Protagonisten und Kuratoren des Thementages "Literaturcafé auf Reisen"

Vom Zauber alter Kurorte

Protagonisten und Kuratoren des Thementages „Literaturcafé auf Reisen – Vom Zauber alter Kurorte“: Florian Burgmayr, Monika Ziegler, Peter Becher, Herta Neiß und Gerd Holzheimer (v.l.). Foto: © hannes reisinger

Thementag beim Kulturpartner in Niederösterreich

Das „Literaturcafé auf Reisen“ aus dem Landkreis Miesbach eröffnete den ersten Thementag des Jahres im Sommerprogramm der Kulturbrücke Fratres im niederösterreichischen Waldviertel. Mit im Gepäck: Gerd Holzheimers Olaf Gulbransson Biografie, Herta Neißes Sommerfrischlerort „Ischl“ und Peter Bechers geliebtes Karlsbad samt Goethe und Stifter. Und nicht zu vergessen: Florian Burgmayrs erstaunlich wandelbare Musik.

Es war der zwölfte Thementag, den KulturVision in Fratres innerhalb der Sommerprogramme der Kulturbrücke ausrichtete. Wie sehr ihr diese langjährige Kooperation am Herzen liegt, hob Monika Ziegler gleich eingangs hervor. Seit 22 Jahren verbringt sie viel Zeit auf ihrem Hof im Waldviertel und ist seitdem mit der dortigen Kulturlandschaft verschmolzen. In den Hochsommerwochen wird sie alljährlich selbst zur Sommerfrischlerin im beschaulichen Wiesmaden – geradeso wie viele Künstler und Literaten, Prominente und solche, die es auch gern wären, über die letzten zwei Jahrhunderte hinweg in Bad Ischl, Karlsbad und am Tegernsee.

Das Publikum im alten Stadl folgt konzentriert dem Vortrag von Hertha Neiß - Kurorte wie Bad Ischl begeistern seit Generationen
Herta Neiß berichtet über die Sommerfrische in Bad Ischl, dass man seit jeher nur „Ischl“ nennt. Foto: © hannes reisinger

Und genau darum ging es beim 3. Literaturcafé in Fratres, das Peter Becher und Monika Ziegler zum Auftakt des diesjährigen Sommerprogrammes präsentierten: „Literaturcafé auf Reisen – Vom Zauber der Kurorte“ war das Thema. Dazu hatte das kongeniale Duo wieder spannende und unterhaltsame Gäste geladen: Herta Neiß, Direktorin des Museums der Stadt Bad Ischl – Hotel Austria und Museum Lehárvilla – und Gerd Holzheimer, Herausgeber der Zeitschrift „Literatur in Bayern“ und Olaf Gulbransson-Biograf. Als Glücksfall erwies sich auch Musiker und Komponist Florian Burgmayr aus Draxlham, dem es mühelos gelang, die unterschiedlichen Stimmungen aufzugreifen und das Publikum mit eigenen Kompositionen auf allerlei Instrumenten zu beschenken.

Brücken schlagen – über ein Dreieck

Während die Kulturbrücke Fratres als brückenschlagende Kulturinstitution zwischen Österreich und Tschechien – vor allem im fußläufig grenznahen Raum zwischen Fratres und Savonice – begründet wurde, erweitern die „bayerischen“ Thementage den Kulturraum jeweils in ein spannendes Dreieck zwischen Böhmen, Bayern und Österreich. So auch in diesem Jahr. Was verbindet Karlsbad, Bad Ischl und den Tegernsee? Die Sommerfrische! Und mit ihr die lebendige Kunst- und Kulturszene, die den Kurbetrieb seit jeher begleitet, sowie natürlich die wunderschöne Landschaft, die seit jeher die Menschen anzieht.

Kulturwissenschaftlerin Mag. Dr. Hertha Neiß
Kulturwissenschaftlerin Mag. Dr. Herta Neiß. Foto: © hannes reisinger

Im ersten Teil des Thementages lauschten die rund 60 Gäste dem hochinteressanten Vortrag von Herta Neiß über „Ischl“, die Sommerfrische der Monarchie mit Staatsgeschäften und Jagd, sehen und gesehen werden – wo man bis heute im August eine Woche lang den Kaisergeburtstag feiert. Aber nicht dieses touristische Spektakel empfahl die promovierte Kunstwissenschaftlerin, sondern die beiden Museen der Stadt. Im Museum Hotel Astoria direkt an der berühmten Esplanade lässt sich die Geschichte Bad Ischls entdecken und den Fragen nachspüren, was hinter dem schönen Schein aus Operettenklängen, Soiréen und Walzerseligkeit liegt.

Geschichte des Salzkammerguts

Im Museum Lehárvilla wiederum gingen einst unzählige Persönlichkeiten, Künstler, Librettisten und Verleger als Gäste des berühmten Opernkomponisten ein und aus. Heute meint man, Franz Lehár jeden Augenblick zu begegnen, denn das Haus vermittelt in unverändertem Zustand dessen Lebenswelt. Jedoch hätte sich das verschlafene Dörfchen ohne das Salz nie zu alldem entwickeln können – darum müsse man die Geschichte von den Anfängen her verstehen, so Herta Neiß in ihrem spannenden Bogen durch die Geschichte des Salzkammergutes.

