Zwischen Welten

Hamsra Sriram (links) und Shanti Muriswamy vor ihren Gemälden ‚A Thousand Weddings and a Funeral‘, ‚Becoming and Belonging‘ und ‚Goddess by Day, Shadow by Night‘ (von links). Sie werden bei den Kunstwochen in Lenggries gezeigt. Foto: Kerstin Brandes

Vernissage in Lenggries

Bis zum 4. Oktober 2026 haben die 21. Lenggrieser Kunstwochen ihre Pforten geöffnet. In der ehemaligen Prinz-Heinrich-Kaserne sind Werke aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Collage, Skulptur, Installation, Fotografie, KI-Kunst und Tanzperformance sehen. Die zehn Mitglieder der Künstlervereinigung Lenggries e.V. haben neben den Gastkünstlern zwei außergewöhnliche internationale Projekte eingeladen.

Das diesjährige Motto der Kunstwochen lautet ‚Zwischen Welten‘ und wird aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet und dementsprechend facettenreich dargestellt. Persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Aspekte, die Umwelt, technologische Entwicklungen und politische Missstände bewegen dabei die KünstlerInnen und sind deren Ansatzpunkte. „ZWISCHEN diesen WELTEN aus Nomen, Erinnerungen, Sehnsüchten und Träumen entsteht tagtäglich ein komplexes und konfliktreiches Netzwerk mit unzähligen Widersprüchen, Konflikten, Hoffnungen und Verwerfungen, dem wir ausgesetzt sind und das wir als gefühlte Realität ganzheitlich erfassen und akzeptieren müssen. Kunst bietet uns hierbei eine Möglichkeit, diese existenziellen Zwischenräume jenseits intellektueller Raster als ZWISCHENWELTEN zu erleben, darzustellen und zu interpretieren“ schreibt Dr. Günter Unbescheid, Künstler und Vorstand der Künstlervereinigung, im Vorwort des Ausstellungskatalogs 2026.

Aravani Art Project aus Indien

Die aus Indien angereisten Künstlerinnen Hamra Sriram und Shanti Muriswamy zeigen Situationen aus dem Leben von Trans- und Cis-Frauen in Indien, die das Spannungsfeld zwischen ihrem innersten Empfinden und und dem Bild, das sie nach außen wahren müssen, um in der Gesellschaft überleben zu können, darstellen. Beide gehören dem Künstlerkollektiv ‚Aravani Art Project‘ an, das auch ein soziales Netz für seine Künstler aus der Transgender-Community in Indien bildet. Das Kollektiv ist bekannt für seine Wandbilder und war 2024 auf der Biennale in Venedig vertreten.

Tanzperformance live

Jessica Iwanson ist bei der Ausstellung in drei Sparten vertreten. Im Erdgeschoss ist zunächst die für das schwedische Fernsehen geschaffene Filmfassung ihres Bühnenwerkes ‚Nightbirds‘ zu sehen. Der einstündige Film läuft als Schleife in der Black Box der Ausstellung. Einen Raum weiter zeigt Jessica Iwanson ihre gemalten und gezeichneten Arbeiten – stimmungsvolle schwedische Landschaften und humorvolle Miniaturen, die einen Einblick in ihr bildnerisches Werk geben. Im Obergeschoss zeigt sie eine 20-minütige, von ihr choreografierte Tanzperformance, die während der Ausstellung jeden Sonntag live aufgeführt wird. Ausdrucksstark und energetisch schaffen vier Tänzer unter dem Motto ‚Bewegte Bilder‘ poetische Momente.

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Mafalda Ruivo, Ricki Morris, Saskia Rupp und Sasha Smirnov (von links) bei der Tanzperformance ‚Bewegte Bilder‘ von Jessica Iwanson. Foto: Kerstin Brandes

Dynamik in Panoramaansicht

Ekaterina Zacharova zeigt an vier Wänden Szenen aus der Welt des Theaters: Es drängen sich Tänzer lebensgroß auf den Leinwänden und lassen einen Blick ‚backstage‘ zu. Dieses Schaffen vor und hinter der Bühne beschreibt die Künstlerin als ein Aufeinanderprallen von Gegensätzen, von „Höhenflüge[n] und Abstürze[n], Ekstase und Erschöpfung, Pathos und Desillusionierung, Magie und Manipulation“.


Ausschnitte aus ‚Nymphen und Satyrn‘ und ‚Tanz der kleinen Schwäne‘ von Ekaterina Zacharova. Foto: Kerstin Brandes

Die Videoinstallation ‚Patchwork Identity‘ von Veronika Partenhauser ist exakt auf die Fliesenstruktur des Raumes abgestimmt. Mehrere hundert Videosequenzen werden nebeneinander abgespielt und zeigen unterschiedliche Lebenswelten. Sie erzeugen ein Mosaik, das aus der Vielschichtigkeit menschlicher Identitäten entsteht und vor Augen führt, wie der Alltag von Menschen durch multiple Wirklichkeiten gekennzeichnet ist.


