Turbulenz in drei Frauenseelen

Bin nebenan

Antje Hobucher, Lydia Starkulla und Kristina Günther-Vieweg beim vergeblichen Versuch, dem Kaufhaus zu entkommen. Foto: MZ

Theater in Holzkirchen

Sind Sie auch Zielgruppendurchschnitt? Haben Sie auch ein Problem mit Ihrer Mutter? Oder mit Ihrem Partner? Dann sind Sie richtig aufgehoben bei „Bin nebenan“, dem neuen Theaterstück vom ensemble peripher, das gestern Premiere feierte.

Panisch reagieren die drei Frauen, die am Samstag im Kaufhaus eingeschlossen werden, wollen durch die Deckenbelüftung und per Kreditkarte durch die Tür, aber „zu dünn, zu laberig, zu rund und zu dick“ ist alles was ihnen dazu in die Hände fällt. Schließlich schicken sie sich in ihr Schicksal. Bis Montag 9 Uhr.

Genügend Zeit, um über ihr Leben nachzudenken. Das ensemble peripher hat im Foolstheater Monologe von Ingrid Lausund zusammengestellt zu einem Theaterabend voller Komik, Tempo, Akrobatik, dem alltäglichen Wahnsinn und den Problemen, die ein jeder so mit sich herumschleppt.

Kalkulierbar

Lydia Starkulla ist der Archetyp Konsument mit gehobenem Einkommen. Der Typ, der dreimal die Woche Yoga macht, Individualist und somit pfeilgerade für Sofa „Stockholm“ geeignet ist. „Die wissen schon ein Jahr bevor ich ein Sofa kaufen will, welche Sofafüße mir gefallen werden“, entdeckt sie. Ebenso, wie kalkulierbar sie durch Marketingforschung ist. Die Schauspielerin kann aber nicht nur als chicer, geschmeidiger Zielgruppendurchschnitt punkten. Als Mutter in einer späteren Szene ist sie völlig anders, nach dem Motto „Ich will ja nur dein Bestes, Kind“, sehr bekannt, dieses waidwunde Lächeln und die hochgezogenen Augenbrauen, köstlich.

In dieses Szene reflektiert Antje Hobucher über ihr Leben und dessen Sinn anhand des von der Mutter geerbten Bildes „Das jüngste Gericht“. Sie ist der Typ „gescheiterte Existenz“, eigentlich Malerin, aber dann doch Kellnerin und mit einem Versager zum Freund. In all die Wunden schüttet die Mutter Salz. Ihre Vorwürfe kulminieren in dem Satz: „Das hast du auch abgebrochen, sogar das Atmen.“ Kristina Günther-Vieweg erscheint in dieser Szene sehr akrobatisch aus dem Himmel und aus der Hölle und gibt dem Geschehen zusätzliche Würze.

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Schönredner

Ihr eigener Typ in einem anderen Monolog ist der Schönredner. „Ich bin so gern in meinem Wohnzimmer.“ Und der Mann, der da offensichtlich auch wohnt, störe eigentlich nicht. Überhaupt werde ja die Liebe total überbewertet, da sei sie doch längst drüber weg. Und schließlich helfe er ihr ja auch beim Computer und so reiche das alles nicht zum Gehen.

Hilft das? „Good vibes“ und „Happy“ auf dem Shirt? Oder vielleicht „Nichts tun – nur Sein?“ Die drei Schauspielerinnen führen dem Publikum in „Bin nebenan“ die Suche nach Sinn, nach Glück vor, mit all den üblichen Prophezeiungen, Konsum, Haben oder auch Nicht haben mache glücklich. Emotionen definieren, Angst oder Sehnsucht verspüren, all das wird ausprobiert und dem Publikum zum weiteren Nachdenken mit nach Hause gegeben.

Ein turbulenter, witziger und zugleich tiefgründiger Blick in drei Frauenseelen, von Lydia Starkulla, Antje Hobucher und Kristina Günther-Vieweg vom ensemble peripher ganz ohne erhobenen Zeigefinger, stattdessen mit Hintergründigkeit, innerer und äüßerer Bewegung und viel Kraft umgesetzt.

„Bin nebenan“ – Weitere Vorstellungen: 24. 10., 20 Uhr, 25.10., 18 Uhr, 20.11., 20 Uhr, 22.11., 18 Uhr

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