
Die zwei Leben des Claus Angerbauer
Der Musiker Claus Angerbauer. Foto: Petra Kurbjuhn
Fastenpredigt in Holzkirchen
Zur dritten Fastenpredigt von KulturVision zum Thema „Verlust“ in der Kapelle zur Heiligen Familie konnte der Musiker, Kabarettist und Kommunalpolitiker Claus Angerbauer aus Wessling gewonnen werden, der vor 35 Jahren sein Augenlicht verlor.
Heute können wir ihm gratulieren, führt Initiator der Reihe Markus Bogner in die Veranstaltung ein, denn Claus Angerbauer (SPD) habe es wieder in den Gemeinderat geschafft. In seiner Kindheit, so der Holzer Biobauer und gebürtige Wesslinger, habe der Claus zu einer Gruppe in der Kiesgrube gehört, die man mit „Born to be wild“ beschreiben könne. „Er ist nach wie vor ein Vorbild für mich, denn er hat immer 100 Prozent gegeben.

Claus Angerbauer und Markus Bogner. Foto: Petra Kurbjuhn
Auch dieses Mal wie bei den vergangenen zwei Fastenpredigten gehe es nicht um Voyeurismus, sondern die Erkenntnis, dass aus einem Verlust auch etwas Positives erwachsen könne.
Lesetipp: „Ich mache einfach weiter“
Diese Absicht erfüllte Claus Angerbauer zu 100 Prozent. Er erzählte, wie ihn, Skifahrer, Kletterer, Motorradfahrer, Musiker, die Nachricht von einer baldigen Erblindung schockiert habe. Er habe gemeint, dass so ein Leben nicht mehr sinnvoll sei und mit Suizidgedanken gespielt.
Die erste Zeit sei sehr schwierig gewesen, denn er habe auch als Selbständiger Sorge gehabt, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen könne. Nach einer Operation habe es geheißen, jetzt sei er austherapiert und da sei plötzlich etwas passiert.
„Das Leben ist lebbar“
„Ich habe vom Krankenbett aus mein neues Leben geregelt“, berichtet er. Nach 35 Jahren begann eine neue Zeit für den heute fast 70-Jährigen. Die Wohnung wurde umgebaut und er habe gelernt, sich in seinem Umfeld zu bewegen. Ganz wichtig dabei sei die Unterstützung der Freunde gewesen.
Wichtig auch, dass er als Musiker habe weitermachen können. „Beim ersten Konzert habe ich mir Holzplatten auf den Boden genagelt, dass ich wusste, wohin ich gehen kann“, erzählt er lächelnd. „Das Leben ist lebbar“, das sei nun seine Devise gewesen. Jawohl es gab die Zäsur, aber man kann trotz Behinderung etwas daraus machen.

Blick in die Kapelle. Foto: Petra Kurbjuhn
„2008 wurde ich in den Gemeinderat gewählt und da war schon ein Bauchgrummeln dabei, wie soll das gehen“, erzählt Claus Angerbauer, aber er habe sich für Inklusion und Barrierefreiheit einsetzen wollen. Und ein Freund habe gesagt: „Es gibt so viel Blinde in der Politik, da kannst du auch noch mitmachen.“
Immer wieder würzte der Redner mit humorvollen Anekdoten, ohne dass er seine Geschichte schönfärbte oder verflachte. Er räumte ebenso immer wieder ein, dass es auch verzweifelte Momente gibt. „Der Verlust ist jeden Tag da“, sagt er, vor allem fehle ihm die frühere Spontanität des Lebens, das Lesen von Zeitungen und Büchern und dass er an den Gesichtern von Menschen die Reaktionen nicht ablesen könne.
Auch Tage zulassen, wo es nicht gut laufe
„Sehen macht selbständig“, konstatiert er. Oft stolpere er über seine Gitarren oder Liegengelassenes, falle die Treppe herunter. Aber man müsse den Verlust akzeptieren und auch Tage zulassen, wo es nicht gut laufe.
Wichtig aber sei ihm, dass jeder Mensch daran gemessen werde, was er kann und nicht daran, was er nicht kann. Zudem freue er sich, wenn man ganz normal mit ihm umgehe. „Man darf Freude am Leben haben“, betonte der Redner und zitierte als Beispiel Verena Bentele, Präsidentin des größten deutschen Sozialverbandes VdK, die trotz ihrer Blindheit, Power, Humor und Kompetenz ausstrahle.

Claus Angerbauer erzählt. Foto: Petra Kurbjuhn
Claus Angerbauer teilte sein Leben in zwei fast gleich große Abschnitte ein. In den ersten 35 Jahren habe er Gas gegeben und dann kam der Einschnitt. „Der Schmerz war riesengroß, aber dann habe ein Pflänzchen wahrgenommen, das ihn ermuntert habe, das neue Leben aktiv anzugehen. „Ich bin nicht drüber weg“, gab er zu, „aber ich versuche das Maximum herauszuholen, der Weg ist steinig, aber die Freude muss überwiegen.“
Am Ende kam er auf die Gesellschaft zu sprechen und wünschte sich, dass die Menschen zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. „Es ist eine Bereicherung, mit Menschen mit Behinderungen zusammenzukommen“, betonte Claus Angerbauer. Der Verlust betreffe alle, sei ein Bestandteil der Welt, die Frage sei nur, wie man selbst damit sein Leben gestalte und wie man andere unterstütze.
„Du musst lauter nicken“
Er habe als Jugendlicher, als sich der Vater das Leben nahm, den Verlust nicht verkraften können und fühle sich zuweilen wie ein Verlustmagnet, als eine Last. Aber er sei dankbar für seine Lebensbejahung.
In der Diskussion erzählte Claus Angerbauer von einem geplanten Buch mit dem Titel „Wie schön, Sie nicht zu sehen“ und fügte noch einige humorvolle Begegnungen an, etwa wenn die Friseurin den Spiegel schwenke oder wenn im Gemeinderat auf seine Frage genickt werde. Dann sage er: „Du musst lauter nicken.“
Der Musiker umrahmte seine Fastenpredigt mit Liedern, die er mit Gitarrenbegleitung und charismatischer Reibeisenstimme ebenso wie mit zarten Tönen vortrug.