Kultur der Reparatur

Reparatur

Kultur der Reparatur. Foto: pixabay

Unter diesem Titel veröffentlichte Wolfgang M. Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums, schon vor Jahren ein Buch. Jetzt referierte er online bei acatech am Dienstag in Kooperation mit der vhs.wissen live über das Thema mit fast 300 Teilnehmern, das in Zeiten der Klimakrise immer brisanter wird.

„Ohne Wissen können wir nicht die Welt der Zukunft gestalten“, eröffnete der Wissenschaftler seinen Vortrag. In der Wissenschaftskommunikation und Politikberatung spiele acatech hier eine wesentliche Rolle auf höchstem Niveau. Sein 2013 geschriebenes Buch fasse die Gedanken vieler Menschen zusammen, die die Dinge begreifen und die Welt verstehen wollen.

Reparatur
Verantwortung für unsere Erde übernehmen. Foto: pixabay

„Wir befinden uns am Ende der Wachstums- und Wegwerfgesellschaft“, konstatierte Wolfgang M. Heckl. Der Blick auf unseren blauen Planten aus dem Weltall zeige, wie zerbrechlich die Erde sei und dass wir die Verantwortung dafür tragen, sie besser zu behandeln. Die Menschen müssten wieder lernen, Ressourcen und das Reparieren als alte Kulturtechnik wieder wertzuschätzen.

Als „Leitfossil“ für die Wegwerfgesellschaft zeigte der Referent Plastik, davon würden nur neun Prozent recycelt und rief dazu auf, nicht nur Müll zu trennen, sondern zu vermeiden und moderne Bioverfahren über Bakterien zu entwickeln, mit denen man Plastik depolymerisieren könne.

Reparatur Plastikmüll
Plastikmüll am Strand. Foto: pixabay

„Was können wir dem Prinzip der Wegwerfgesellschaft entgegensetzen“, fragte er und antwortete: „Die Natur als Vorbild nehmen.“ Das Leben sei molekulare Selbstorganisation. Wenn sich Moleküle zu Zellen verbinden, gehe das nicht ohne Fehler ab, aber die Natur habe gelernt, zu heilen, siehe eine Wunde, die von selbst wieder zuheilt.

„Wir können nicht überleben ohne Reparatur, das ist ein Naturprinzip“, konstatierte der Vortragende. Reparatur sei eine Erziehungsaufgabe. Er erzählte launig von seiner ersten Reparatur, als er, gerade fünfjährig, den Radiosprecher im Röhrenradio der Eltern suchte, lauter nutzlose Teile im Inneren fand und den spannenden Magneten des Lautsprechers entfernte. Die Eltern schimpften nicht, sondern fanden es gut, dass der Bub hinter die Dinge schauen wollte.

Wolfgang M. Heckl
Wolfgang M. Heckl bei einem Vortrag in Bad Wiessee 2014. Foto: MZ

Dinge selbst in die Hand zu nehmen, das sei der Sinn der Repaircafés, von denen es bereits über 1000 in Deutschland gebe. Diese hätten auch einen sozialen Aspekt, denn hier träfen sich Menschen, die gemeinsam überlegen, wie sie in Zukunft leben wollen. Hier verbinde sich die Achtsamkeit gegenüber Menschen, aber auch gegenüber Dingen und man erhalte niederschwellig Zugang zur Welterkenntnis. Die führe dazu, dass man sich autark von der Konsumgesellschaft absetzen können. Und Reparatur führe sogar zu Endorphinausschüttung, also Glücksgefühlen, wenn man selbst etwas wieder in Gang gebracht habe.

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Diese Erfahrung müsse man Kindern für eine sinnvolle Lebensgestaltung frühzeitig vermitteln. Leider gebe es genügend Industrieprodukte, wo die Sollbruchstelle schon eingebaut sei, die sogenannte Obsoleszenz.

Wolfgang M. Heckl hatte praktische Ideen dabei und forderte von der Politik ein gesetzlich verankertes Recht auf Reparatur. Dies müsse sich in einem Verzicht der Mehrwertsteuer auf Reparaturen niederschlagen. Zudem forderte er ein Ampelsystem zur Klassifizierung von Gebrauchsgegenständen, aus dem man Ersatzteilbevorratung und den Zugang zu Bau- und Designplänen ablesen könne. Er empfahl die Reparaturplattformen, die es online bereits gibt.

Als Vorbild für gutes Design nannte er den Industriedesigner Dieter Rams, der die Prinzipien ästhetisch, ehrlich, langlebig, umweltfreundlich vertrete, er empfehle darüber hinaus das Prinzip der sortenreinen Wiederverwertung mit aufzunehmen. Lobend erwähnte der Referent auch das Textilsiegel „Grüner Knopf“ von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller.

Will die Industrie Reparatur?

Er sei zuversichtlich, dass wir die Kurve noch kriegen. „Wir haben uns mit der Wegwerfgesellschaft im Berg verstiegen und müssen jetzt da wieder herauskommen.“ Auf die Frage von Moderator Claus Lüdenbach von vhs.wissen, ob es denn überhaupt von der Industrie gewollt sei zu reparieren, antwortete Wolfgang M. Heckl, dass dies die Kernfrage sei, ob nämlich das kapitalistische System einen Gewinn darin sehe, dass die Erde und die Menschheit überlebt. Das Zusammenspiel von Hersteller und Kunde müsse gesetzgeberisch begleitet werden.

Zudem brauche es eine antikonsumistische Einstellung, nichts zu kaufen, was man nicht wirklich brauche. Und die technische Spezialisierung müsse so vonstattengehen, dass alle Menschen Zugang zu den Ressourcen bekommen. Das Handwerk müsse wieder mehr Wertschätzung erfahren und „wir brauchen eine Transformation zur sozialen und ökologischen Marktwirtschaft“.

Das Schlussbild der Veranstaltung zeigte noch einmal die Wichtigkeit der Reparatur, nicht nur bei Dingen, sondern auch bei Beziehungen: Warum Opa und Oma immer noch zusammen sind? Weil sie kaputte Dinge repariert haben, anstatt sie wegzuwerfen!

Wolfgang M. Heckl. „Die Kultur der Reparatur“ Hanser Verlag

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