Thomas Mann und „Democracy will win!“

Thomas Mann

Thomas Mann. Foto: Sonja Reichel

Ausstellung in München


Den Gezeiten der Demokratie am Beispiel von Thomas Mann ist eine Ausstellung im Literaturhaus München vom 28.5. bis 4.10.2020 gewidmet.
„Ich hasse die Demokratie… und damit hasse ich die Politik, denn das ist dasselbe.“ (1916) “Democracy will win!” (1938) Ja, was denn jetzt, Mann, Thomas!?

Kontroverser könnten sie kaum sein, diese zwei Aussagen des weltberühmten Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers. 22 Jahre steiniger Weg liegen zwischen seinem Brief an Paul Amann 1916 und seiner Rede in den USA 1938.

Das Literaturhaus München stellt Etappen dieser Entwicklung des „politischen Thomas Mann“ von der einen zur anderen Aussage nach. Schauplätze sind sein Studierzimmer und die Terrasse seines Hauses in Pacific Palisades in Kalifornien. Hier folgt man seiner Biographie anhand von Originalunterlagen, Fotos, Sprachaufnahmen, Radios, Mikrofonen und vielem mehr.

Democracy will win
Herkunft Thomas Mann. Foto: Sonja Reichel

Mühsame Metamorphose

Zum brennenden Verfechter der Demokratie war es für den 1875 geborenen Sohn aus wohlhabender Lübecker Kaufmannsfamilie ein weiter Weg, „Galeerenarbeit“, so seine eigenen Worte in einem Brief 1918 an seinen Bruder Heinrich.

Thomas Mann heiratet mit 30 Katia Pringsheim, Tochter einer einflussreichen jüdischen Münchner Familie, liberal in der Gesinnung, kulturell Ton angebend. Ihre sechs Kinder erziehen sie ebenfalls liberal. Es ist also kein Wunder, dass sie später seine „demokratische Entwicklung“ durchaus einfordern und beschleunigen…

Er sieht sich als Schriftsteller und diese sollten – so seine damalige Ansicht – nicht politisch sein. Im ersten Weltkrieg ist er – wie viele seiner Künstlerkollegen – zuerst ein Befürworter des Geschehens, veröffentlicht seine „Gedanken im Kriege“, und ist einer von 100 Autoren des „Eisernen Buch 1914-15“, mit kriegsverherrlichenden Beiträgen.

Und er ist erfolgreich und angesehen – im Gegensatz zu seinem politisch sehr engagierten Bruder Heinrich. Dessen „Unterthan“ liegt auf Eis, und das fünf Jahre lang… Seine innere Zerrissenheit in dieser Zeit erklärt Thomas Mann seinem Bruder am 8. Nov. 1913:
„Ich bin oft recht gemütskrank und zerquält, der Sorgen sind zu viele (…), dazu die Unfähigkeit, mich geistig und politisch eigentlich zu orientieren, wie du es gekonnt hast (…)

Democracy will win
Thomas Mann: Irrungen und Wirrungen. Foto: Sonja Reichel

Vom nationalen Silberblick zum globalen Weitwinkel

Leicht fällt es ihm nicht, dem einflussreichen Schriftsteller und seit 1929 Literatur-Nobelpreisträger, die gemäßigte Zone des Arrivierten zu verlassen und sich öffentlich politisch zu positionieren. Viel steht auf dem Spiel, so oder so. Als er sich endlich – auch auf Druck seiner Kinder – offen gegen den Nationalsozialismus ausspricht, wird ihm die Ehrendoktorwürde aberkannt, er wird ausgebürgert und angefeindet. 1933 emigriert er in die Schweiz, von wo aus er 1934 seine erste USA Reise unternimmt.

Demokratie Aktivist Thomas Mann

1938 empfangen ihn die USA mit offenen Armen, er erhält mehrere Ehrendoktorwürden und findet in Präsident Roosevelt ein hochgeschätztes demokratisches Vorbild. Seine fünf ausgedehnten und vielbeachteten Vortragsreisen zu den Themen Demokratie, den Krieg und die Deutschen, führen ihn ab 1938 quer durch Nordamerika.

