
Lokal neu denken
Julia Jäckel leitet Tegernsee Weekly, ein Onlinemagazin für das Tegernseer Tal. Foto: Privat
Wie Julia Jäckel Lokaljournalismus neu denkt
An die 1000 Menschen haben den Newsletter Tegernsee Weekly abonniert und es werden ständig mehr: Julia Jäckel hat viel vor mit ihrem Onlinemagazin. Ein Gespräch über Tegernsee Weekly und was guten Lokaljournalismus ausmacht.
Julia Jäckel sitzt auf einem großen Sessel, den Videocall macht sie mit dem Mobiltelefon von unterwegs. Vor dem Gespräch mit KulturVision hat sie selbst ein Interview geführt. Das zeigt vielleicht schon an, was ihr Onlinemagazin „Tegernsee Weekly“ kennzeichnet: digitale Inhalte, mobiles Lesen, vor Ort sein. Julia Jäckel denkt Journalismus neu – und digital. Dabei setzt die Journalistin auf ein multimediales Auftreten: Text, Podcast und in den sozialen Medien auch Video. Mit einem festen und vier freien Mitarbeitenden versorgt sie das Tegernseer Tal mit Neuigkeiten und, wie sie ergänzt, mit dem „Lebensgefühl Tegernsee“. Wir haben mit Julia Jäckel über ihre Pläne mit Tegernsee Weekly gesprochen – und darüber, was guten Lokaljournalismus ausmacht.
KulturVision:
Der Lokaljournalismus gilt seit Jahrzehnten als tot, vor allem im Printbereich. Sinkende Leserzahlen und Werbeeinnahmen haben ihn sterben lassen, heißt es. Ist das auch Deine Erfahrung – und ist Tegernsee Weekly Deine Antwort darauf?
Julia Jäckel:
Der Lokaljournalismus hat es in der gedruckten Presse schwer, das stimmt. Eine Ursache für den Niedergang ist sicher auch ein Verlust an Vertrauen in Politik und Medien gleichermaßen. Vielen ist in den Medien einfach auch zu viel Meinung drin. Die Menschen haben aber ein großes Interesse an Lokalnachrichten, sie wollen wissen, was bei ihnen vor Ort los ist. Mein Angebot mit Tegernsee Weekly ist es daher, die Menschen direkt anzusprechen und zu fragen ‚was interessiert euch denn?‘
KulturVision:
Eine Art Community-Journalismus also?
Julia Jäckel:
Ja, wobei ich den Begriff community- oder gemeinschaftsorientiert bevorzuge. Wir wollen nicht Bürgerjournalismus machen, wo die Leute selbst journalistisch tätig sind. Vielmehr gehe ich zu den Leuten und rufe sie dazu auf, mir zu sagen, wo sie ein Thema sehen, über das es sich lohnt zu berichten. Ganz wichtig ist dabei, dass wir uns als Menschen auch wirklich begegnen und miteinander sprechen.

Julia Jäckel ist viel vor Ort im Tegernseer Tal und macht gemeinschaftsorientierten Journalismus. Foto: Privat
Slow Journalism
Zwar gibt es bei Tegernsee Weekly keine eigene Rubrik „Kultur“, denn der Schwerpunkt liegt auf Lokalpolitik. Dennoch seien ihr Kulturthemen sehr wichtig, betont Redaktionschefin Julia Jäckel. „Kultur“ dürfe dabei nur nicht eng verstanden werden. So sollten auch Themen aus der Popkultur und ganz allgemein kreative Ansätze vorkommen, fügt sie hinzu. Künftig wird KulturVision mit Tegernsee Weekly kooperieren und Texte in beiden Magazinen ausspielen.
KulturVision:
Bevor Du Tegernsee Weekly gegründet hast, warst Du bei der Tegernseer Stimme. Ist das neue Magazin die Fortführung des alten?
Julia Jäckel:
Nein, ist würde eher sagen, es ist die Antwort auf die Lücke, die entstanden ist, seitdem es die Tegernseer Stimme nicht mehr gibt. Zudem haben wir einen etwas anderen Ansatz. Wir verfolgen den sogenannten Slow Journalism, lassen uns also Zeit für gute und auch mal längere Geschichten. Wir machen keinen Boulevard und auch kein Blaulicht, also berichten nicht über Unfälle und dergleichen. Und wir haben verschiedene Rubriken wie etwa ‚Drei Fragen an‘, in denen wir Menschen zu Wort kommen lassen. Insgesamt wollen wir die Berichterstattung entschleunigen und, ganz wichtig, für die Menschen vor Ort machen.

Walter Gunz, Mitgründer von Media Markt, wollte dem in der Ostsee gestrandeten Wal Timmy zu Hilfe kommen. Tegernsee Weekly hatte darüber berichtet und für den Text in den sozialen Medien mit Hilfe dieses KI-generierten Bildes Werbung gemacht. Foto: Tegernsee Weekly, Screenshot
Keine Bezahlschranke
KulturVision:
Ein großes Problem für viele kleinere Medien ist die Finanzierung. Das wird besonders relevant bei Onlinemedien, schließlich ist im Netz vieles kostenlos lesbar. Wie hast Du das Problem gelöst?
Julia Jäckel:
Wir wollen grundsätzlich unabhängig von Geldgebern sein, es gibt daher nur wenige Werbepartner. Unser Modell beruht auch bei der Finanzierung auf der Community, der Gemeinschaft, denn eine Paywall, eine Bezahlschranke also, möchte ich auch nicht. Über die Plattform Steady bieten wir daher verschiedene Abomodelle an. Die Texte sind nach wie vor frei verfügbar, aber die Abonnenten erhalten je nach Abo zusätzliche Infos und können uns persönlich treffen. Ich bin überzeugt, dass die Menschen für guten Journalismus zahlen, wenn sie sich mit dem Medium identifizieren. Ob wir langfristig wirklich auf eine Bezahlschranke verzichten können, hängt aber davon ab, wie viele Menschen diese Idee aktiv unterstützen. Es liegt also ein Stück weit auch an der Community selbst.
KulturVision:
Tegernsee Weekly gibt es seit 2025. Wohin soll die Reise denn gehen – und wird es immer beim Fokus auf den Tegernsee bleiben?
Julia Jäckel:
Wir haben aktuell unseren Schwerpunkt schon auf dem Tegernsee, schauen aber manchmal auch darüber hinaus. Auf längere Sicht würde ich gerne ein Medienhaus aufbauen, bei dem es dann auch Miesbach Weekly oder Oberland Weekly gibt. Die Lesenden können sich dann dort die Informationen holen, die sie interessieren.
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