Kollaborative Intelligenz

Diskutieren über KI als kollaborative Intelligenz: Michael Beck, Ornella Fieres, Wolfgang Heckl, Anton Biebl und Karl-Heinz Land (v.l.n.r.). Foto: Kerstin Brandes

Im Rahmen der Tegernseer Gespräche wurde unter dem Motto ‚Die Kunst in Zeiten der Künstlichen Intelligenz‘ angeregt diskutiert. Michael Beck, Vorsitzender der Olaf Gulbransson Gesellschaft, moderierte eine Runde hochkarätiger Gäste, bestehend aus der Künstlerin Ornella Fieres, dem ehemaligen Generaldirektor des Deutschen Museums Wolfgang Heckl, dem Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Anton Biebl und dem Unternehmer Karl-Heinz Land.

Potenzial der Künstlichen Intelligenz

Michael Beck stellte zu Beginn die Frage in den Raum, ob die Künstliche Intelligenz (KI) den Menschen ablösen werde. Angesichts dessen, dass Individuen seit Jahrtausenden gestalten und Kunst schaffen, sei dies ein beunruhigender Gedanke. Karl-Heinz Land sah Künstler und Entrepreneure generell geeint durch kreatives Denken. Beide seien ständig auf der Suche nach Neuem. Er sehe in Bezug auf die moderne KI vor allem ein Potential zur Veränderung hin zum Positiven.


Fotoarrangement antiker Büsten. Foto: Kerstin Brandes

Wissensmanagement

Wissen sei nicht linear, sondern multiplikativ, führte Karl-Heinz Land weiter aus. Wie die Liebe, vermehre es sich, wenn man es teile. Ein großes Risiko sah er im Verlust von Wissen, wenn dieses nicht digitalisiert werde und damit einer Vernetzung nicht zur Verfügung stehe. Bildhaft könne man sich dies vorstellen im Falle eines Archivars, auf dessen Expertise man zu Dienstzeiten Zugriff habe, die mit Renteneintritt jedoch nur noch eingeschränkt abrufbar sei.

Erfolgsformel

Karl-Heinz Land führte weiterhin aus, wie Deutschland es in den letzten Jahrzehnten versäumt habe, in seine Infrastruktur – und da gehöre für ihn vor allem der Netzausbau dazu – ausreichend zu investieren. Studien würden zeigen, dass das Bruttoinlandsprodukt eines Landes mit der Entwicklung seines Netzausbaus in Verbindung gebracht werden kann. Deutschland wurde diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten abgehängt, zumal die Regulatorik hierzulande eine zusätzliche Hürde darstelle. Die KI sah der Unternehmer als Hebel für den zukünftigen Wohlstand in Deutschland.

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Urheberrecht

Anton Biebl, der Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, brachte eine Schattenseite der KI ins Spiel: das Urheberrecht. Der Input, sprich: das Wissen, das Menschen eingeben und auf dessen Grundlage die KI überhaupt funktionieren kann, als auch der Output in Form des von der KI generierten Ergebnisses, seien unzureichend urheberrechtlich abgesichert. Ist das geistige Eigentum in der analogen Welt weitgehend geschützt, werde im digitalen Bereich oftmals ungefragt darauf zurückgegriffen und als – kostenlose – Grundlage für weitere Verarbeitung zu kommerziellen Zwecken genutzt.

Datensouveränität

Diesen Einwand fand Karl-Heinz Land berechtigt und ergänzte, dass die Datensouveränität ebenfalls wichtig sei. Durch die fehlende Repräsentation einzelner Gruppen können die Trainingsdaten der KI verzerrt werden. Durch diesen Bias würden historische und gesellschaftliche Stereotype übernommen und diskriminierende und rassistische KI-Systeme geschaffen, die Zuschreibungen darüber hinaus weiter verfestigen. Deshalb sei es unabdinglich, eine urteilsfreie und ethisch hohen Standards verpflichtete KI zu schaffen.


Ausschnitt einer mit KI generierten Blüte von Ornella Fieres. Foto: Kerstin Brandes

Morphing

Ornella Fieres gab interessante Einblicke in ihre Arbeit mit der KI anhand ihres Ausstellungsprojekts „Ich halte es für eine Tragödie, dass wir uns nicht gefunden haben“. Drei Serien beinhaltet diese Werkreihe. Nachdem sie das Archiv – in Form von Briefen, Postkarten und Bildern – einer unbekannten Frau aus Ostberlin gekauft hatte, lies sie zunächst die schriftlichen Zeugnisse in Sütterlin von einem neuronalen Netzwerk transkribieren. Auf drei übereinander installierten Monitoren sind diese Übersetzungen zu lesen, wobei sie die Fehler der KI unkorrigiert ließ. In der zweiten Serie ‚morphte‘ Ornella Fieres die Blumenbouquets der Postkarten zusammen. Die KI erzeugte aus Kombinationen von Motiven seltsam anmutende Gebilde, die eindeutig floralen Ursprungs sind, jedoch keiner Pflanzenart zugeordnet werden können. Diese Neuschöpfungen sind dem Umstand geschuldet, dass die damals verwendete KI lediglich auf Menschengesichter trainiert war. Die dritte Serie des Projekts beschäftigt sich mit Bildbeschreibungen, die von einer KI generiert wurden. Dass die KI auch hier nicht unfehlbar ist, zeigt die Bildbeschreibung eines Fotos aus den 1980er Jahren: Die KI erkannte auf dem Foto eine Person mit einem Handy. Für Ornella Fieres entstehen durch ihre Arbeit mit der KI Zwischenräume, die einmalig seien. Bereits bei der nächsten Anwendung bringe das neuronale Netzwerk andere Ergebnisse hervor, da es stetig weiterentwickelt, genauer gesagt: mit neuen Daten gefüttert werde.

Das Heft in der Hand behalten

Michael Beck stellte ob dieser Schilderungen erleichtert fest, dass die genuine Idee nach wie vor doch beim Künstler bliebe und lediglich die Ausführung bei der KI liege. Dem stimmte Wolfgang Heckl zu. Auch er verbinde in seinen Bildern Analoges mit Digitalem, indem er Musikstücke sichtbar mache. Mithilfe eines Programms verbinde er Audio- und Videodateien und ‚übersetze‘ somit Töne in Bilder. Dabei unterstrich er, dass die menschliche Intelligenz zunächst alles festgelegt habe und ihm wichtig sei, dass das Individuum auch den künstlerischen Prozess in der Hand behalte. Das sah Karl-Heinz Land als gesichert an, denn die KI selbst könne nicht denken. Die KI simuliere lediglich Denken und sei auf das angewiesen, was der Mensch einbringe; er gebe den Kontext vor und bestimme somit das Ergebnis. Wolfgang Heckl fügte dem hinzu, dass wir wieder die Gesamtschau erhalten und fachübergreifend Dinge verstehen müssen.


Ausschnitt aus dem von Wolfgang Heckl visualisierten Beatles-Song „All You Need is Love“. Foto: Kerstin Brandes

Kollaborative Intelligenz

Die Diskutanten waren sich einig, dass es in diesem Sinne vorstellbar ist, die KI hilfreich bei Routinearbeiten einzusetzen. Unterstützung von KI-Systemen in Bereichen der Bürokratie oder der Pflege wären sinnvolle Einsatzgebiete und würden tatsächliche Erleichterung bringen angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland. Dabei müsse laut Karl-Heinz Land jedoch die gerechte Verteilung des Einkommens im Auge behalten werden. Mithilfe einer Robotersteuer, die den Einsatz von KI besteuern würde, könne den befürchteten negativen sozialen Effekten, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit durch Rationalisierung, entgegengewirkt werden. Er brachte die Idee von KI als ‚kollaborative Intelligenz‘ ins Spiel, bei der Mensch und KI zusammen tätig sind und zum Positiven hinwirken.

Der Termin für das kommende Tegernseer Gespräch im Gulbransson Museum steht noch nicht fest. Informationen dazu werden auf der Website des Museums veröffentlicht.

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