‚Patchork Identity‘ von Veronika Partenhauser. Foto: Kerstin Brandes

Infinite Walk

Ein wesentlicher Bestandteil der Kunst von Katharina Lehmann ist die Performance während des Entstehungsprozesses. Bei stundenlangen Bewegungen im Raum, die sie als ‚Infinite Walk‘ bezeichnet, lässt sie tausende Kilometer farbgetränkter Fäden zu Flächen werden. Aus diesen baut sie ihre im Raum schwebenden Kuben. In diesem performativen Prozess sieht sie, wie „sich Zeit, Bewegung und Erfahrung als materielle Spuren einschreiben“.


‚Black Cubes Solo‘ von Katharina Lehmann. Foto: Kerstin Brandes

Lebendigkeit

Im anschließenden Raum werden Kollagen aus farbenfrohen Zeichnungen, die Kinder während einer Malaktion bei der letzten Ausstellung angefertigt haben, gezeigt. Der Rundgang durch die Ausstellung führt danach in den von Agnes Fürst inszenierten Naturraum. Sie hat ihn mit Achtsamkeit und Wertschätzung gegenüber der Natur und im Dialog mit der Umgebung konzipiert. Der Blick auf die Installation ist einmalig, da die Pflanzen dem Wachstums- und Verfallsprozess ausgesetzt sind und sich demnach im Laufe der Veranstaltungsdauer verändern.


Installation mit Naturmaterialien von Agnes Fürst. Foto: Kerstin Brandes

Grenzgänge

Gabi Pöhlmann und Angelika D. Rauchenberger haben gemeinsam einen Raum gestaltet, der geradezu sakral wirkt. Die Skulpturen der Holzbildhauerin Angelika D. Rauchenberger (auf instagram: bildhauerin_andora) thematisieren das Leben und den Tod. Mit tiefer Symbolik stellt sie die Fragilität der Nähe und der Übergänge dieser Zustände dar. In klarer Formensprache spielt sie dabei mit der Ambivalenz der Begriffe. Gabi Pöhlmanns Arbeiten setzen an der Thematik der Übergänge an und in ihren kleinformatigen Acrylbilder scheinen Traum und Realität in einer fluiden Transition. Ihr großes Gemälde vermittelt ebenso einen Grenzgang, der zwischen Entstehung und Auflösung stattfindet.

Entrückte Realitäten

Markus Elsner kombiniert Polaroidfotos und Erzählungen. Im ersten der beiden Räume flankieren Fotografien seine Texte, die auf Fakten basieren und zwei der bekanntesten und umstrittensten derzeitigen Herrscher portraitieren – mehr sei hier nicht verraten, denn die Geschichten sind so fantastisch und zugleich erschreckend wahr, dass sie selbst gelesen werden müssen. Im zweiten Raum sind Polaroidaufnahmen im Großformat zu sehen und vermitteln eine entrückt wirkende Realität – eine ästhetische Ergänzung zu den Geschichten des ersten Raumes.


Markus Elsners bebilderte märchengleiche Geschichten. Foto: Kerstin Brandes

Hinterglasmalerei 2.0

So unterschiedlich die Arbeiten von Sophie Frey und Pascale Schwarzenberger erscheinen, sie haben eine Gemeinsamkeit: Beide Künstlerinnen verwenden stellenweise die Technik der Hinterglasmalerei. Pascale Schwarzenberger kombiniert Fotografie und Zeichnung und erzeugt mit Überlagerungen von Netzgeweben organisch wirkende Formen. Einzelnen Werken fügt sie durch feine Linien hinter Glas eine neue Dimension hinzu, die die Gebilde plastisch hervortreten lassen. Neben ihren Aquarellbildern und Collagen zeigt Sophie Frey auch Werke, bei denen sie Aquarell- mit Hinterglasmalerei kombiniert. Durch diese Technik wirken ihre Arbeiten auf der einen Seite sehr klar, auf der anderen, wie durch einen Nebel hindurch entrückt. Thematisch bewegt sie sich dabei in verschiedenen Welten und möchte Übergänge, als auch Veränderungen sichtbar machen.


Sophie Frey vor ihren Werken mit Hinterglastechnik. Foto: Kerstin Brandes

KI-generierte Werke

Klas Stöver alias Kai Syntharis hat seine Werke von einer KI erstellen lassen. Es sind Bilder entstanden, die an surreale Landschaften und Traumwelten erinnern. In den Zeilen, die neben seinen Bildern zu lesen sind, hat er zwar behauptet, „niemand hätte entschieden“, jedoch bedarf es auch bei der Künstlichen Intelligenz einer Idee, eines Konzepts und einer genau formulierten Arbeitsanweisung an die KI, dem Prompt, damit sie ein einmaliges, ausdrucksstarkes Bild generiert.


