirmherrschaft des Antisemitismusbeauftragten der Bundesrepublik stehende Film von Walter Steffen hatte im April 2025 anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung des KZ Dachau Premiere. Seit kurzem kann er gestreamt werden (Link zum Film). „Ein stummer Hund will ich nicht sein“ ist ein Film, der Versöhnung stiftet und zugleich mahnt, Verantwortung für eine demokratische, menschliche Zukunft zu übernehmen: Hervorragender Stoff für Schulen, für die Erwachsenenbildung sowie jede Art von Initiativen in der Erinnerungs- und Friedensarbeit.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf