Johanna Schmotz: Eingepackt & Mitgenommen

Johanna Schmotz las aus ihrer Biografie „Eingepackt und mitgenommen“ im Bunten Haus Miesbach. Foto: SB

Lesung von Johanna Schmotz bei „Zu Gast im Bunten Haus“

Eine Lesung, die unter die Haut ging, durfte das Publikum im Bunten Haus Miesbach am vergangenen Donnerstag erleben. Johanna Schmotz las am vierten Abend der Veranstaltungsreihe „Zu Gast im Bunten Haus“ aus ihrem literarischen Debüt, der Biografie „Eingepackt und mitgenommen – Eine Kindheit zwischen Oberbayern und Papua-Neuguinea“. Eine sehr persönliche und tiefe Einsicht in ihre Kindheit, die sich zwischen zwei Enden der Welt abspielte.

„Wir ziehen auf die andere Seite der Erde“ – mit seinem Finger auf dem Globus, von einem kleinen Fleck in Europa bis zu einem Fleck mitten im Pazifischen Ozean fahrend, versuchte der Vater von Johanna Schmotz ihr den bald einschneidenden Schritt zu verbildlichen. Erfolglos wie sie am Abend ihrer Lesung im Foyer im Bunten Haus Miesbach erklärte.

„Bis dahin wusste ich noch nicht einmal, dass die Erde rund ist.“ Um ihr das Leben und die Einheimischen dort zu erklären, nahm er Heinrich Harrers Buch „Unter Papuas“ zu Hilfe – erschreckende Bilder setzten sich in ihrem kleinen Gehirn fest. Es sollten viele Erlebnisse in den kommenden vier Jahren folgen, die für das kleine Mädchen aus Neuburg an der Donau unverständlich, beängstigend und verwirrend waren. Aber sie waren auch geprägt von Freiheit und Eindrücken, die sie niemals vergessen wird.

Ein kleiner Koffer und viele Geschichten

Im Jahr 1975 entschieden sich ihre Eltern, den Ort in Oberbayern hinter sich zu lassen und als Missionarshelfer nach Papua-Neuguinea zu gehen. Mit im Gepäck, ein paar Seekisten mit dem Hab und Gut der Familie, sowie die fünfjährige Johanna und ihr zweijähriger Bruder. Den kleinen ledernen Koffer, in dem das Mädchen damals ihre wenigen Habseligkeiten packen musste, hat sie immer noch. Er prangt auf dem Cover ihres Buches und ist auch an diesem Abend der Lesung mit dabei auf der Bühne. Und ein hölzernes Erzählboard aus Papua-Neuguinea. Auf solchen Brettern wurden Geschichten des Stammes eingeschnitzt und somit weitergetragen. „Auf ein Brett hätte ich meine Geschichte nicht schnitzen können“, sagt Johanna Schmotz.


Der kleine Lederkoffer trägt viele Erinnerungen von Johanna Schmotz in sich. Foto: SB

Dafür hat sie 313 Seiten gebraucht. Fünfeinhalb Jahre schrieb sie das Erlebte nieder. Warum? „Mit dieser besonderen Kindheit umzugehen, ist mein Lebensthema“ erklärt die heute 56-Jährige. Und weil sie den vielen Menschen, die eine Missions-Kindheit erlebt haben, eine Stimme geben möchte. Denn allzu oft höre und lese man von den heldenhaften Einsätzen der Missionare im Ausland, von den verträumten Erzählungen und verklärten Erinnerungen der Erwachsenen – nur wenig über die teilweise traumatischen Einschnitte, die ihre Spuren in den Seelen der Kinder hinterlassen haben. „Viele können nicht einmal darüber sprechen, was sie erlebt haben“, erzählt sie. Es gehe nicht darum abzurechnen, weder mit der Mission an sich noch mit ihrer Familie. Es geht ihr um einen realitätsnäheren Blick auf das, was war. Aus der Sicht eines Kindes. Mit dem wachenden Blick aus heutiger Sicht, einer Mutter zweier Töchter, einer Sonderpädagogin und systemischen Familientherapeutin.

In der Südsee-Klinik

Nach einem Jahr, welches die Familie zunächst in England verbringen musste, damit der Vater Englisch sprechen und die britischen Gesundheits- und Bürokratiesysteme kennenlernte, ging es wortwörtlich in den Busch. Papua-Neuguinea, ein Inselstaat im Pazifik. „Grün, grün, grün sind alle meine Farben – weil meine Eltern das so entschieden haben.“ Was humorig geschrieben anklingt, sind die Gedanken, welche die kleine Johanna beim Blick aus dem Flugzeugfenster hat, als sie ihr neues „Zuhause“ zum ersten Mal erblickt.


