Kunst der ritualisierten Bewegung

Akira Matsui No Theater München - Meta Theater Moosach

Theater in Moosach/Ebersberg

Zeit scheint einer anderen Gesetzmäßigkeit zu unterliegen, wenn Akira Matsui auf der Bühne tanzt, in kostbare Seide gehüllt und maskiert. Nô Theater ist Gesamtkunstwerk aus Wort, Musik und Tanz mit 600-jähriger Geschichte. Lebendig in Moosach.

Der berühmte Meister des japanischen Nô, der auch den ehrenvollen Titel „Living National Treasure“ trägt, gibt derzeit im Meta Theater einen 5-tägigen Workshop im Meta Theater Moosach. Er vermittelt seinen Schülern die Kunst des Nô, die für uns Europäer so faszinierend wie fremd anmutet. Ähnlich wie bei der japanischen Schwertkunst geht es beim Nô um geistige Kraft, die sich im Körper manifestiert. Es sind minimale Bewegungen, die große Wirkung erzielen, denn die Mimik ist unter einer Maske verborgen, die den Spieler zugleich blind macht. Daher trägt er die Bühne samt vorgegebener Wege im Kopf. Nô ist die Beherrschung von Körper und Geist in höchster Perfektion. Für den Zuschauenden gefriert die Zeit gleich Traumsequenzen, denen er in wacher Beobachtung innewohnt. Am Samstag Abend gab er eine eindrucksvolle Vorstellung seiner Kunst.

Trilogie verschiedener Fraueninkarnationen

Als Meister des traditionellen Nô und Träger des Ehrentitels fühlt sich Akira Matsui der Bewahrung der Tradition verpflichtet. Zugleich ist es seine Neugier und Experimentierfreude, die ihm das Aufbrechen der Strenge, das Grenzgehen zwischen den Künsten auferlegt. Er schlägt einen Bogen vom traditionellen, ritualisierten Nô hin zur Moderne. Es ist eine schwierige Gratwanderung, den vorgegebenen Stil zwar unversehrt zu lassen, und ihn doch mit gänzlich neuen Ausdruckmöglichkeiten zu konfrontieren. Am Anfang der Trilogie verschiedener Frauenrollen stand ein Nô Klassiker: „Das Federkleid“, eindrucksvoll getanzt im roten Seidengewand einer Himmelsgöttin und der Anmut einer sehr jungen Frau.

No Theater in München
No Meister Akira Matsui und Masako Ohta. Foto: IW

Darauf folgte ein modernes Stück, mit dem sich der Meister am weitesten vom traditionellen Nô entfernte, und doch in seiner Essenz ganz bei ihm blieb: „Rockaby“ von Samuel Beckett. Der Einakter um das Sterben einer alten Dame im Schaukelstuhl ihrer Mutter, mit dem sich Beckett dem Nô zuwandte, ist düster, beinahe bedrohlich. Und doch gerade in seiner gelungenen Reduktion perfekt für die minimalistische Bühnenkunst. Gelesen wurde Samuel Becketts Stück von der Münchener Schauspielerin Marion Niederländer.

Fremde Töne zersplittern im Raum, in Zeit und Stille

Musikalische Begleitung hatte Meister Matsui durch die Pianistin Masako Ohta. Sie spielte beispielsweise im dritten Teil einfühlsame Stücke der „Narayama Lieder“ aus der „Japanischen Romantik“ des 19. Jahrhunderts.

Masako Ohta und Akira Matsui

No Meister Akira Matsui und Pianistin Masako Ohta im Meta Theater Moosach. Foto: IW

Zu dieser vergleichsweise neuen Musik griff Akira Matsui ein traditionelles Thema auf: Die Erinnerungen einer alten Frau an ihren Geliebten, während sie auf den Berg Nara steigt, um dort zu sterben. Sein Spiel reduzierter Bewegungen der blinden, gebrechlichen Greisin war derart dicht und greifbar, dass es auch ohne Kenntnis des Inhalts mühelos gelang, den Sinn zu erfassen. Volker Weinberg füllte auf der Koto den Raum zwischen den Stücken und entlockte den 13 Saiten der japanischen Liegeharfe weiche, zauberhaft fremde Töne.

Einer lebenden Legende begegnen

Nach dem Konzert und begeistertem Applaus beantwortete Akira Matsui die interessierten Fragen seines Publikums. Die Zuschauer erlebten, nunmehr unmaskiert, einen lebhaften Mann mit humorvoller Mimik und lebendiger Gestik, der mit großer Leidenschaft von der Seele des Nô sprach. Einen so herausragenden Künstler derart nah zu erleben und auch nach der Vorstellung in kleinem Kreis noch bei einem Glas Wein persönlich zu sprechen, wäre in Japan unmöglich. Dort ist er eine lebende Legende. Den Göttern näher als den Menschen. Im kleinen Rahmen des außergewöhnlichen Meta Theaters hingegen wird das Unmögliche möglich. Dafür sorgt der Künstlerische Leiter, Architekt, Schauspieler und Regisseur Axel Tangerding mit leidenschaftlichem Engagement und großer Liebe zur asiatischen Bühnenkunst. Für die Leser aus dem Landkreis Miesbach ist es nur eine kurze Reise dorthin. Sie wird in jedem Fall belohnt.

 

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