Brennnesseltage, Eva M. Bauer, Lesung, Bücheroase Schliersee

Kargheit, Verlust und Brennnesseln

Die Autorin Eva M. Bauer zu Gast in der Bücheroase Schliersee. Foto: CS

Lesung in Schliersee

In der Bücheroase Schliersee las die Münchner Autorin Eva M. Bauer aus ihrem neuen Roman „Brennnesseltage“. Er handelt von einem kargen Leben einer Bergbäuerin nach dem 2. Weltkrieg, die um ihr Überleben und den Familienhof kämpft – und von den wehrhaften Brennnesseln, die zur Metapher für die Protagonistin werden.

Klein und fein ist sie – die Bücheroase am Schliersee. Seit 2021 führt Jennifer Roger den Buchladen mitten im Ort. Die promovierte Romanistin brennt für gute Literatur: „Bei uns finden Sie Schätze, die den Horizont erweitern und die Ihnen nicht auf den großen Verkaufsflächen begegnen“, sagt sie auf Nachfrage von KulturVision. Ihr Anliegen sei es, ihren Kunden eine Vielfalt an Stimmen und Perspektiven aus unterschiedlichen Kulturen, Ländern und Themenfeldern zu bieten. „Dafür braucht es unbedingt auch die kleinen Verlage, die oftmals Titel von herausragender Qualität herausbringen“, betont sie weiter.

Einen solchen präsentierte sie ihren Kunden bei einer Lesung am vergangenen Dienstag in den eigenen Räumen in der Lautererstraße: Zu Gast war die Münchner Autorin Eva M. Bauer mit ihrem neuen Roman „Brennnesseltage“. Er ist im Oktober 2025 bei Stroux Edition erschienen, einem unabhängigen Münchner Verlag für biographische Belletristik, den es seit 2015 gibt und der schon zahlreiche Preise abräumte.

Brennnesseltage, Eva M. Bauer, Lesung, Bücheroase Schliersee
Jennifer Roger, Inhaberin der Bücheroase Schliersee, mit dem Verleger-Ehepaar Stroux und der Autorin Eva M. Bauer (von links). Foto: CS

Im Jahr 2022 und 2024 wurden etwa einzelne Titel des Verlags als Bayerns beste Independent Bücher ausgezeichnet. 2022 erhielt Stroux Edition zudem noch die Verlagsprämie des Freistaats Bayern und 2025 folgte der Deutsche Verlagspreis. Das spricht für sich. Deshalb freute sich Jennifer Roger, nicht nur Eva M. Bauer zur Lesung begrüßen zu dürfen, sondern auch das Verleger-Ehepaar Stroux gleich mit dazu.

„Brennnesseltage“ – Brennnesseln als Metapher für die Protagonistin

Der Roman „Brennnesseltage“ handelt vom entbehrungs- und arbeitsreichen Leben der Bäuerin Babette nach dem 2. Weltkrieg. Nach dem Tod des Bruders und des Vaters lebt sie alleine auf dem abgelegenen Petererhof in den Bergen über dem Inntal. Ihren unehelichen Sohn Simon gibt sie aus der Not heraus ihrer kinderlosen Cousine Fanny im Tal. Da sie den Hof nicht alleine bewirtschaften kann, stellt sie einen Knecht an: Franz. Ihn heiratet sie später und bekommt mit ihm ihren zweiten Sohn Johannes. Er soll den Hof einmal übernehmen. Doch wie das Leben so spielt, kommt alles anders: Franz gibt sich immer mehr dem Alkohol hin und verschwindet eines Tages – und dann geschieht noch ein tragisches Unglück, das Babettes Leben zutiefst erschüttert.

