
Ludwig Erhard und seine Umweltpolitik
Blick in die Ausstellung „Luwig Erhard“ im Rathaus Gmund 2023. Foto: MZ
Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard lebte in Gmund am Ackerberg und ist auf dem Gmunder Bergfriedhof begraben. Seine Verbindung zum Ort dokumentiert eine Skulptur von Otto Wesendonck im Zentrum. Eine Gruppe Jugendlicher hat jetzt eine umfassende Recherche über seine Umweltpolitik veröffentlicht, die wir hier in Auszügen wiedergeben.
Ludwig Erhard gilt als Vater der Sozialen Marktwirtschaft und als Verantwortlicher für das Wirtschaftswunder. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er unter Konrad Adenauer der erste Wirtschaftsminister und von 1963 bis 1966 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Grab Ludwig Erhards auf dem Gmunder Bergfriedhof. Foto: Petra Kurbjuhn
Wie dachte der Wirtschaftswissenschaftler Erhard zu Umwelt- und Klimaschutz? Das Phänomen der Klimakrise war ihm bekannt – einem Politiker, der für das Amt des Bundeskanzlers in die CDU eingetreten ist, sich aber zeit seines Lebens mit der FDP stärker verbunden fühlte, was man auch daran erkennt, dass wohl kaum jemand anderes in diesem Maße mit dem Schlagwort „Freiheit“ verbunden wird.
Lesetipp: Ludwig Erhard in Gmund
Nach dem Krieg
Ludwig Erhards Zeit als Politiker wird nicht mit Umweltschutz verbunden. Das hat auch einen Grund, der vermutlich generell alle Politiker*innen der damaligen Zeit betraf. Im Jahr 1972, also mehrere Jahre nach seiner Kanzlerschaft, als Umweltthemen präsenter wurden, schrieb Erhard in Bezug auf Nachhaltigkeit:
„Wenn z. B. heute unwidersprochen und ohne Besinnung die oberflächliche Feststellung getroffen werden darf, daß die Bundesregierungen nach 1948 der Erfüllung von Gemeinschaftsaufgaben nicht gerecht geworden seien, dann scheint doch immerhin der Einwand berechtigt, daß zu jener Zeit das deutsche Volk anderes Verlangen trug – das nämlich, wieder ein menschenwürdiges Dasein führen und volks- und privatwirtschaftlich nützliche Arbeit leisten zu dürfen –, ja satt werden zu können. Das sei all den Snobs gesagt, die sich heute ohne eigenes Erleben und ohne auch nur den Schein eines Geschichtsbewußtseins als Zensoren aufspielen möchten.“
Volk ist Teil des Staates
Ludwig Erhard war überzeugt davon, dass das Volk Teil des Staates sei. Wenn Menschen vom Staat fordern, dass dieser sich um die „Reinhaltung der Luft und des Wassers sorgen“ und „die Verkehrsverhältnisse ordnen“ müsse, dann „muß der Staatsbürger begreifen, daß er damit im letzten Grunde sich selbst anspricht“. Erhard erklärt, dass der Staat in seinen Handlungen den Willen des Volkes widerspiegele. Wenn also zu wenig für den Gewässerschutz getan werde, liege das laut Erhard daran, dass es nicht genügend Einsicht in der Bevölkerung für die Notwendigkeit von Gewässerschutz gebe. Grund dafür sei ein mangelnder Willen zum Verzicht:
„Es gibt keine Leistungen des Staates, die sich nicht auf Verzichte des Volkes gründen.“

Der Europäer Ludwig Erhard. Foto: MZ
Freiheit
Für Ludwig Erhard war es wichtig, dass „Freiheit“ nicht nur eine leere Floskel ist: „Es muß unser unablässiges Bemühen sein, die Werte, die unsere Verfassung setzt, ins Bewußtsein aller Bürger zu rücken und es immer wieder deutlich zu machen, daß Freiheit mit Verantwortung gepaart sein muß, wenn sie nicht chaotisch entarten soll.“
Erhard machte auch auf etwas aufmerksam, das aktuell von vielen Verfechter*innen des Umweltschutzes gesagt wird. Er erklärte, wie viele Ereignisse in der Geschichte der Menschheit mit „Umweltgestaltung“ zu tun haben. Das sei nicht zu leugnen. Er erkannte die Relevanz der Umweltgestaltung an. Ob er über Umwelt im Sinne von „alles, was uns umgibt“ oder „Ökologie“ schreibt, ist nicht immer ganz eindeutig. Wahrscheinlich meint er eine Mischung aus beidem, so lässt sich aus dem Kontext seines Aufsatzes „Der Mensch in seiner sozialen und wirtschaftlichen Umwelt“ erahnen.
Wirtschaft
In mehreren Texten setzt sich Ludwig Erhard nach seiner Kanzlerschaft mit dem Thema „Umwelt“ auseinander.
„Der Kampf gegen Luftverschmutzung und Wasserverunreinigung erfordert daher erhebliche Kosten, weil z. B. Wasser mit staatlichen Geldern wieder für den menschlichen Bedarf aufbereitet werden muß oder die Bevölkerung soziale Kosten insofern tragen muß, als der Gesundheitszustand durch Luftverschmutzung und Wasserverunreinigung beeinträchtigt wird.“

