„Fratelli tutti“ – eine Vision, die auf Umsetzung wartet

Fratelli tutti

Friedensbotschaft des Papstes. Foto: pixabay

Interview zum 1. Feiertag

Mit der Sozialenzyklika „Fratelli tutti“ hat Papst Franziskus wiederum bemerkenswert deutliche und wegweisende Worte für das Zusammenleben auf unserem Planeten gefunden. Im Interview beleuchtet Professor Markus Vogt, Sozialethiker an der LMU München, den Inhalt.

MZ: Sehen Sie in „Fratelli tutti“ eine Fortsetzung an „Laudato si“, die Enzyklika, die vielen Menschen aus dem Herzen sprach?
MV: Sie knüpft explizit an „Laudato si“ an, war es dort der ökologische Horizont, ist es jetzt die Geschwisterlichkeit, die der Papst herausstellt, beides gehört zusammen. Und beiden Enzykliken hat er als Titel ein Zitat des Franz von Assisi gegeben, der ja nicht nur für die Schöpfung eintrat, sondern auch ein Patron des Friedens war.

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Rolle der Frauen

MZ: Der Titel „Fratelli tutti“ hat zu einiger Kritik geführt, insbesondere von Frauen.
MV: Es gab weltweit Proteste von Frauen, aber der Titel ist ein historisches Zitat und daher nicht veränderbar. Außerdem gibt es im Italienischen und Spanischen kein Wort für Geschwisterlichkeit und auch bei der Französischen Revolution heißt es Fraternité. Dennoch hätte der Papst hier aus meiner Sicht sensibler sein sollen, es wäre angemessen gewesen, die Frauen mit einzubeziehen. Im Text allerdings hat er die Frauen nicht ausgeschlossen und ihre Bedeutung deutlich ausgedrückt, indem er umfassend gleiche Rechte für sie fordert. Die innerkirchliche Anwendung dieser Maxime fehlt indes bislang.

Fratelli tutti
Professor Markus Vogt. Foto: Petra Kurbjuhn

Interkultureller Dialog

MZ: Ausgangspunkt für die Enzyklika war das Gespräch des Papstes mit Großimam Ahmad Al-Tayyeb in Abu Dhabi. Wie bewerten Sie die Forderung des Papstes nach einem interkulturellen Dialog?
MV: Es ist bemerkenswert, dass die Begegnung in Abu Dhabi der Impuls für den Papst für die Enzyklika war, das hat es noch nie gegeben. Der interreligiöse Dialog ist für ihn das zentrale Thema.

MZ: Stimmt er in dieser Hinsicht mit dem Projekt Weltethos von Hans Küng überein?
MV: Er vertritt ähnliche Ansichten, der Dreiklang von Küng „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.“ bestimmt die Architektur der Enzyklika. Aber der Papst hat eigene Erfahrungen aus seinem Dialog mit Rabbinern und der Friedensbewegung der Muslime. Ihm ist der Dialog unter Freunden, bei dem die Unterschiede aufrechterhalten bleiben, wichtig. Und er setzt sich mit dem Flüchtlingsthema auseinander.

Kritik am Wirtschaftssystem

MZ: Der Papst kritisiert deutlich das herrschende Wirtschaftssystem. Schlägt ihm auch hier Kritik entgegen?
MV: Papst Franziskus übt harsche Kritik. Er benennt erstmals den Neoliberalismus als Ideologie und sagt, dass diese Wirtschaftstheorie vor den Herausforderungen der Armutsbekämpfung versagt habe . Die Vorstellung, dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes alle Probleme löse, sei zum „magischen Weltbild“ geworden. Er kritisiert sehr offensiv die Dominanz der Finanzmärkte und hat damit einen harten Konfliktpunkt offengelegt, der in mehreren FAZ-Artikeln als vermeintlich naiv und weltfremd zurückgewiesen wurde.

MZ: Er spricht immer wieder von Gemeinwohl, kann man sagen, dass er die Gemeinwohlökonomie als Alternative sieht?
MV: Ihm ist das Gemeinwohl auf ökologischer Basis wichtig, auch die Kollektivgüter, wie beispielsweise das Klima oder auch das Amazonasgebiet als „grüne Lunge der Erde“. Dieses Thema der Gemeinwohlpflichtigkeit ökologischer Ressourcen bedarf weiterer wissenschaftlicher Reflexionen.

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Visionen in „Fratelli tutti“

MZ: In „Laudato si“ hat Papst Franziskus starke Visionen entwickelt, die viele Menschen begeistert haben. Fehlt diese Vision in „Fratelli tutti“?
MV: Nein. Er hat eine starke Vision: Frieden durch Dialog. Seine originäre Einsicht geht u.a. auf den jüdischen Religionswissenschaftler Martin Buber zurück: „Am Du werden wir erst zum Ich“, wobei das Lebendige aus den Gegensätzen bestehe. Die humane Friedensvision ist in „Fratelli tutti“ deutlicher als in „Laudato si“, aber hier fehlt das Fachwissen, der Diskurs mit Friedensethikern. Die ziemlich radikal pazifistischen Vorschläge sind meines Erachtens in der gegenwärtigen Welt neuer geostrategischer Kriege nicht umsetzbar. Dennoch ist die Vision des Friedens durch Dialog genau das, was unsere Zeit heute am allernötigsten braucht und wo die Religionen einen bedeutenden Beitrag leisten können. Mit starken Worten ruft der Papst die Religionen zur Versöhnung auf.

Fratelli tutti
Markus Vogt in Holzkirchen zur Podiumsdiskussion der Raiffeisenbank Holzkirchen-Otterfing mit Josef Göppel und Moderator Julian von Löwis. Foto: Frank Strathmann

MZ: Der Papst spricht von Menschenwürde, also dass alle Menschen gleich sind. Bedeutet das, dass die katholische Kirche ihren Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit abgibt?
MV: Er betont Menschenwürde und Religionsfreiheit und fordert einen anderen Umgangston mit Menschen anderer Religionen, sowie Atheisten und Agnostikern. Was die Ökumene anbelangt, ist er leider passiv, hier wären Schritte ebenso möglich wie bei der Stellung der Frau in der Kirche.

MZ: Zusammenfassend, was ist die Kernbotschaft der Enzyklika?
MV: Wegweisend ist die Botschaft Frieden durch Dialog und interreligiöse Begegnung.

Professor Dr. Markus Vogt ist katholischer Theologe und Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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