Mit sanfter Stimme beginnt Eva M. Bauer aus ihrem Buch zu lesen. Sie beginnt mit einer Passage am Anfang des Romans, die die Kälte und Empathielosigkeit des gebrechlichen Vaters gegenüber Babette zeigt – und auf ihr arbeitsintensives Leben auf dem Hof: „Sie weiß, dass der alte Mann in der Stubn verächtlich schweigen wird, wenn sie die Suppe bringt, dass er sie keines Blickes würdigen wird, wie seit Wochen schon. Seit er begriffen hat, warum sie so schwerfällig geworden ist. Seitdem er gesehen hat, wie ihr der Kittel überm Bauch spannt. Und fürchtet, dass sie bald ein paar Tage ausfallen wird als Arbeitskraft. Dass sie dann das Vieh nicht mehr versorgen kann, nicht melken und den Stall ausmisten.“ Worte, die die Zuhörer aufrütteln und in das einfache bäuerliche Leben mit den starren Konventionen jener Zeit hineinkatapultieren.

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Eva M. Bauer zeichnet in ihrem Buch ein fesselndes und auch verstörendes Bild dieser Frau, die sich in den patriarchalen Strukturen jener Zeit behaupten muss und eine Härte entwickelt. Die Brennnesseln, die den Hof umwuchern und als Nahrungs-, Heil- und Futtermittel in schwierigen Zeiten dienen, werden im Roman zur Metapher für Babette selbst – robust, unnahbar und wehrhaft.

Nach „Der magische Skarabäus“ und „Findelkind“ schreibt Eva M. Bauer „Brennnesseltage“

Mit „Brennnesseltage“ legt die Eva M. Bauer bereits ihren dritten Roman vor. In München mit fünf Geschwistern aufgewachsen, arbeitete sie viele Jahre als Lehrerin, bevor sie sich dem Journalismus und der Schriftstellerei widmete. Das bäuerliche Leben, das sie so packend und echt schildert, ist ihr aber nicht fremd: „Wir hatten dreißig Jahre lang einen Hof im Inntal gepachtet und haben dort immer unsere Ferien verbracht“, erzählt sie. Den Peterhof und die Bäuerin Babette gab es tatsächlich. Auch wenn sie die Geschichte an einigen Stellen etwas abgewandelt habe.

Brennnesseltage, Eva M. Bauer, Lesung
Die letzten beiden Romane von Eva M. Bauer in der Auslage der Bücheroase Schliersee. Foto: CS

Ihr vorheriger Roman „Findelkind“, ebenfalls bei Stroux Edition erschienen, beruht dagegen auf ihrer eigenen Familiengeschichte. Es geht darin um ihre Urgroßmutter, die von ihrer eigenen Mutter 1850 in einem Körbchen auf der Stufe einer Kirche ausgesetzt wurde. Mit den wenigen Erzählungen und Fotos, die die Autorin wiederum von der eigenen Mutter erhielt, spinnt sie eine Familiensaga über vier Generationen und nimmt den Leser auf eine spannende Reise durchs kleinbürgerliche München mit.

Überrascht war das Publikum, als es von Eva M. Bauers Erstlingswerk erfuhr, dem Fantasy- und Jugendroman „Der magische Skarabäus“, den sie 2010 unter dem Pseudonym „Eva Marebu“ veröffentlichte. Auf Wunsch ihrer jungen Fans plante Eva M. Bauer eine Fortsetzung ihres erfolgreichen Debütromans. „Ich hatte schon drei Kapitel geschrieben, als ich gemerkt habe, dass mir das keine Freude bereitet“, erzählt sie.

Welches Buchprojekt Eva M. Bauer als Nächstes angeht, weiß sie noch nicht. Krampfhaft ein neues Thema suchen wolle sie nicht, sagt die sympathische Autorin. Es müsse zu ihr kommen und sich ergeben. Dass dies bald geschehen möge, hoffen alle im Publikum, die an diesem Abend von der Lesung noch ganz ergriffen waren. Eine tolle Schriftstellerin und ein echter Lesetipp!

Bücheroase Schliersee, Lautererstr. 10, 83727 Schliersee, Tel. 08026/6904. Öffnungszeiten: Montag Ruhetag, Di, Do, Fr 9–13 und 14–18 Uhr,
Mi, Sa 9–13 Uhr. Mehr Info unter www.genialokal.de/buchhandlung/schliersee/buecheroase-schliersee

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