5G – für wen? Zwischen Visionen und Vorbehalten

5G

acatech Mitglied Ulrich Reimers (Technische Universität Braunschweig), Johannes Hagn (1. Bürgermeister Tegernsee) [oben v.l.n.r.], Moderatorin Monika Ziegler (Initiative „anders wachsen“), Moderator Marc-Denis Weitze (acatech Geschäftsstelle), acatech Präsident Jan Wörner [Mitte v.l.n.r.], Benjamin Adjei (MdL, Grünen Fraktion im Bayerischen Landtag), Gunde Ziegelberger (Bundesamt für Strahlenschutz) und acatech Präsidiumsmitglied Ortwin Renn (IASS) [unten v.l.n.r.] sprachen bei acatech am Dienstag über 5G. Fotos: acatech

Online-Diskussion

In Deutschland werden aktuell 5G-Netze aufgebaut. Was ist 5G – und was ist neu im Unterschied zu 3G und 4G? Was sind die Vorteile und wem dient die Technologie in welchen Anwendungen? Das waren die Ausgangsfragen für die Dialogveranstaltung „acatech am Dienstag“, die in Kooperation stattfand mit den Wissenschaftstagen Tegernsee und der Initiative „anders wachsen“ im Landkreis Miesbach.

In der von Marc-Denis Weitze (acatech Geschäftsstelle) und Monika Ziegler (Initiative „anders wachsen“) geleiteten Diskussion stellten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Politik ihre Sicht auf die Technologie dar.

Johannes Hagn
Johannes Hagn (1. Bürgermeister Tegernsee). Foto: acatech

Zu Beginn der Veranstaltung machte Johannes Hagn, 1. Bürgermeister der Stadt Tegernsee, die Perspektive eines Kommunalpolitikers auf das Thema 5G anschaulich. In seiner Wahrnehmung müssen wegen 5G mehr Sendemasten gebaut werden (aufgrund der geringeren Sendeleistung), der Energiebedarf sei zu diskutieren. Darüber hinaus erscheint ihm der Nutzen zunächst nicht klar, zumal der Breitbandausbau im Tegernseer Tal sehr gut ist.

Bessere Informationsversorgung nötig

Oft genannte Anwendungsfälle für 5G, wie das autonome Fahren, haben aus seiner Sicht derzeit noch keine Relevanz. Dazu sieht er sich mit Bürgerinitiativen konfrontiert, die deutlich Druck ausüben gegen die Einführung von 5G. Johannes Hagn wünscht sich daher eine bessere Informationsversorgung rund um das Thema.

Ulrich Reimers
Ulrich Reimers (Technische Universität Braunschweig). Foto: acatech

Ulrich Reimers, langjähriger Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik der TU Braunschweig und Mitwirkender im acatech Projekt „Technologischen Wandel gestalten“, zeigte sich in seinem Vortrag verwundert über den Hype, der um 5G gemacht wird. Er sieht in 5G weniger eine Revolution, sondern vielmehr eine Weiterentwicklung in der Mobilfunktechnik. Die Zukunft der Mobilfunknetze liege zumindest in der nächsten Zeit nicht allein in 5G, sondern in der Kombination von 4G und 5G, sagte Ulrich Reimers. Primär stünden bei 5G die Ziele „Erhöhung der Datenrate“, „Vernetzung der Maschinen untereinander“ und „Bereitstellung von hoch gesicherte Mobilfunkverbindungen ohne Ausfälle“ im Vordergrund.

5G vor allem für Video interessant

95 Prozent der privaten Nutzerinnen und Nutzer werden nach Einschätzung von Ulrich Reimers keinen Unterschied zwischen 4G und 5G merken. Für Privatpersonen sei 5G dennoch vor allem für Video interessant, stellte Ulrich Reimers fest. Einen bedeutenden Nutzen von 5G sieht Ulrich Reimers in der Entwicklung von Campus-Netzen und damit bei institutionellen Kunden wie Unternehmen. Hier biete 5G Firmen die Möglichkeit für die interne Kommunikation eigene Netze aufzubauen. Durch eigene Frequenzen garantieren diese Netze eine hohe Sicherheit.

5G
Die Moderatoren Monika Ziegler (anders wachsen) und Marc-Denis Weitze (acatech). Foto: acatech

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion wurde thematisiert, inwieweit Funklöcher mit dem 5G-Ausbau geschlossen werden. Tatsächlich bedeutet der Ausbau eine bessere Versorgung z.B. auf Autobahnen oder Landstraßen. Als heikles bzw. facettenreiches Thema zeigt sich der Energieverbrauch: 5G mag energieeffizienter sein als 4G, ist insgesamt jedoch energieaufwändiger. Andererseits ermöglicht 5G sekundäre Anwendungen, die wiederum Energieeinsparungen zulassen.

