
Kreativität an einem wunderschönen Ort
Die drei Kuratorinnen bei der Arbeit: Isabel Sophie Oberländer (links), Claudia Barcheri (Mitte) und Romana Stehling (rechts).Foto Helen von der Höden.
72. Kunstausstellung Bayrischzell im Pfarrzentrum St. Margareth
Wenige Tage vor der Eröffnung am 8. August hängen drei junge Kuratorinnen die 72. Kunstausstellung Bayrischzell. Aus rund 200 eingereichten Arbeiten haben sie 100 ausgewählt, erst digital, dann vor Ort. Wie wird aus so vielen Stimmen eine Ausstellung?
In den hellen Räumen des Pfarrzentrums St. Margareth lehnen Bilder in langen Reihen an den Wänden, Skulpturen warten auf ihren Sockel. Drei Frauen gehen langsam durch die Gänge, treten zurück und halten vor jedem Werk inne. Wenige Tage vor der Eröffnung entsteht hier die 72. Kunstausstellung Bayrischzell, eine der ältesten Kunstschauen der Region. Ausgewählt und gehängt wird sie von Romana Stehling, Claudia Barcheri und Isabel Sophie Oberländer. „Wir sind alle drei viel in der Kunst unterwegs, und es ist schön zu sehen, was abseits der lauten Kunstszene passiert“, sagt Romana Stehling. Für Isabel Sophie Oberländer liegt genau darin der Reiz: „Mich motiviert, dass die Kunstausstellung nicht im städtischen Raum stattfindet. Es muss ja nicht alles, was mit Kunst zu tun hat, in der Stadt sein.“
Aus 200 wird 100

Rund 200 Arbeiten wurden eingereicht, 100 sind es am Ende geworden. Foto: Helen von der Höden
Der Kurationsprozess beginnt lange vor dem ersten Nagel in der Wand. Rund 200 Arbeiten wurden digital eingereicht. „Wir haben alle Einreichungen gesichtet und uns viele Gedanken gemacht“, erklärt Claudia Barcheri. Auch die erste Sichtung am Bildschirm folgt diesem Gedanken der Gleichbehandlung. „Die Kriterien sind dafür da, dass alle ungefähr die gleiche Chance haben“, betont Isabel Sophie Oberländer. Dass die Auswahl in den Händen einer unabhängigen Jury aus München liegt, ist gewollt. Keine Künstlerin und kein Künstler soll aufgrund persönlicher Kontakte bevorzugt werden. 100 Exponate haben es in die Ausstellung geschafft; ihre Urheberinnen und Urheber haben sie anschließend selbst angeliefert, mit bis zu drei Arbeiten. „Vor Ort waren wir dann meistens positiv überrascht, dass die Werke in echt noch mehr Qualität haben, als ein digitales Bild vermitteln kann.“
Zu dritt durch die 72. Kunstausstellung Bayrischzell
Der erste Moment mit so vielen Arbeiten sei überwältigend, erzählt Isabel Sophie Oberländer: „Zuerst erschlägt es einen ein bisschen. Man möchte den Künstlerinnen und Künstlern gerecht werden und jedem Werk im Moment der Zuwendung die gleiche Aufmerksamkeit schenken.“

Isabel Sophie Oberländer nimmt ein einzelnes Werk in Augenschein. Foto: Helen von der Höden
Romana Stehling beschreibt ein festes Vorgehen: „Am Anfang gehen wir ein, zwei Runden durch den Raum. Jede Sammlung hat eine gewisse Energie, eine kollektive Stimmung.“ Danach gehe es Gang für Gang, Ecke für Ecke, immer mit Blick auf das Ganze. „Man entwickelt ein Gefühl für Volumen, für Licht, für Blickachsen und Dialoge zwischen den Werken.“ Manchmal bleibe man an einer Arbeit hängen, gehe weiter und komme später zurück. Erst wenn sich die Struktur der gesamten Ausstellung abzeichne, lasse sich ein einzelnes Werk endgültig beurteilen.
Dass sie zu dritt entscheiden, empfinden alle als Gewinn. Claudia Barcheri hat an den Kunstakademien in München und Bologna Bildhauerei studiert und ist selbst bildende Künstlerin. Romana Stehling und Isabel Sophie Oberländer sind Kunsthistorikerinnen und Kulturmanagerinnen, Romana Stehling hat bereits zeitgenössische Ausstellungen kuratiert. „Wir haben zwar ähnliche Kriterien, aber jede von uns bringt einen anderen Hintergrund mit, und das ergänzt sich sehr gut. Wir gehen jedes Werk durch und jede sagt ihre Gedanken dazu. Wenn zwei ein Werk gut finden, macht es die Entscheidung auch einfacher, dass wir zu dritt sind“, sagt Isabel Sophie Oberländer. Bleibt eine Entscheidung schwierig, kann eine der drei mit einem Rückholantrag oder einem Plädoyer noch einmal für ein Werk kämpfen.
Ein bunter Blumenstrauß aus Techniken

Neue Perspektiven – leuchtende Arbeiten unter den ausgewählten Werken. Foto: Helen von der Höden
Das Ergebnis ist eine große Bandbreite: Acryl-, Aquarell- und Ölmalerei, Grafik, Video- und Fotokunst, Plastiken aus Stein, Bronze, Holz oder Ton, Collagen und Objektkunst. „Ich finde es toll, dass am Ende so ein bunter Blumenstrauß zusammenkommt, so viele unterschiedliche Facetten und Techniken“, sagt Claudia Barcheri. Den Kuratorinnen ist wichtig, auch Ungewohntes zu zeigen. „Wir wollen in die Ausstellung und für die Besucherinnen und Besucher neue Perspektiven hineinbringen“, sagt Isabel Sophie Oberländer und verweist dabei auf eine Arbeit von Lukas Niedermeier, die mit Eye-Tracking arbeitet. Romana Stehling ergänzt: „Es macht großen Spaß, Arbeiten zu sichten, die sich nicht sofort erschließen. Das schafft einen Mehrwert für die ganze Ausstellung.“

