Die Krise als Hebamme für eine Zeitenwende

Zeitenwende Matthias Strolz

Matthias Strolz bei der Eröffnungsrede der 36. Internationalen Sommergesprächen der Waldviertel Akademie. Foto: Julia Wurz

Internationale Sommergespräche in Weitra/NÖ

Mutige Lösungen und einen optimistischen Blick in die Zukunft, das ist es, was wir jetzt brauchen. Für den Aufbruch in ein neues Zeitalter servierte Matthias Strolz, österreichischer Politiker, Unternehmer und Autor packende Inspiration und sogar Alexander van der Bellen schaute per Video vorbei.

Der österreichische Bundespräsident lobte, dass mit den 36. Internationalen Sommergesprächen der Waldviertel Akademie das kulturelle Leben im Waldviertel wieder aufblühe. Er sprach von dem gemeinsamen Gefühl: „Veränderung liegt in der Luft.“ Die Pandemie habe uns alle gebeutelt, aber jetzt sei die Zeit zum Handeln gekommen, nicht nur was Corona, auch was die Klimakrise anbelange. „Wir sind vielleicht die letzte Generation, die etwas tun kann.“ Und so seien Mut, Zuversicht und ein wacher Geist notwendig.

Zeitenwende Team waldviertel Akademie
Das Team der Waldviertel Akadmie mit Vorsitzendem Ernst Wurz (l.), Matthias Strolz (Mitte) und Geschäftsführerin Simone Brodesser (2.v.r.). Foto: Julia Wurz

Diesen wachen Geist vertritt die Waldviertel Akademie mit ihren Veranstaltungen und insbesondere mit den jährlichen Sommergesprächen zu einem aktuellen Thema. Zur Eröffnungsveranstaltung im Hof von Schloss Weitra, mit Abstand und frischer Luft, betonte deren Vorsitzender Ernst Wurz die Notwendigkeit eines Diskurses in der Zivilgesellschaft.

Zeitenwende 2020

ZeitenWende. WendeZeit. Warum das Jahr 2020 wegweisend für Europa ist. Dieses Thema beinhaltet treffsicher unsere gegenwärtige Zeit, obwohl es vor einem Jahr festgelegt wurde. Man habe vor einem Jahr nicht geahnt, wie aktuell das gewählte Thema der Sommergespräche 2020 sein würde, führte Ernst Wurz aus. Die Weggabelung sei jetzt deutlicher denn je und die Chance für eine Transformation müsse genutzt werden.

Zeitenwende Schloss Weitra
Innenhof von Schloss Weitra. Foto: Julia Wurz

Zur Einführung in den Abend bot er drei Gedanken an. Wer sind wir und was wollen wir? Das Umland wird attraktiver als die Großstadt und damit Gewinner der Krise. Und drittens, Kultur ist für eine Gesellschaft überlebenswichtig.

Die Waldviertel Akademie kooperiert eng mit der Donau-Universität Krems, Kultur und Bildung sind die beiden Säulen der Initiative. Als Dekan der Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur betonte Christian Hanus die Bedeutung der Akademie.

Krisen gehören dazu

Für den Eröffnungsvortrag war mit Matthias Strolz ein Redner eingeladen, der das Publikum sofort durch seinen mitreißenden, lockeren und kompetenten Stil mitnahm. Der ehemalige Politiker und Gründer der NEO ist heute Impact-Unternehmer, Autor und Coach.

„Krisen gehören dazu“, sagte er. Ein Reset der Gesellschaft habe immer wieder stattgefunden, in der Vergangenheit zumeist in Form von Kriegen. Er sehe die Krise als Hebamme für etwas Neues, für eine Veränderung.

Aus der Psychologie wisse man, dass ein solcher Übergang wie ein Verlust fünf Phasen habe: Schock, Verleugnung, Angst und Wut, Trauer, Aufbruch. Die Schockstarre sei wohl vorbei, die Verleugnung sei bei den Verschwörungstheoretikern gelandet und Wut habe man in Stuttgart und Berlin bei den Demonstrationen erleben müssen.

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Wir seien in einer Zeit, wo das Alte gehe, aber das Neue noch nicht ganz da sei. „Aber es gehen Türen auf und jetzt müssen wir genau hinschauen.“

Für die Zeitenwende gab Matthias Strolz praktische Hinweise. Notwendig sei jetzt, dass die Menschen innehalten und reflektieren. So wie die griechischen Philosophen in Delphi: „Erkenne dich selbst!“ Wie aus einem Helikopter möge man auf sich herunterschauen und erkennen, was einen auszeichnet.

Weltweite Regressionsphase

Ganz wichtig seinen solche Kompetenzen wie Beziehungsfähigkeit und Ambiguitätstoleranz, also das Anerkennen und Aushalten von Widersprüchen.

Der Redner beschrieb in der Folge unsere gegenwärtige Zeit unabhängig von der Coronakrise und stellte fest, dass wir uns in einer Regressionsphase weltweit befänden. Diesen Rückzug ins Gestern führte er darauf zurück, dass seit 1968 das linksliberale Feld durch Überhöhung und Doppelmoral an Bedeutung verloren habe.

Zeitenwende Mathias Strolz
Dr. Matthias Strolz. Foto: Julia Wurz

In diese Lücke seien Politiker wie Donald Trump gesprungen und hätten die Menschen trotz Lügen und Regelbrüchen für sich eingenommen. „Bleiben uns die Trumps erhalten?“, fragt er. Es gäbe Optionen für die Zukunft:

1. Das linksliberale Feld muss gesunden, so wie es die Grünen vor Corona in Deutschland bereits praktizierten.
2. Wir brauchen ein integrales politisches Verständnis und eine ökosoziale Marktwirtschaft.

Zeitenwende und neue Verteilung

Was können wir dafür tun? Die Coronakrise habe gezeigt, dass alles möglich ist. „Millionen von Menschen wurden über Wochen kaserniert“, sagte Strolz und Milliarden Euro wurden freigesetzt.

Jetzt aber müsse es neue Antworten zur Verteilung geben. Seine Wünsche wären konkret: Halbierung der Lohnsteuer, Einführung einer Finanztransaktionssteuer und einer Digitalsteuer.

Wir brauchen mehr Lebensqualität

„Wir brauchen mehr Lebensqualität“, forderte der Redner. Nicht das Bruttosozialprodukt dürfe das Maß für den Wohlstand sein, denn dieses steige beispielsweise bei jedem Unfall.

„Der Lockdown war eine Sternstunde, aber wir haben national darauf geantwortet und es deshalb vergeigt.“ Da die Spezies Mensch aber hochadaptiv sei, sehe er dennoch eine Zeit des Aufbruchs.

„Lasst uns hinhören, was wir gut können“, empfahl er, und „Selbstfürsorge ist die erste Pflicht.“ Wenn sich jeder um sich selbst sorge, dann kümmere er sich auch um die ganze Welt. „Alles Gute für den Aufbruch.“

Das weitere Programm der 36. Internationalen Sommergespräche sowie die Folgeveranstaltungen im Herbst der Waldviertel Akademie entnehmen Sie bitte der Webseite.

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