
Leben mit der Front
Einladungsplakat zum Vortrag. Foto: Josef Fuchs
Vortrag in Miesbach
Im Waitzinger Keller präsentierte der Schlierseer Fotograf Florian Bachmeier im Rahmen eines Vortrages seine Fotos aus der vom Krieg gezeichneten Ukraine. Die Bilder beschreiben das Leben der Menschen an der Front und mit der Front. Die VHS Oberland, das Katholische Bildungswerk, Amnesty International und PIA e.V. haben zum Vortragsabend eingeladen.

Florian Bachmeier beim Vortrag im Waitzinger Keller. Foto: Josef Fuchs
Ukraine, die übersehene Nation
Der Münchner Historiker Martin Schulze Wessel bezeichnete in seinem gleichnamigen Buch „die Ukraine als die übersehene Nation“. Spätestens seit dem grausamen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine kann davon nicht mehr die Rede sein. Dem Fotografen und Geschichtswissenschaftler Florian Bachmeier ist es zu verdanken, dass die Ukraine auch im Landkreis Miesbach ein Thema bleibt. Seit 2012 besuchte Bachmeier die Ukraine und begleitete die Ereignisse vom Euromaidan 2013/2014, von der Annexion der Krim 2014 und vom schleichenden Krieg im Donbas. Seit dem russischen Einmarsch am 24.02.2022 intensivierte er seine Reisen in die Ukraine.

Leben und Sterben an der Front: hier nach dem Massaker von Butscha 2022. Foto: Florian Bachmeier. Foto vom Foto: Josef Fuchs
Leben mit der Front
Die Frontlinie geht mitten durch die Ukraine und zerteilt das Land in einen Teil „davor“ und einen Teil „dahinter“. Auf beiden Seiten müssen die Menschen mit der Front leben. Dass die Front sich nicht auf einen schmalen Streifen beschränkt, sondern sich auf das ganze Land ausdehnt, müssen die Menschen durch die zerstörerischen Drohnen- und Raketenangriffe täglich erfahren und erleiden. Es ist ein Leben und Sterben an einer diffusen Front, die sich über das ganze Land erstreckt.
Lesetipp: „Leben an der Front“

Leerer Blick in eine ungewisse Zukunft. Foto: Florian Bachmeier
Wahrheit und Würde
Der amerikanische Historiker Timothy Snyder schreibt in seinem Buch „Über Freitheit“, daß „wir nicht frei sein können, wenn unsere Wahrheiten nicht von anderen goutiert werden können, was bedeutet: Wir und sie müssen ein gemeinsames menschliches Verständnis davon haben, dass es so etwas wie Wahrheit gibt, dass die körperliche Erfahrung eines anderen eine Würde hat, die ich verstehen kann, auch wenn es nicht meine Erfahrung war“. Er wäge ab, ob und wann er fotografiere und hole das Einverständnis der Menschen ein, so Bachmeier mit seinen Worten. Ihm ist es gelungen, uns durch seine Fotos die Lebensrealität in der Ukraine näher zu bringen, ohne den Menschen die Würde zu nehmen. Seine Bilder spiegeln eine subtile Wahrnehmung der Realität wider, in der sich die Menschen gerade befinden. Dies könnte mit ein Grund für seine zahlreichen Auszeichnungen sein.

Hoffnung auf Frieden? Foto: Florian Bachmeier. Foto vom Foto: Josef Fuchs
Hoffnung auf Frieden in ungewissen Zeiten
Florian Bachmeier reflektiert seine Arbeit als Kriegsfotograf in alle Richtungen. Er fragt nach seinen eigenen Grenzen. Wie wirken die Bilder auf uns, den Betrachtern? An der Reaktion des Publikums wurde deutlich, dass die Bilder einen bewegen und berühren. Bachmeier wies darauf hin, dass die Menschen nicht nur passive Objekte sind, sondern Akteure, die ihr Leben, so weit es im Krieg möglich ist, selbst gestalten. Hier schwingt trotz allem eine Mut machende Hoffnung mit. Es liegt an uns als Betrachter, sich durch die Fotos nicht nur anrühren zu lassen, sondern den Lebenswillen der Menschen in der Ukraine aktiv zu unterstützen.
Timothy Snyder: „Über Freiheit“, 2024 Verlag C.H. Beck, München
Martin Schulze Wessel: „Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“, 2025 Verlag C.H. Beck, München