Der Demkrat Ludwig Erhard. Foto: MZ
Wenn Ludwig Erhard also die Industrie in Schutz nimmt oder lobt, heißt das nicht, dass er versucht, die Industrie aus der Verantwortung zu ziehen. Und Erhard hat auch nicht immer die Industrie verteidigt, sondern ihr auch etwas zugemutet: Er forderte immer wieder, dass Unternehmen in ihrer Umweltzerstörung beschränkt werden müssten.
„Der Schutz der Bevölkerung vor Umweltschäden macht es notwendig, dass die Wirtschaft ihre soziale Verpflichtung bei der Entwicklung der Technik durch Maßnahmen zur Abwehr von Schäden für die Menschen erkennt und verwirklicht.“
Dringlichkeit von Umweltschutz
Mal wieder zu den 70er Jahren:
„Nein – es geht nicht darum, die Umweltverschmutzung zuzulassen und das hinterher zu reparieren, sondern Ziel der gesetzlichen Bestimmungen ist die Verhinderung von Umweltschäden beim Produktionsprozess selbst.“
Aus zahlreichen Reden lässt sich ein immer gleiches Motiv für Umweltschutz herausarbeiten: Umweltzerstörung ist noch teurer als Umweltschutz. Dass Ludwig Erhard damit etwas erkannt hat, was Wissenschaftler erst Jahrzehnte danach konkret ausrechnen konnten, ist sicherlich bemerkenswert.
Verkehrspolitik
Ludwig Erhard empfahl vom Auto weg zu einer Gleichberechtigung von ÖPNV, Fahrrad und Auto zu kommen:
„Jeder einzelne Bürger ist selbst aufgerufen, sich aktiv an der Verschönerung der Umwelt zu beteiligen. Man kann das Auto in der Garage lassen und zur Arbeit oder ins Wochenende mit dem Fahrrad fahren. Dies verpestet nicht die Gegend, macht den Körper ‚fit‘ und bringt wochentags vielleicht sogar eine Zeitersparnis, weil es weniger Verkehrsstockungen gibt. Man braucht auch keine Einwegflaschen zu kaufen. Sicher mag ein bißchen Selbstdisziplin am Anfang lästig sein, vor allem, weil man es nicht gewohnt ist, dient aber der Gesellschaft und letztlich dem einzelnen auch selbst.“

Ludwig-Erhard-Denkmal von Otto Wesendonck in Gmund. Foto: Petra Kurbjuhn
Konsum
Erhard hat die Jugend mehrfach für ihr unverantwortliches „Geldverdienen- und Versorgtsein-Wollen“ kritisiert:
„Die Menschen haben es zwar zuwege gebracht, das Atom zu spalten, aber nimmermehr wird es ihnen gelingen, jenes eherne Gesetz aufzusprengen, das uns verbietet, mehr zu verbrauchen, als wir erzeugen.“
Konsum, der sich nicht an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientiert (Überkonsum also) und den wir heute in hohem Maße für die Klimakrise verantwortlich machen können, war Ludwig Erhard also schon damals ein Dorn im Auge.
Energie
Über erneuerbare Energien wurde kaum gesprochen. Es ging vor allem um Kohle und Öl. Ludwig Erhard war – auch als Bundeskanzler – im Gegensatz zu Konrad Adenauer Mitglied der Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft (IPA), einer Vereinigung von Parlamentarier*innen, die sich für mehr Natur- und Umweltschutz einsetzten.
Was von Ludwig Erhard bleibt

Eine Briefmarke erinnert an Ludwig Erhard. Foto: Petra Kurbjuhn
Auffällig bei unserer Recherche war, dass wir eine im Vergleich zum Adenauer-Artikel vielfache Zahl von Personen anschreiben mussten, um überhaupt Ansätze für unsere Recherche zu bekommen. Wir haben Historiker*innen, zahlreiche Archivare, Ökonomen, die Ludwig-Erhard-Stiftung, das Ludwig-Erhard-Zentrum, den Ludwig-Erhard-Initiativkreis kontaktiert. Vor allem aus den im Nachhinein getätigten Aussagen aber kann man sehr gut ablesen, wie Erhard zu Umweltschutz stand. Er hielt ihn für extrem wichtig, erhoffte sich einen Wettbewerbsvorteil, mahnte wegen der Kosten, die durch ungenügend Umweltschutz entstehen, hat sich mit möglichen zukünftigen Folgen durch die Klimakrise auseinandergesetzt und diese auch ernst genommen.
Zum Weiterlesen: Der gesamte Artikel ist im Umweltmagazin veröffentlicht.