Thomas Mann
Vortragsreisen Thomas Mann ab 1938. Foto: Sonja Reichel

Ab 1940 hält Thomas Mann für die BBC zahlreiche Reden an das deutsche Volk, besteht bald darauf, selbst zu sprechen, als Gegenpol zu Hitler und Goebbels. Er versucht, Klarheit zu schaffen und die Deutschen aufzurütteln, geizt dabei nicht mit drastischen Ausdrücken. Und weist deutlich auf die Verantwortung der Deutschen für die begangenen Verbrechen hin.

Vom NS – Regen in die Anti-Kommunisten – Traufe

Eigentlich hatte Thomas Mann nach Kriegsende nicht zurückkehren wollen, in einem offenen Brief erläutert er Walter von Molo ausführlich seine Gründe. Im Goethejahr 1949 hält er anlässlich eines Besuchs sowohl in Weimar als auch in Frankfurt vielbeachtete Ansprachen. Als in den USA nach der offenen Roosevelt-Ära schon bald die Anti-Kommunistenhetze der McCarthy Regierung mit Verhören und Hetzkampagnen beginnt, findet er sich wieder einmal auf der Liste der „Gefährder“, dieses Mal der amerikanischen Regierung. Wie mag es ihm da wohl ergangen sein? Ein übles déjà-vu, aber jetzt im gelobten Land? Er äußert sich öffentlich nicht mehr und kehrt 1952 nach Europa zurück. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in der Schweiz, wo er 1955 stirbt.

Thomas Mann
„Gefährder der USA“. Foto: Sonja Reichel

Gezeiten der Demokratie

Der zweite Raum der Ausstellung widmet sich – multimedial aufbereitet – dem Auf und Ab der demokratischen Bewegung seit den 1960er Jahren. Den optischen Hintergrund liefert eine Nachbildung der Terrasse seines Hauses in Pacific Palisades in den USA, das 2016 von Deutschland erworben und 2018 als „Ort des Nachdenkens und der Diskussion über die gemeinsamen Herausforderungen unserer Zeit” von Frank Walter Steinmeier eröffnet wurde.

Thomas Mann
Thomas Mann House, Kalifornien. Foto: Sonja Reichel

Die vielen Beispiele der Höhen und Tiefen unserer Staatsform sind dargestellt in Kurzfilmen von und mit John F. Kennedy, Hannah Arendt, Angela Merkel, Frank Walter Steinmeier, Edward Snowden, Greta Thunberg und vielen anderen…

Thomas Mann
Ausstellung. Foto: Sonja Reichel

Demokratie Quiz

Gespickt ist die Ausstellung darüber hinaus mit vielen zeitlosen und hochaktuellen Zitaten rund um die Demokratie. Versuchen Sie sich doch mal im Zuordnen zu den Autoren (Auflösung siehe unten):

„Die demokratische Freiheit hat meine Generation geschenkt bekommen. Jetzt müssen wir noch stark genug werden, um uns selbst und einander in Freiheit zu ertragen.“

„Es ist also an uns, uns selber der großen Aufgabe zu weihen, die noch vor uns liegt;… dass diejenige Staatsform, in welcher das Volk allein durch das Volk zum Besten des Volkes herrscht, nicht von der Erde verschwindet.“

„Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die wir kennen, in der wir unfähige Politiker unblutig loswerden können….“

„Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument.“

„Demokratie beruht auf drei Prinzipien: auf der Freiheit des Gewissens, auf der Freiheit der Rede und auf der Klugheit, keine der beiden in Anspruch zu nehmen.“

„Ich denke, wir Menschen werden nur äußerst langsam reif für die Nutzung unserer Freiheit im Dienste des kostbaren, aber überaus anfälligen Systems unserer jungen Demokratie.“

“Von diesem Tag an wird eine neue Vision unser Land regieren. Von diesem Tag an wird es nur noch ›America first‹ heißen, ›America first‹”.

“Not ›America First‹ but ›Democracy First‹ and ›Human Dignity First‹ is the slogan which will really lead America to first place in the world…”

“Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.”

“Die Demokratie setzt die Vernunft im Volke voraus, die sie erst hervorbringen soll.”