Surreale Welt von Klas Stöver alias Kai Syntharis. Foto: Kerstin Brandes

Imposantes Zusammenspiel

Beim Betreten des großen Raumes im Obergeschoss setzen die vier farbstarken Werke von Lorenz Hegele einen kräftigen Akzent. Er benutzt Farbe, Form und Struktur in seinem Bildraum, um eine fein abgestimmte Balance zu schaffen. Jürgen Dreisteins Gemälde greifen diese intensive Farbigkeit teilweise auf, bewegen sich jedoch in Richtung einer gegenständlichen Malerei. Immer noch in der Geste verweilend, erinnern sie an verschwommene Landschaften und Straßenszenen.


‚Komposition v3h2‘ von Lorenz Hegele (rechts) und ‚Himmelsszene 1-3‘ von Jürgen Dreistein. Foto: Kerstin brandes

Wie ein Triptychon erscheinen die drei großformatigen Bilder in Mischtechnik von Ecki Kober. In ihrer souveränen Ausstrahlung vereinen sie unterschiedliche Facetten: Die Energie in der Stille und die Freiheit in der Reduktion. Günter Unbescheid beschäftigt die Frage, welche Auswirkungen das derzeit herrschende digitale Überangebot auf die Menschen hat und wie eine mentale Vereinzelung die Verständigung untereinander und das Verständnis füreinander erschwert. Seine Motive vermitteln subtil die Isolation und Verlorenheit des Einzelnen.


TBrillenglas-Stative von Matthias Wohlgenannt (vorne), Günter Unbescheids Fotocollagen (links) und Ecki Kobers ‚Licht 1-3‘ (rechts)xt. Foto: Kerstin Brandes

Matthias Wohlgenannts Stative mit Membranen aus Brillenglas lassen, von der Mitte des Raumes aus, die Dinge in verschiedenen Graden der Schärfe und Unschärfe betrachten. Im wahrsten Sinne des Wortes ermöglicht es, durch diese Hunderte von Gläsern, die von den verschiedensten Menschen bereits einmal getragen wurden, die Welt durch eine andere Sicht wahrzunehmen.

Menschlichkeit

Michael Glatzels Arbeiten sind in dem Gebäude auf verschiedene Räume verteilt. Im Erdgeschoss begleiten sie die Arbeiten der beiden indischen Künstlerinnen, im Obergeschoss sind sie in dem Raum positioniert, in dem auch die Tanzperformance stattfindet. Beide Male stehen die ruhigen, in der Form reduzierten Skulpturen für das Individuum und für die „immerwährende Suche des Menschen nach Identität und Selbstbestimmung“.


Skulpturen aus unterschiedlichen Materialien von Michael Glatzel. Foto: Kerstin Brandes

Der Lenggrieser Architekt Paul Schwarzenberger zeigt, neben seinen humorvollen, als auch hintersinnigen Digitaldrucken im Innenbereich, vor der ehemaligen Kaserne eine Installation: Ein angedeutetes Labyrinth mit eindeutiger Botschaft. Man kann hineingehen, sieht die Miseren der Welt und möchte sich eigentlich nur dem stillen Protest von Paul Schwarzenberger anschließen.


Installation von Paul Schwarzenberger. Foto: Kerstin Brandes

Verschaukelt

Das Kollektiv Duorum aus Österreich, bestehend aus der Sprachkünstlerin Agnes Grein und dem bildenden Künstler Jakob Dobaiz, ist mit nur einem Werk bei den Lenggrieser Kunstwochen vertreten. Es steht im Außenbereich, begrüßt die Besucher mit seiner vermeintlichen Leichtigkeit durch eine Schaukel in luftigen Höhen und gibt beim Abschied noch einmal seine nachdenklich machenden Worte, geschrieben auf die Bodenplatte der Installation, mit auf den Weg

Die 21. Lenggrieser Kunstwochen finden vom 11. September bis 4. Oktober 2026 statt. Von Montag bis Freitag sind sie jeweils von 14:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet und samstags und sonntags jeweils von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Die Tanz-Performance wird jeweils um 15:00 Uhr an folgenden Sonntagen gezeigt: 13., 20. und 27. September sowie 04. Oktober 2026. Die Lange Nacht der Kunst findet am Samstag, den 26. September ab 19:00 Uhr statt. Veranstaltungsort ist die ehemalige Prinz-Heinrich-Kaserne (Gebirgsjägerstraße 15, 83661 Lenggries). Weitere Informationen sind auf der Webseite der Künstlervereinigung Lenggries zu finden.

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