
Wenn das Sichtbare nicht mehr ausreicht…
Der Künstler Chris Tille vor einem Bild seiner Serie „Echocrome“ in der Bergson Gallery. Foto: Isabel Sophie Oberländer
Kunstausstellung in München
Was passiert, wenn Wissenschaft zur Kunst und ein Universum zur Ausstellung wird? Noch bis 19. April gilt es, genau das herauszufinden: In der Ausstellung „The Inner Universe“ mit Fotografien, Drucken und Objekten von Chris Tille, gezeigt in der „Bergson Gallery“ in München-Langwied.

Der Kulturort „Bergson“ in München-Langwied. Foto: IO
Chris Tille im Bergson
Es ist ein klarer Sonntag Mitte März, mit erster Aussicht auf den nahenden Frühling. Freudestrahlend empfängt mich der Künstler Chris Tille in den Galerieräumen des Bergson. Der Kulturort wurde vor knapp zwei Jahren eröffnet und erschließt nahe der S-Bahn Haltestelle Langwied im künstlerischen Sinne den Münchner Westen, inklusive neuem Konzertsaal, Eventrestaurant und zwei großflächigen Ausstellungsbereichen. Im zweiten Obergeschoss ist dort noch bis 19. April Tilles Ausstellung „The Inner Universe“ zu sehen.

Chris Tilles Ausstellung in der Bergson Gallery. Foto: IO
Ein neuer Weg
Nicht nur die ausgestellten Kunstwerke selbst, sondern auch der Werdegang des Künstlers ist äußerst bemerkenswert: Am Anfang war da die Musik, die im späten Teenageralter einem ausgeprägten Interesse für Fotografie wich: In jungen Jahren lernte Chris Tille das Handwerk der klassischen Fotografie unter anderem bei Robert Frank leben und lieben. Nach einer langen Zeit und vielen Erfahrungen auf dieser Laufbahn kam es jedoch zu dem, was Chris Tille heute als „visuelles Burnout“ beschreibt – dem Moment der ästhetischen Übersättigung, dem Moment, in dem man wie in einer Sackgasse künstlerisch nicht mehr vorankommt. Sein Mentor Frank gab dem Künstler den Rat, der sein Leben verändern sollte: „Wenn du nicht weiterkommst, finde den Mut und mach einen Bruch in deiner Arbeit.“

Aller Anfang war der Urknall – so auch in der Nullstunde der Kunstkarriere von Chris Tille. Foto: IO
Vom visuellen Burnout zur wissenschaftlichen, konstruierten Arbeit
Es folgte ein jäher Abschied vom Bildlichen, der sich nach Angaben des Künstlers „wie ein Befreiungsschlag anfühlte.“ Chris Tille begann, Dinge ohne vorherige visuelle Impulse als Vorlage abzubilden. Zunächst visualisierte er Klänge, es folgte ein immer tieferes Vordringen in die Sphären der Wissenschaft. Diese neue Freiheit kulminierte im Werk „Big Bang“, der ersten künstlerischen Verarbeitung der Geburtsstunde des Universums. Die Verarbeitung des Geschehens basierte auf realen Daten, aufgenommen von Satelliten des Max-Planck-Instituts. Nach über zwei Jahren der Entwicklung einer Methode gelang es Tille 2015, die Satellitendaten in Licht umsetzen, wobei jede Dateninformation für einen Lichtpunkt steht. Diese Punkte werden Pixel für Pixel am Computer zusammengesetzt und anschließend auf Fotopapier festgehalten – bei einer laufenden Bildlänge von 8,7 Meter eine wahre Feinarbeit. Sowohl das Max-Planck-Institut als auch die Gesellschaft NASA reagierten begeistert und boten Chris Tille eine Kollaboration mit Zugang zum naturwissenschaftlichen Daten(schatz) beider Institutionen an. Ein absoluter Wendepunkt in der Karriere des Künstlers, wie er selbst es beschreibt.

1,2 Mio. Sterne punktgenau durch Chris Tille an ihrem exakten Standpunkt im Jahre 10.000 nach Christus versetzt. Foto: IO
„Wenn Wissenschaft zur Kunst wird, dann offenbart sich das Universum“
Nicht nur das Universum im klassischen Sinne beschäftigt Chris Tille: Er wirft ebenso einen Blick ins Innerste des Menschen, der somit nicht nur als Teil eines höheren Ganzen auftritt, sondern an sich einen ganzen Mikrokosmos umfasst. Auch hier beweist der Künstler Mut, Kreativität und sensible Neugier, indem er sich in einigen Serien der EEG-Methode bedient, der Messung elektrischer Ströme in den verschiedenen menschlichen Hirnregionen. Durch die Übersetzung dieser Daten ins Visuelle gelingt es Tille, Gedanken-Konstrukte sowohl fotografisch als auch dreidimensional festzuhalten. Das Ergebnis sind vielschichtige, verzweigte und hoch ästhetische Gebilde, die in ihrer finalen Deutung offenbleiben.

Gedanken, die Form annehmen. Foto: IO.
Feinfühlig, innovativ, nahbar – Ein Künstler zum Anfassen
Chris Tille fand und findet unkonventionelle Wege, anhand der abstrakten fotografischen Umsetzung des Bewusstseins zu einer „ehrlichen Art der Fotografie“ [Chris Tille] zu gelangen. Seine Werke beginnen, wo unser Sichtbares, Begreifbares endet. Trotz oder gerade wegen seines Erfolges lässt es sich der Künstler nicht nehmen, die Besuchenden persönlich durch die Ausstellung zu führen. Die nächste Möglichkeit dazu bietet sich am Ostersonntag, den 5.4.2026 um 16 Uhr (Dauer 45 Minuten).

Filigran und emotional: „100 Gedanken“, eine Skulptur aus Harz und japanischem Pigment. Foto: IO
Termine für die Künstlerführung mit Chris Tille: Sonntag, 5. April und 12. April 2026, jeweils um 16:00 Uhr –16:45
Der Eintritt in die Ausstellung ist barrierefrei und kostenlos. Die Sonderveranstaltungen und Führungen kosten zwischen 16 und 19 €, Reservierung unter https://bergson.com/programm/.
Zum Weiterlesen: Zurück und in die Zukunft