
„Was uns hilft, ist der Schein“
Alkohol und Langeweile: Lips (Martin Bermoser) mit seinen „Freunden“ Thomas Höfner und Boris Popovic. Foto: Wald4tler Hoftheater
Theatertipp von KulturVision
Mit einer fulminanten Aufführung von Johann Nestroys „Der Zerrissene“ unter der Regie von Hakon Hirzenberger glänzt das Wald4tler Hoftheater zu seinem 40. Geburtstag. Die temporeiche Inszenierung mit Live-Musik riss das Publikum zu begeistertem Applaus hin.
Hierzulande wird Nestroy automatisch mit seiner Posse „Lumpazivagabundus“ in Verbindung gebracht, vom Tegernseer Volkstheater im vorigen Jahr auf die Bühne gebracht. KI sagt, dass im Landkreis Miesbach „Der Zerrissene“ noch nie gespielt wurde, deshalb an dieser Stelle schon mal der Tipp an alle Theatergruppen: Lohnt sich, denn der Stoff ist ebenso modern wie „Lumpazivagabundus“.

Live.Musik mit Matthias Jaksic. Foto: MZ
In einer Koproduktion mit Steudltenn und dem Theater Akzent Wien nahm sich Hakon Hirzenberger der Posse mit Musik um den lebensmüden Herr von Lips an und zeigt eine rasante Komödie mit Tiefgang, geschliffenen Dialogen, Liedern und hervorragenden Schauspielern. Der großartige Geiger Matthias Jaksic bereichert das Stück mit seiner Live-Musik.

Überdruss im düsteren Licht. Foto: MZ
Sein Leben sei abgeschmackt und auf fade Alltagsgenüsse reduziert, klagt der in Gold gewandete Lips, den Martin Bermoser glaubwürdig als „zerrissen im Gemüt“ darstellt. Auch der Alkohol, von seinen ebenso gelangweilten und exaltierten Freunden (Thomas Höfner und Boris Popovic) in Strömen eingegossen, hilft da nicht weiter. „Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn man selber nicht weiß, was man will“, singt er.

Heiratsschwindlerin Mathilde (Jula Zangger) taucht auf. Foto: MZ
Was Neues muss her, etwas, was er noch nie erlebt hat: der Ehestand. Und so beschließt er, die nächste Frau, die ihm begegnet, zu heiraten. Unglücklicherweise ist dies Mathilde, dem Publikum schon als Heiratsschwindlerin wohl bekannt. Denn Schlosser Gluthammer, der im Haus ein Balkongeländer anbringen soll, klagt ganz entsetzlich, dass seine Braut wohl entführt worden sei. Valentin Frantsits spielt einen einfachen Handwerker, der zum wutentbrannten Nebenbuhler Lips wird, authentisch und voller Lebenskraft.

Gluthammer (Valentin Frantsits) klagt Kathi (Clara Lou Kindel) sein Leid. Foto: MZ
Eigentlich hätte Kathi die erste Frau sein können, die Lips begegnet, denn das junge Mädchen will dem Hausherrn Schulden der verstorbenen Mutter von 100 Gulden zurückzahlen, muss aber warten. Clara Lou Kindel ist eine liebenswerte, ehrliche, fleißige und hilfsbereite Kathi, ganz im Gegensatz zu Mathilde, die das rennen bei Lips macht. Jula Zangger spielt in High-Heels und knappem Rock die ganz auf Geld fixierte Verführerin: „Was uns hilft ist der Schein.“

Zwei Kontrahenten kämpfen um Mathilde, Gluthammer (Valentin Frantsits) und Lips (Martin Bermoser). Foto: MZ
Aber dann kommt es zur Rangelei zwischen Lips und Gluthammer und beide stürzen vom Balkon in den See. Das ist das Setting vom 1. Akt, in dem es um den Gegenpol der gesellschaftlichen Schichten geht. Oberflächlichkeit und Langeweile, durch Alkohol übertüncht, in der oberen Schicht, äußerlich durch die Glitzerkleidung der Protagonisten dargestellt. Auf der anderen Seite die ehrliche Kathi und der gutgläubige übers Ohr gehauene Schlosser Gluthammer. Dazwischen die Heiratsschwindlerin Mathilde, die sich überall zu ihren Gunsten bereichert.

Kathi (Clara Lou Kindel) und Krautkopf (Fabian Krüger). Foto: MZ
Der 2. Akt spielt auf dem Biobauernhof Lips, bewirtschaftet von Krautkopf, dem Onkel von Kathi. Fabian Krüger als unterbelichteter Biobauer beherrscht die Szenerie, sobald er auftaucht. Ein wenig Ottolike, dann wieder ernsthaft am Cello und schlichtweg einfach nur urkomisch in seiner Gestik und Mimik, in seinem Blaumann und seiner etwas dünnen, dafür langen Mähne.

Mit der Hilfe von Kathi (Lara Lou Kindel) verdingt sich Lips (Martin Bermoser) bei Krautkopf (Fabian Krüger) als Knecht. Foto: MZ
Die Geschichte nimmt wieder ordentlich Fahrt auf, nachdem die beiden Totgeglaubten nun doch nicht tot sind. Martin Bermoser verdingt sich mit einer völligen neuen Sprache und einem völlig neuen Gestus als Knecht und muss feststellen, dass seine alten Freunde doch keine echten Freunde sind. Womit die Gesellschaftskritik des Stückes nach dem Motto „Geld regiert die Welt“ erneut deutlich wird.

Es geht ums Geld. Foto: MZ
Und der Ausspruch Lips aus dem 1. Akt: „Armut ist ohne Zweifel das Schrecklichste, mir dürft’ einer 10 Millionen hinlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet’s nicht“ bewahrheitet sich rundum. Denn als sich – durch einen Trick Lips bewerkstelligt – herausstellt, dass Kathi im Testament Lips als Alleinerbin benannt ist, werden alle Männer zu wilden Heiratslustigen und umgarnen Kathi auf das Widerlichste. Selbst der Onkel reißt seinen Blaumann auf, um seine Manneskraft zu beweisen.

Ensemble und Musiker beim Schlussapplaus. Foto: MZ
Anhaltender Beifall für Regie, Schauspieler, Musik, ein burlesker und tiefgründiger Theaterabend in gekonnter, reduzierter Kulisse mit wunderbarer Musik.