Der Bogen zur Gegenwart

Der Sog der Ausstellung entsteht beim Sich-Einlassen auf Thomas Manns Ringen: immer mehr fallen dann Parallelen zu heute ins Auge, ich kann seine Schwierigkeiten ganz persönlich nachvollziehen.

Thomas Mann war spätberufener Demokrat, zuerst eher aus Alternativlosigkeit denn aus Leidenschaft. Die „heile alte Welt“ war weggebrochen, die deutsche Gegenwart immer radikaler und gewaltvoller, das gesamte Wertefundament der Menschlichkeit erodierte. Der Blick in die Zukunft für einen Intellektuellen (verheiratet mit einer Jüdin) konnte düsterer kaum sein, obwohl er rein materiell keine Not litt.

Lesetipp: Wer war Wolfgang Herrndorf

Geht es uns heute nicht ähnlich? Die meisten treibt keine Not in die Arme der aktiven politischen Teilhabe, sondern das Unwohlsein angesichts aktueller Strömungen und Gewaltakte, das Gefühl, ein Gegengewicht der Menschlichkeit und Vernunft schaffen zu müssen, scheucht uns aus der Komfortzone. Und noch mehr als Thomas Mann vor hundert Jahren, wissen wir heute genau, in welchem Maße eine Ideologie zerstörerisch wirken und wie weit sie die Menschheit zurückwerfen kann…

Auch damals schon keimten – alternativ zu den zerstörerischen – wunderbare ganzheitliche Lebens- und Gesellschaftsformen, man denke an das Bauhaus, die städteplanerischen Entwürfe eines Theodor Fischer, u.a…

Lässt du noch gestalten oder gestaltest du schon?

Demokratie ist permanent in Entwicklung, zeitgeistig, dynamisch, will unser Bekenntnis und unser Handeln, sie fordert dauernde Zuwendung und verantwortungsvolle Aufmerksamkeit. Sie läuft aus dem Ruder, wenn man sich nicht um sie kümmert. Klingt pubertär? Ist es vielleicht auch… Oder ihr Zustand ist ein Indikator für die Reife der Beteiligten. Dann wäre es vielleicht besser, wir würden erwachsen, indem wir Verantwortung übernehmen, für unsere Gedanken, Worte und Werke…?

Wie die Zeit damals Thomas Mann gefordert hat, fordert sie uns heute. Die Frage ist: wie entscheiden wir uns heute?

Auflösung Demokratie Quiz

„Die demokratische Freiheit hat meine Generation geschenkt bekommen. Jetzt müssen wir noch stark genug werden, um uns selbst und einander in Freiheit zu ertragen“ Julia Zeh*1974

„Es ist also an uns, uns selber der großen Aufgabe zu weihen, die noch vor uns liegt;… dass diejenige Staatsform, in welcher das Volk allein durch das Volk zum Besten des Volkes herrscht, nicht von der Erde verschwindet.“ Abraham Lincoln 1809-1865

„Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die wir kennen, in der wir unfähige Politiker unblutig loswerden können….“ Karl Popper 1902-1994

„Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument.“ Aleida und Jan Assmann *1947/*1938

„Demokratie beruht auf drei Prinzipien: auf der Freiheit des Gewissens, auf der Freiheit der Rede und auf der Klugheit, keine der beiden in Anspruch zu nehmen.“ Mark Twain 1835-1910

„Ich denke, wir Menschen werden nur äußerst langsam reif für die Nutzung unserer Freiheit im Dienste des kostbaren, aber überaus anfälligen Systems unserer jungen Demokratie.“ Frido Mann *1940

“Von diesem Tag an wird eine neue Vision unser Land regieren. Von diesem Tag an wird es nur noch ›America first‹ heißen, ›America first‹”. Donald Trump, 2017

“Not ›America First‹ but ›Democracy First‹ and ›Human Dignity First‹ is the slogan which will really lead America to first place in the world…”. Thomas Mann 1941

“Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf” J. W. von Goethe

“Die Demokratie setzt die Vernunft im Volke voraus, die sie erst hervorbringen soll.” Karl Jaspers 1983-1969

Ausstellung “Democracy will win!” im Münchner Literaturhaus bis 4.10.2020, täglich geöffnet von 11 bis 18 Uhr.

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