Auch Plastiken gehören zur Vielfalt der 72. Kunstausstellung Bayrischzell. Foto: Helen von der Höden
Auch das Zeitgeschehen findet seinen Weg in die Ausstellung: Manche Werke greifen aktuelle Themen wie Waldbrände und Umweltkatastrophen auf, andere setzen sich intensiv mit Natur und Landschaft auseinander, von Hanna Zwergers ruhigem Acrylbild „Blue Hour“ bis zu Barbara Wagners Serie „Nature Unframed“. Wer im nächsten Jahr einreichen möchte, dem rät Romana Stehling: „Mutig sein, ausprobieren und ruhig auch mal aus bekannten Mustern ausbrechen.“ Claudia Barcheri empfiehlt angesichts der begrenzten Fläche, sich auf ein Werk zu konzentrieren, das einem besonders am Herzen liegt.

Natur, Landschaft und aktuelles Zeitgeschehen prägen viele Arbeiten. Foto: Helen von der Höden
Kunstsommer in Bayrischzell
Veranstaltet wird die Schau von der Gemeinde Bayrischzell unter der Leitung von Burkhard Niesel vom Verein Kultursprung. Für das Ortsjubiläum, Bayrischzell feiert 950 Jahre, hofft er auf ein reges Miteinander: „Ich wünsche mir, dass durch die Outdoor- und Schaufensterkunst noch mehr Einheimische kommen.“
Die Ausstellung im Pfarrzentrum ist in diesem Jubiläumssommer nur ein Teil des Geschehens. Parallel verwandelt der Verein Kultursprung ganz Bayrischzell in eine Freiluftgalerie: Weit über 100 Werke stehen in Schaufenstern, Vorgärten und im Kunstwald hinter der Kneippanlage, rund um die Uhr zugänglich und per QR-Code erklärt. „Kunst trifft Natur – Ort trifft Vision“ lautet der Slogan. Wer die Kunstausstellung besucht, kann den Rundgang durch den Ort also gleich anschließen.
Höhepunkt ist die Lange Nacht der Kunst am 15. August: ein großes Fest in Bayrischzell an der Kneippanlage und im Kunstwald mit Bar, Rave und Performances. Die Wiese wird sogar so präpariert, dass barfuß getanzt werden kann.
Gräfin Haziga im Foyer
Zum Jubiläum gehört auch eine kleine Zeitreise: Im Foyer des Pfarrzentrums erinnert die Sonderschau „Gräfin Haziga“ an die Frau, die als Stamm-Mutter der Wittelsbacher gilt und deren Zeit bis in die Anfänge Bayrischzells zurückreicht. So treffen im selben Haus zeitgenössische Kunst und die lange Geschichte des Ortes aufeinander.
Eröffnung mit Harfenklang und Überraschungsmoment
Eröffnet wird die 72. Kunstausstellung Bayrischzell mit einer Vernissage am 8. August. Für die musikalische Umrahmung sorgt Helena Glockner an der Harfe. Rückhalt kommt wie jedes Jahr auch wieder aus dem Rathaus: Bürgermeister Georg Kittenrainer unterstützt die Ausstellung nicht nur aus touristischem Interesse, sondern aus Begeisterung für die Kunst, berichtet Burkhard Niesel.
Claudia Barcheri hofft bei den Besuchenden auf einen Überraschungsmoment: „Man fährt eher nach Bayrischzell, weil man die Natur, die Landschaft, das Außen so spannend findet. Und dann aber in ein Gebäude reinzugehen, um sich mit einer Ausstellung zu beschäftigen: das ist eher etwas Unerwartetes und deswegen noch mal eine Bereicherung.“ Romana Stehling sieht darin keinen Widerspruch, sondern dieselbe Logik wie an den Wänden: „Man darf sich freuen auf Kreativität an einem wunderschönen Ort. Das bedingt sich gegenseitig.“
Begleitprogramm (Auswahl):
Kunst + Betrachtung mit Künstlern und Gästen: Mittwoch, 12. und 26. August, 17-19 Uhr (6 Euro inkl. Eintritt).
Art Walk „Almvernissage goes Tal“: Skulpturenpfad und Kunst im Schaufenster, Führung ab Musikpavillon im Kurpark, Donnerstag, 13. und 27. August sowie 3. und 26. September, 16-18 Uhr (4 Euro).
Lange Nacht der Kunst: Samstag, 15. August. Von 16 bis 18 Uhr Künstlertreffen in der Ausstellung, ab 18 Uhr „Almvernissage goes Tal“ mit Bar, Rave und Performance sowie Midissage im Kunstwald an der Kneippanlage (10 Euro).
Kunst-Performances: Freitag, 14. August, 20 Uhr, Heilig-Geist-Kirche (Kristin Guttenberg und Manuela Kloibmüller); Samstag, 15. August, 15 Uhr im Kurpark (Richard Wurm) und 21.45 Uhr an der Königslinde.
Träger der Ausstellung ist der Verein Kultursprung e.V., Veranstalter ist die Gemeinde Bayrischzell.