
Ich habe es nicht gewollt
Michael Wallner. Foto: MZ
Lesung in Eggern/NÖ
Kann es gelingen, ein Stück, das der Autor für unspielbar erklärte und dessen Aufführung zehn Abende umfassen würde und deshalb noch nie in ganzer länge gezeigt wurde, auf eine Stunde zu komprimieren? Michael Wallner gelingt es, „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus zu einer bewegenden Stunde zu gestalten.
Das Thema passt vorzüglich in die aktuelle Ausstellung in der Galerie Reinberg „Poesie der Melancholie“, in der sich unterschiedliche Künstler dem Thema Schwermut widmen. Galerist Herbert Stahrmühler stellt Michael Wallner, den in Graz geborenen Schauspieler am Burgtheater, Regisseur und Schriftsteller vor, der die „Tragödie in 5 Akten“ „Die letzten Tage der Menschheit“ mehrfach inszenierte.
Dummheit und Gier führen zum Krieg
Der Künstler selbst sagt: „Meine Motivation, die Lesung zu machen, ist, dass der Text in Kriegszeiten noch nie hörbar gemacht wurde. Rund um uns ist Krieg – und es gibt keinen besseren Text über das Phänomen der menschlichen Dummheit und Gier, das zum Krieg führt.“ Er habe, so Herbert Stahmüller, aus den 220 Szenen von Karl Kraus nach seinem Gutdünken wie aus einem Baukasten die für ihn passenden Passagen zusammengestellt.

Galerist Herbert Stahrmühler. Foto: MZ
In den dunklen Raum ertönt von hinten die Stimme Michael Wallners, wer schwache Nerven habe, möge sich entfernen. Langsam geht er nach vorn und beginnt seine szenische Lesung in einem absolut atemlos gespannten, stillen Raum und spricht unverzüglich aus, worum es geht: Dieses verblasste Schuldbekenntnis möge irgendwann von Nutzen sein, denn Irrwege seien Prozesse der Läuterung.
Karl Kraus deckt Hintergründe auf
Karl Kraus schrieb diesen Text im ersten Weltkrieg, er ist eine Sammlung von Zitaten aus authentischen zeitgenössischen Quellen, in denen die Unmenschlichkeit und Absurdität des Krieges deutlich wird. Insbesondere aber geht es Karl Kraus darum, die Hintergründe aufzudecken, nicht nur die Gräuel an der Front, sondern vielmehr die Menschen im Hinterland bloßzustellen, Kriegsgewinnler, Menschen am Stammtisch, Redakteure, die die Wahrheit aus Sensationsgier ummünzen. Aber es kommt auch die zurückgelassene Ehefrau zu Wort.
Natürlichste Beschäftigung des Mannes
Wegen einer Bagatelle sei der erste Weltkrieg ausgebrochen, sagte Karl Kraus und zitiert die Geistlichkeit: „Krieg ist eine von Gott verhängte Strafe.“ Und weiter, die von Jesus geforderte Feindesliebe betreffe nur das eigene Umfeld, nicht aber die Beziehung zwischen Völkern, da gelte „Töten ist Gottesdienst.“
Eine aus Russland zurückkommenden Schauspielerin, die nur Gutes berichtet, wird das Wort im Munde herumgedreht und es ist zu lesen, dass sie mit Müh und Not mit heiler haut aus Feindesland habe zurückkommen können.
In der Jagdgesellschaft wird über herrliche Tage als Sieger in Russland erzählt und auch konstatiert: „Der Krieg ist die natürlichste Beschäftigung des Mannes.“ Auch der Papst salbadert scheinheilig herum, während ein Grazer Offizier stolz über seine Morde und Vergewaltigungen berichtet. „Der Krieg ist freigewordenes Menschentum“, verkündet er wiederholt.

Michael Wallner zitierte Karl Kraus als Rufer in der Wüste. Foto: MZ
Mehrfach streut Michael Wallner Gedanken von Karl Kraus als Rufer in der Wüste ein: „Wenn man Fantasie hätte, müsste man keine Kriege führen.“ Sie seien Verbrechen, Sünde und Versuchsstationen des Weltunterganges. Der Schauspieler schlüpft behände immer wieder in andere Personen, wechselt Dialekt und Sprachduktus, so dass das Publikum den Offizier, den Papst oder den schleimigen Redakteur zu hören glaubt.
Er wurde Vater als er starb
Auch den Kriegsgewinnler, der froh verkündet, dass er 100 000 Kronen Gewinn mit dem Krieg gemacht habe. Auch die Ehefrau, die ihrem totgeglaubten Mann schreibt, dass sie nun in Hoffnung von einem anderen sei. Oder der Soldat, der Vater in dem Moment wurde, als er starb.
Der Rufer in der Wüste Karl Kraus konstatiert: „Die Welt geht unter und man weiß es nicht.“
Wider die Verharmlosung des Krieges
Michael Wallner gelingt es, in einer unheimlichen Dichte die Phrasen, die Verlogenheit, die Verherrlichung des Krieges anhand echter Zitate zu erleben und die unsägliche Dummheit all derer zu entlarven, die im Hintergrund die Fäden ziehen und sich an den Gräueln des Krieges bereichern. Diese szenische Lesung sollte Pflichtfach an allen Schulen werden, um die Verharmlosung des Krieges im Keim zu ersticken.
Denn was nützt es, wenn als Schluss die Auslöschung der Menschheit mit der Stimme Gottes ertönt: „Ich habe es nicht gewollt.“
Zum Weiterlesen: Kunstformen werden überleben