Benjamin Adjei
Benjamin Adjei (MdL, Grünen Fraktion im Bayerischen Landtag). Foto: acatech

Benjamin Adjei, Landtagsmitglied und Sprecher für Digitalisierung der Grünen Fraktion im Bayerischen Landtag, beschrieb die Bedeutung von 5G für Verkehrswende (autonomes Fahren), Energiewende (intelligente Stromnetze) und Agrarwende (Smart Farming). Er warnte zugleich vor Rebound-Effekten, bei denen ökologische Vorteile wieder aufgefressen werden – indem beispielsweise autonomes Fahren zu noch mehr Verkehr führt.

Neue Frequenzbereiche für 5G?

Gunde Ziegelberger, Bundesamt für Strahlenschutz, ging auf die gesundheitlichen Risiken von 5G ein. In ihrem Vortrag betonte sie, dass auch aus Sicht des Strahlenschutzes nicht klar ist, warum 5G derart in den Fokus gerückt ist. Relevant sind bezüglich möglicher Wirkungen v.a. die Fragen, ob ganz neue Frequenzbereiche genutzt werden und ob die Menschen mit 5G stärkeren Mobilfunkfeldern ausgesetzt sein werden. Weder das eine noch das andere werde jedoch der Fall sein, da 5G den vorherigen Mobilfunkgenerationen sehr ähnlich ist und entsprechende Forschungsergebnisse zu früheren Mobilfunkgenerationen direkt auf 5G übertragbar sind. Vor allen nachgewiesenen Wirkungen schützen die Grenzwerte, die frequenzabhängig sind, weil mit steigender Frequenz die Eindringtiefe absinkt. Auch wenn mit neuen „beam forming“ Antennen die Expositionsszenarien komplexer werden, wird aber keine wesentliche Erhöhung der Gesamtbelastung erwartet. Gunde Ziegelberger betonte, dass die Grenzwerte für Mobilfunkbasisstationen (Funkmasten) üblicherweise nur zu einem geringen Prozentsatz ausgeschöpft werden.

Gunde Ziegelberger
Gunde Ziegelberger (Bundesamt für Strahlenschutz). Foto: acatech

Wissenschaftliche Unsicherheiten beim Uplink

Sie wies allerdings darauf hin, dass es wissenschaftliche Unsicherheiten bei der Risikobewertung gibt, was den „Uplink“ betrifft, also die intensive Handynutzung am Ohr – insbesondere, wenn die Basisstation weit weg ist, oder man sich in einem Funkloch befindet und damit die Sendeleistung hoch ist. Sie riet zur Nutzung eines Head-Sets oder einer Freisprechanlage, um die Strahlenbelastung beim Telefonieren mit dem Handy zu reduzieren.

Interdisziplinäre Gremien nötig

Susann Enders, Gesundheitspolitische Sprecherin und Landtagsabgeordnete der Freien Wähler, fragte in der Diskussion nach möglichen Langzeitfolgen für Gesundheit und Umwelt und Studien hierzu. Zu den gesundheitlichen Risiken, so Gunde Ziegelberger, liegen zahlreiche und vielfältige Studien vor. Um diese einzuordnen, brauche es wiederum interdisziplinäre Gremien (unter anderem mit Biologen, Epidemiologen, Expositionsexperten), die sich die Gesamtheit der Studien ansehen und Konsequenzen (zum Beispiel Grenzwerte) daraus ableiten.

Aufklärung hinsichtlich der Endgeräte

Das Podium war sich einig, dass die Bereitstellung einer 5G-Infrastruktur für eine Kommune wie Tegernsee aus technischer Perspektive und auch unter Berücksichtigung gesundheitlicher Risiken zu unterstützen ist. Die Herausforderung liege eher in der Kommunikation und Aufklärung hinsichtlich der Handhabung der Endgeräte bei den Nutzenden.

acatech Präsidiumsmitglied Ortwin Renn stellte abschließend drei Charakteristika der Diskussion um die 5G-Technologie heraus.

Ortwin renn
Ortwin Renn (IASS). Foto: acatech

Die Technik wurde – obwohl es sich nur um eine Evolution handelt – mit großem Hype in die Gesellschaft eingeführt, ein übertriebener Nutzen suggeriert. In der Folge entstanden Protest und eine überzogene Risikodiskussion.

Die Menschen sind mit der vorhandenen Funktionalität (Telefonieren, Video-Streaming in 4G) bereits zufrieden und sehen keinen Bedarf nach „noch mehr“. Dass 5G zu einer besseren, nachhaltigeren Lebensweise beiträgt, ist also keine zwingende Schlussfolgerung. Hier sei die Sinnhaftigkeit zu belegen, hier brauche es eine adäquate Gestaltung der Technik.

Die Risikowahrnehmung fokussiert meist auf die elektromagnetische Strahlung. Dabei sind mindestens gleichgewichtig weitere Effekte, wie die steigende Zeit, die wir vor Displays verbringen, die Beschleunigung des Lebens und ständige Erreichbarkeit zu berücksichtigen.

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acatech Präsident Jan Wörner begrüßte die Teilnehmer und sprach das Schlusswort. Foto: acatech

Die nächste Veranstaltung von acatech am Dienstag findet am 8. Juni um 19.30 Uhr via Zoom zum Thema „Die recycelte Stadt – wenn Beton zur Mangelware wird“ statt.

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