
Kurzfilmfeuerwerk bei tragischem Wetter
Der Nachmittag im Sonnenschein. Foto: Linus Suchowerskyj
Filmfestival in Bad Wiessee
Erst strahlender Sonnenschein, dann ein tosendes Gewitter – und mittendrin verschiedenste preisgekrönte Kurzfilme aus aller Welt: Beim 2. Sunset Shorts in Bad Wiessee feierten junge, internationale Filmschaffende bis tief in die Nacht. Was machte diesen Abend zum kreativen Feuerwerk direkt am Tegernsee?
Künstlerische Visionen von Jung und Alt
Strahlendblau spannte sich der Himmel über den Tegernsee, als am Nachmittag das Programm des 2. Sunset Shorts begann. Organisatorin Laura Jung hatte wieder einen Ort gefunden, der kaum passender sein könnte: direkt am Ufer, mit Blick auf das Wasser, als hätte man die Kulisse eigens für einen Kinoabend gebaut. Ab 14:30 Uhr und bis weit in die Nacht hinein zog sich das Programm – ein langer, aber nie zäher Nachmittag und Abend.
Sunset Shorts von Jugendlichen
Bis 18:30 Uhr gehörte die Bühne den Jüngsten: In der neuen Kategorie „Junge Perspektiven“ – erstmals überhaupt Teil des Festivals – präsentierten Filmemacherinnen und Filmemacher im Alter von 10 bis 21 Jahren ihre Kurzfilme. Aus ganz Süddeutschland reiste Kreativität an, jede und jeder hatte Alles aus seinen ganz eigenen Mitteln gezaubert. Durch das Jugendprogramm führten junge Moderatorinnen und Moderatoren, souverän und mit sichtlicher Freude an der Aufgabe.
Mehr als Zuschauer: Die Jugend organisiert mit
Was von außen wie ein rundes, souverän geführtes Programm wirkte, hatte einen Unterbau, der selbst Geschichten erzählte: Hinter „Junge Perspektiven“ stand eine elfköpfige Festival Crew aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die das Jugendprogramm seit mehreren Monaten gemeinsam mit dem Kreisjugendring Miesbach sowie den Filmschaffenden Laura Jung und Jannik Groß entwickelt, geplant und organisiert hatte: von Öffentlichkeitsarbeit und Social Media über Sponsoring und Filmauswahl bis hin zur Juryarbeit.

Laura Jung. Foto: Ferdinand Putz
Unter den jungen Filmemachern stach ein Werk besonders heraus: „Teddy“ von Alex Pahlka, einem der jüngsten Teilnehmer. Erzählt wurde die Geschichte eines Jungen, der zwischen einem Umzug und den Konflikten seiner Eltern Halt in seinem Stofftier findet. Der Film überzeugte gleich doppelt: Die Jury zeichnete ihn mit dem Preis für die beste Kamera aus, das Publikum kürte ihn per Live-Abstimmung zusätzlich zum Publikumsliebling. Eine seltene Kombination, die zeigte, wie sehr die kleine, unaufgeregte Geschichte berührt hatte.
Zwischen den Filmblöcken sorgten live auftretende junge Musikerinnen und Musiker für Stimmung. Am Nachmittag trat Paul M. auf, Musik, bei der man wortwörtlich „mittanzen“ wollte.
„Jetzt kommen die richtigen Filme“ wurde scherzhaft angekündigt, und der Hauptteil des Abends sollte beginnen. Doch der Himmel hatte andere Pläne: Gewitter zogen auf, zwei Stunden lang hielt es das Festival in Atem. Es vertrieb trotzdem kaum jemanden.
Die Stimmung blieb durchweg positiv, man rückte zusammen, wartete, redete, lachte bis es im Dunkeln endlich aufhörte und der Himmel den Weg freigab für den Rest des Abends.
Sechs Filme, sechs Welten
Im Hauptprogramm liefen sechs Kurzfilme aus der ganzen Welt, die unterschiedlicher kaum sein konnten: darunter aus Deutschland, den USA, Taiwan und Australien.
Dialoglastig und tragisch-schön kam „Thank, You.“ daher, mit Linda Schablowski und Matthias Falvai in den Hauptrollen, zwei Menschen, die auf ihre U-Bahn wartend immer mehr über sich erfahren.
Ganz anders „Sovereign Masters“ von Noah Sheiks: ein kurzes, komisches Gedankenexperiment, das mit Leichtigkeit unterhielt.
Mystisch und atmosphärisch wurde es bei „Melpomene“ von Kai Sieber – ein kontrastreicher Experimentalfilm über Sucht, Rauchen und das Gefühl des Gefangenseins. Die Jury zeichnete ihn für die beste Cinematographie aus, verantwortlich dafür: Leopold Seidl als Cinematograph im Team.
Für Lacher sorgte „The Great Wall of Vicky Lynn“ von Yu Ying Chien: bunt, ironisch, herrlich überzogen – ein Film, der im besten Sinne wirkte, als sei kindliche Fantasie direkt auf die Leinwand geworfen worden. Konsequent wurde er von der Jury als bester Film des Abends ausgezeichnet. Die Schülerin Vicky muss sich im Drahtseilakt zwischen den Erwartungen ihrer strengen Mutter und ihren Hobbys durchtanzen.
Ganz ohne gesprochenes Wort kam „Dirty Money“ von Jonas Schubach aus: Ein Putzmann fand 500.000 Dollar auf einer öffentlichen Toilette. Nehmen oder nicht? Was könnte schon schiefgehen? Der Film lebt allein von Blicken, charmantem Schauspiel und den urkomischen Zukunftsvisionen des Protagonisten.
Den emotionalen Schlusspunkt setzte „Der letzte Tanz“ von Sebastian Reiter, mit Simone Rethel-Heesters und Michael Marwitz in den Hauptrollen – Simone ausgezeichnet mit dem Jurypreis für das beste Schauspiel. Erzählt wurde von einem älteren Ehepaar: Hagen, sichtlich Pflegefall, an Demenz erkrankt, will mit seiner Frau Mona ein letztes Mal tanzen, während sie Besuch erwarten. Was wie eine stille, anrührende Alltagsszene begann, entpuppte sich in den letzten Sekunden als etwas völlig anderes: ein tragischer Plottwist, der dem Publikum sichtlich den Atem nahm.
Trotz Gewitterpause und wechselhaftem Wetter ließ sich an diesem Abend niemand die Stimmung verderben. Im Gegenteil: Die Pause schien die kreativen Visionen der Filmemacherinnen und Filmemacher nur noch heller strahlen zu lassen, als das Programm schließlich im Dunkeln mit einem letzten Live-Auftritt des Musikers Heinz Bruno zu Ende ging.
Zum Weiterlesen: Filmnächte am tegernsee