Einmal um die Welt nach Papua-Neuguinea. Foto: SB

Ihr Vater war von nun an in dem Ort Jagaum der Leiter der „Südsee-Klinik“ und damit für ein Gebiet von 3200 Quadratkilometern, mit 20.000 Bewohnern aus sieben verschiedenen Sprachwelten und durchschnittlich 3000 Patienten im Monat zuständig. Ein Team aus 13 Krankenschwestern stand ihm zur Seite. Die Buchhaltung machte die Mutter, welche zum Zeitpunkt der Einreise im siebten Monat schwanger war. Und Johanna, welche den Alltag in der Klinik mit ihrem Vater und die regelmäßigen Buschpatrouillen mehr mochte als den mehr schlechten als rechten Heimunterricht, mit Büchern in altdeutscher Schrift und gelegentlichem Kopfrechnen am Esstisch.

Die Exotin im Busch

Im Gegensatz zu ihrem kleinen Bruder, der als weißer Junge in dem patriarchalen System der Einwohner schnell verstand, welchen Stand und damit auch Vorteile er hatte, fand Johanna schwer ihren Platz in dieser neuen Welt. „Ich war weiß, privilegiert und die Tochter vom Chef – das war kein Spielen auf Augenhöhe und das war mir bewusst.“ Ob nun das Willkommensfest mit Flughund-Suppe, die eigenartigen Gerüche, das ständige „begafft werden als Exotin“, die prekären hygienischen Zustände oder die vielen Krankheiten wie Malaria – wenig begeisterte das Mädchen an ihrem Leben Papua-Neuguinea. Prägend das fehlende Einfühlungsvermögen ihrer Eltern: „Stell dich nicht so an, du musst doch keine Angst haben – immer die gleichen Phrasen und das Nicht-ernst-genommen-Werden.“


Johanna Schmotz liest aus ihrem literarischen Debüt auf der Bühne des Foyers. Foto: SB

Doch Johanna Schmotz beschreibt auch schöne Momente, voller Freiheit und kurzen Momenten der Zugehörigkeit. Etwa als die Dorfkinder sie und ihren Bruder mit in den Busch nahmen, zu einem versteckten See, sie dort den ganzen Tag badeten, von ihnen lernten Fische mit Speeren zu jagen und über einem selbstgemachten Feuer brieten. Oder das eine Jahr, in welchem sie in ein Internat im Landesinneren ging, und Freundschaften knüpfte, die bis heute anhalten. Es ist der ständige Wechsel zwischen unglaublichen Szenen und humorigen Passagen, der die Biografie von Johanna Schmotz zu einem besonderen Erlebnisbericht macht. Die Möglichkeit einzutauchen, in ihre Erinnerungen und in eine Welt, die so nicht mehr existiert. „Ich habe dieses Buch bewusst so geschrieben. Es soll nicht schwer klingen, aber authentisch sein. Es war meine Mission, es zu schreiben“, erklärt die Autorin.


„Eingepackt und mitgenommen“. Foto: SB

Paradiesvogel wider Willen

Schwer wird es aber trotzdem, als die Familie nach drei Jahren auf Mission zurück nach Oberbayern kommt. „Wie ein Paradiesvogel wider Willen, in beiden Welten“, so habe sie sich damals gefühlt. Und einsam. Denn der Vater, euphorisch begeistert von den Jahren im Busch, kehrte mit seiner Frau und den nun zwei kleinen Geschwistern für ein Jahr zurück nach Papua-Neuguinea – und Johanna Schmotz blieb alleine bei ihrer Großmutter in Neuburg zurück. „Es brauchte wohl zehn Jahre, bis wir uns alle wieder heimisch fühlten“, resümiert sie heute.


Das Publikum im voll besetzen Foyer. Quartiersmanagerin Selina Benda moderierte den Abend. Fotos: Johanna Huber

Der Prozess des Schreibens habe viel aufgewühlt, in ihr, in ihrer Familie. Aber es habe auch viel Heilung stattgefunden, die Möglichkeit zu Reflektieren, Dinge aufzuarbeiten. Kritik äußert sie heute vor allem an der Praxis, dass zur damaligen Zeit lediglich die Erwachsenen auf ihren Einsatz im Ausland vorbereitet wurden. Eine Begleitung der Kinder fand nicht statt. Sie wurden einfach eingepackt und mitgenommen.

„Eingepackt und mitgenommen“ erschien im November 2026 im Erlanger Verlag und ist überall im Buchhandel erhältlich. Der nächste Abend von „Zu Gast im Bunten Haus“ findet am Donnerstag, 21. Mai 2026, um 19 Uhr statt. Dann zeigt Markus Lange Bilder seiner Reise mit dem Motorrad zum Nordcap und erzählt von seinen Erlebnissen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

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