Sprachlos agieren

Schauspielworkshop

Theresia in einer Bewegungsabfolge. Foto: Petra Kurbjuhn

Seminar in Warngau

Zu einem Schauspielworkshop konnte KulturVision e.V. den Schauspieler und Regisseur Jochen Strodthoff aus Hausham gewinnen. Dazu fanden sich im Warngauer Pfarrsaal Teilnehmer zwischen 20 und über 70 Jahren zusammen. Ihr Resümee: anspruchsvoll, anstrengend, aber es hat viel Spaß gemacht.

So viel Spaß, dass sich einige wünschten, einmal ein ganzes Wochenende mit Jochen Strodthoff im Workshop zu verbringen. Es sei eine Herausforderung gewesen, in nonverbalen Übungen, nur mit persönlichen Gesten etwas ausdrücken zu müssen. Aber auch auf die anderen Teilnehmer zu achten und auf sie zu reagieren, die Achtsamkeit in der Gruppe wahrzunehmen, das sei es gewesen, was sie mitnehmen könne, meinte Theresia. Dabei habe ihr gefallen, die Gesten intensiv, aber minimalistisch darzustellen, „weniger ist mehr“, sagte sie.

Jochen Strodthoff
Seminarleiter Jochen Strodthoff. Foto: Florian Bachmeier

Wahrnehmen und das Warten aushalten zu können, das habe sie an diesem Tag gelernt, sagte Heidi. Und Michael fügte an: „Ich fühle mich extrem wohl, auch wenn ich jetzt nicht Schauspieler werde.“ Es sei eine neue Erfahrung für ihn gewesen, sprachlos agieren zu müssen, denn normalerweise passiere ja alles über die Sprache. Jetzt könne er, der sehr theateraffin sei, Bewegungen viel besser verstehen.Das Anliegen des Tages war es, sich mit dem Körper und der Form zu befassen, erklärte der Seminarleiter. Er habe choreografische Übungen nach Pina Bausch angeboten, man habe sich mit Gesten befasst und dabei auch erfahren, dass sich alles in der Gruppe verändert, wenn sich nur einer verändert.

Als ich am Nachmittag nach der Kaffeepause mit Erdbeer- und Schokoladenkuchen zur Gruppe dazustoße, spüre ich schon eine große Vertrautheit unter den Teilnehmern, obwohl sich die meisten vorher nicht kannten.

Schauspielworkshop
Freiheit und Gefangensein wird gestisch dargestellt. Foto: MZ

Sie wiederholen eine Übung, die sie schon am Vormittag gemeinsam entwickelt haben. Zum Thema „Freiheit und Gefangensein“ hat jeder Teilnehmer persönliche Assoziationengefunden und dann individuell eigene Bewegungsabläufe erarbeitet. Jochen Strodthoff intensivierte und verstärkte den körperlichen Ausdruck mit jedem „Eleven“.

Lesetipp: Vom Aufprall bis zum Untergang – Jochen Strodthoff inszeniert den „Untergang der Titanic“

Jetzt sind sie ganz sicher und gehen nach Musik in ihren Bewegungen auf. Michael fällt in sich zusammen, Katrin geht in die Knie und hat ihre Arme vor der Brust gespannt. Theresia steht auf einem Ausguck und schaut in die Ferne. Heidi öffnet die Arme weit, Franzi ballt ihre Fäuste, Katharina sitzt am Boden und Iris wehrt mit ihren Händen etwas ab. Jeder hat seinen ganz speziellen Weg gefunden, die vorgegebenen Begriffe gestisch umzusetzen und eine eigene Form dafür zu finden.

Schauspielworkshop
Im Wartezimmer: Katharina, Heidi und Iris (v.l.). Foto: MZ

In einer nächsten Übung sollen die Teilnehmer Patienten in einem Wartezimmer sein. Jeder soll sich eine Krankheit überlegen, einen Grund dieses Wartezimmer zu betreten. Jeder erhält einen Satz, den er sagen kann, aber nicht muss. Im Wartezimmer passiert äußerlich scheinbar gar nichts, aber die Spannung zwischen den Personen ist spürbar.

Jochen Strodthoff möchte, dass seine Schüler lernen, mit der konkreten Situation des Wartens authentisch umzugehen, ohne unnötig zu übertreiben. „Man sieht, man braucht nur wenig“, ermuntert er. Dann aber bringt er Humor ins Geschehen, denn Katharina spielt eine Patientin, die offensichtlich Darmbeschwerden hat und er liefert die passenden Geräusche dazu. Was passiert, wenn einer dazukommt, wie reagieren die vorher schon Wartenden? Verbünden sie sich gegen den Neuankömmling? Macht jemand Platz, wenn nur drei Stühle da sind und Heidi offensichtlich hochschwanger ist?

Schauspielworkshop
Petra und Michael in der Partnerübung. Foto: MZ

Als letztes folgt eine Partnerübung, zu der Jochen Strodthoff kurze Dialoge austeilt und einen geheimen Auftrag, der die Situation benennt. Dazu gibt es nur einen Tisch und zwei Stühle. Einer sitzt da, der andere kommt dazu. „Mich interessiert, was passiert, bis der erste Satz fällt“, sagt der Regisseur und empfiehlt, den Text ebenfalls als eine konzentrierte Form zu begreifen.

Theresia und Heidi beginnen einen Schlagabtausch, bei dem es eigentlich um ihre Beziehung geht, während scheinbar aber nur über das Wetter gesprochen wird. Der emotionale „Subtext“ wird dabei nonverbal verhandelt. „Das war sehr beeindruckend“, lobt Jochen. Ähnlich läuft es zwischen Petra und Michael. Er kommt mit offensichtlich schlechtem Gewissen, überspielt es aber mit Lächeln und Umarmen, während sie Fragen stellt. „Immer dieselben Fragen“, antwortet er ihr genervt.

Schauspielworkshop
Ein gelungener Tag. Foto: MZ

Als Zuschauerin bin ich froh, diese intensiven Szenen miterleben zu dürfen. Und zweifelsfrei werden wir Jochen Strodthoff nicht auslassen, sondern ihn wieder einladen zum Schauspielworkshop. Denn die Teilnehmer machen am Ende einen sehr zufriedenen, gar glücklichen Eindruck.

KulturVision bietet regelmäßig Seminare zu unterschiedlichen Themen an, Infos dazu finden Sie auf unserer Projektseite Schreibseminare.

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