Das flatte Blatt – ein fulminanter Abend der Wortakrobatik

Peter Spielbauer

Peter Spielbauer in Waakirchen. Foto: MZ

Kabarett in Waakirchen

Eine satirische Performance? Wortakrobatik? Silbenverdrehung im Stile eines Ringelnatz? Interaktion mit dem Publikum? Und das alles zum Thema Zeitung? Jawohl, Peter Spielbauer ist ein nicht einordenbarer Kabarettist.

„Aber schreiben Sie ja nicht Kleinkunst!“ trägt er mir am Ende seiner verblüffenden, unterhaltenden, immer hoch intelligenten Show in der Aula der Waakirchner Schule auf. Nein, ein Kleinkünstler ist er nicht, eher ein Großkünstler und großes, intensives Zuhören fordert er vom Publikum ein.

Nein, ich komme nicht nach mit dem Mitschreiben seiner Wortakrobatik zum Thema „Das flatte Blatt“, das flattert und vom Plafond fällt und versuche eher den Inhalt seiner Worte aufzunehmen. „Wir kommunizieren und schlagen uns nicht die Köpfe ein“, lobt er unsere hohe Kulturstufe und wundert sich, dass das, was an einem Tag passiert, immer gerade in eine Zeitung passt.

Gott ist ein Schriftsteller

Ja, aber was liest man dann. Die vom Butterbrot gefetteten Stellen? Oder nur die Ränder, die vom Hutfalten sichtbar bleiben? Und was ist die Wahrheit, wenn es immer ein wild entschlossenes einerseits und andererseits gibt? Und flugs ist Peter Spielbauer am Anfang angelangt, denn da war das Wort. Aha, Gott ist also Schriftsteller.

Aber, so lässt ihn der Kabarettist sagen, er habe keine Lust mehr, alle Religionen scheitern, er ziehe sich jetzt in ein anderes Universum zurück. Von Gott zum Feuilleton – für Spielbauer ein winziger Sprung. Aber hier muss er die Zeitung verknüllen und verklumpen und dann fallen neue Zeitungen vom Plafond und Flitzel fallen und Artikelchen werden zu Partikelchen.

„Planet!“

Mit zwei Botschaften zum Nachdenken entlässt Spielbauer das Publikum in die Pause: „Entscheiden Sie, welche Informationen Sie in Ihr Gehirn lassen und welche Sie zumüllen.“ Und, ein wunderbares Wortspiel: „Warum heißt die Erde „Planet!“ Und keiner tut’s?“

Keinerlei Abfall nach der Pause, im Gegenteil. Spielbauer zeigt mit Einsatz aller gestischen, mimischen und sprachlichen Mittel seine Präsenz und seinen Intellekt. Kaum zitiert er Augustinus, singt er O du lieber Augustin und hängt „in kontrollierter Ekstase seine Metaphern ins Reziproke.“ Zwischendurch ramponiert er kurz die Beleuchtung, macht aber sofort aus dem herunterfallenden Teil ein Handy, fragt eine Besucherin, warum ihr Schal so lasch sei und bombardiert das Publikum mit Netzen aus zerknüllten Zeitungen. Er selbst trägt solch ein Netz als Außenhirn oder externe Festplatte.

Von Erleuchtung zu Überbelichtung

Und wenn ihn eine Motte umschwirrt, gerade wenn er verkündet, dass die Steigerung von Erleuchtung Überbelichtung ist, dann wird er ärgerlich: „Das ist eine Soloshow.“ Auch Husten und Schneuzen kommentiert er unwirsch liebenswürdig „Schneuzen Sie nicht in meine Aussagen.“ Und dann kommen solche wesentlichen Aussagen daher, wie „Die Welt will vielleicht gar nicht gerettet werden.“ Aber dann träumt Spielbauer: Von einer Zeitung mit nur noch guten Nachrichten, von der Gartenparty als grundsätzlicher Lebensform und von Freude schöner Götterfunken. „Das wollte ich mit diesem Abend vermitteln.“

Übrigens: Die Zahl aller jemals geschriebenen Buchstaben multipliziert mit der Zahl aller noch zu denkenden Gedanken ist gleich der Zahl aller beobachtbaren Atome. Auf so etwas kann nur Spielbauer kommen. Auch auf die Zugabe: „Herbst“: Und er lässt ein Blatt fallen. Dank an Hugo Eder von der – und nun doch – Kleinkunstbühn Waakirchen für diesen Abend.

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