Peter Becher ist Adalbert-Stifter-Spezialist
Peter Becher ist Adalbert-Stifter-Spezialist. Foto: © hannes reisinger 

Nach Karlsbad führte der zweite Teil des Thementages. Die Stadt hat als Sehnsuchtsort gleich zwei Bedeutungen für den Schriftsteller und Vorsitzenden des Münchner Adalbert-Stifter-Vereins Peter Becher: Zum einen führt sie ihn auf den Spuren Stifters, der 80 Jahre nach Goethe Karlsbad zum Kuren besuchte, zum anderen aber geht er auf den Spuren der eigenen Vorfahren staunend und erinnernd durch den Ort. So hielt der zweigeteilte Vortrag eine dichte Vielschichtigkeit parat – durchdrungen von Vergleichen und Querverweisen: zunächst einmal zwischen den unterschiedlichen Lebenssituationen, Wahrnehmungen und Reflexionen der beiden Dichter über ihre mehrmaligen Aufenthalte in Karlsbad – heiter und genießend ersterer und der zweite von Zweifeln geplagt, um sein Werk „Witiko“ ringend.

Karlsbad im Spiegel der Erinnerungen

Als Peter Becher im Anschluss das Publikum an seinem eigenen Zugang zu Karlsbad teilhaben ließ, war es mucksmäuschenstill im Stadl. Ruhig und bewegend las er aus seinem literarischen Text, der die Familiengeschichte mit der Stadtgeschichte und dem Besuch der Dichter eng verwob: vom Medaillon der Großmutter zur Hunger- und Lazarettstadt, vom heiter-inspirierten Kurbetrieb zur Tristesse des Kommunismus zum Wiederaufleben des künstlerischen Geistes der Stadt im Heute – und er, der Erinnernde, mittendrin.

Gerd Helmholzer trägt die Original Brille Olaf Gulbranssons - ein Geschenk der Familie- Warum? Die Ähnlichkeit ist verblüffend
Gerd Holzheimer trägt die originale Brille Olaf Gulbranssons – ein Geschenk der Familie. Warum? Die Ähnlichkeit ist zumindest verblüffend. Foto: © hannes reisinger

Was den Österreichern die Habsburger, sind den Bayern die Wittelsbacher, und so kamen – wie in Ischl – auch am Tegernsee mit dem Monarchen König Max I. Joseph unzählige Künstler, Literaten und Persönlichkeiten, um sich am Seeufer niederzulassen oder zumindest die Sommerfrische zu genießen. Zu den illustresten Neu-Tegernseern zählte im letzten Jahrhundert der norwegische Maler und Karikaturist Olaf Gulbransson. Und keiner hätte ihn besser präsentieren können als Gerd Holzheimer, dessen Gulbransson-Biografie bereits in die zweite Auflage geht.

Anhand dessen außergewöhnlicher wie eigenwilliger Werke führte der Schriftsteller durch Gulbranssons Leben und Schaffen, das geprägt ist von einer steten Polarität: von dessen kometenhaftem Aufstieg zum Shootingstar des Simplicissimus, seiner spontan-anarchischen Lebensweise, dem kraftmeierischen Auftreten einerseits und dem sensibel-feinen, minimalistischen Zeichenstrich auf der anderen Seite. Ein „großer Liebender“ sei der norwegische Titan gewesen, ein Liebender des Lebens, der Frauen, der Natur und der Kunst – mit vielen Widersprüchen, Licht- und Schattenseiten.

Florian Burgmayr und Gerd Helmholzer dichten und komponieren gemeinsam - und bringen das Resultat dadaistisch-humoristisch zu Gehör
Florian Burgmayr und Gerd Holzheimer dichteten und komponierten über Nacht gemeinsam – und brachten das Resultat dadaistisch-humoristisch zu Gehör. Foto: © hannes reisinger

Gulbranssons Lebensmotto „Man muss es mit sich geschehen lassen“ – das Leben, das nicht planbar ist – und dessen großen Humor verwandelten Gerd Holzheimer und Florian Burgmayr schließlich spontan in zwei kleine Kompositionen: „Alte Spruchweisheit“ und „Bierfuizl“. Eigenwillig, dadaistisch, augenzwinkernd – das hätte Olaf Gulbransson gewiss gefallen, denn was Ischl das Café Zauner und Karlsbad das Café Elefant ist, war dem Wahl-Tegernseer sein Herzogliches Bräustüberl und der Biergenuss.

Florian Burgmayr aus Draxlham - Kurorte im Wandel
Florian Burgmayr aus Draxlham ist ein musikalisches Multitalent – er begleitete die Kurorte atmosphärisch im Wandel der Geschichten. Foto: © hannes reisinger

Überhaupt verstand es der Musiker, Komponist und Sänger meisterlich, die Stimmungen der einzelnen Vorträge aufzugreifen und in Musik zu widerspiegeln. Mit Akkordeon und Yamaha-Orgel etwa fiel er zweihändig in eine Melodie der Leichtigkeit, des süßen Nichtstuns und der Sommerfrische Ischls, während er mit einem getragenen, nachdenklichen und innigen Stück das Andenken des verstorbenen Kulturbrücke-Mitbegründers Pavel Bohumil Beneš untermalte. Das spontane Wort-Musik-Projekt des Musikers aus dem Landkreis Miesbach mit dem Münchner Literaten schloss schließlich den Thementag rund und heiter ab – mit dem schönen, tröstlichen Gedanken, dass das Leben nicht planbar ist. Zum Glück!

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Zum Sommerprogramm der Kulturbrücke Fratres geht es hier.

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