Kultur als Pflichtaufgabe gefordert

Künstlerin erklärt Micol Krause vom Tannerhof ihren Teil der Kreation Foto: Robert Krause

Kultur schlägt Brücken: Ein Kind erläutert Micol Krause von Kultursprung e.V. seine kreative Arbeit. Foto: Robert Krause

Zoomtalk im Landkreis

In der Veranstaltungsreihe „Grüner Talk Miesbach“ diskutierte der kulturpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion Erhard Grundl über die Situation der „Kulturschaffenden in der Coronakrise“ mit Lokalpolitikern und Betroffenen der Kulturszene und unterbreitete Vorschläge zur Verbesserung.

Bevor Erhard Grundl in den Bundestag für die Grünen einzog, war er Soloselbständiger in der Musikbranche, er weiß also wovon er spricht. Beim Zoomtalk am Dienstagabend, zu dem Bundestagskandidat Karl Bär eingeladen hatte, bemerkte er, dass er um den Posten des kulturpolitischen Sprechers nicht habe kämpfen müssen, Kultur in der Politik eine Nebenrolle spiele.

Kritik an der Regierung in Sachen Kultur

Nach dem Einzug der AfD allerdings habe das Thema Kultur einen neuen Drall erfahren, insbesondere was Erinnerungskultur oder Green Culture anbelange, dann aber sei alles von Corona überschattet worden. Er verwies in Zusammenhang mit Systemrelevanz auf die Tatsache hin, dass die Kreativwirtschaft der nach Fahrzeug- und Maschinenbau drittgrößte Wirtschaftszweig in der Bundesrepublik sei. Dies aber werde so nicht von der Politik wahrgenommen, die Kultur sei neben Wirtschaftsförderung und Kurzarbeit vernachlässigt worden. „Kritik an der Regierung ist angebracht.“

Dirigent Timm Tzschaschel mit Starviolinist Wolfgang Hentrich und dem Schlierseer Orchester Herbst
Kultur steigert Lebensfreude: Konzert beim Schlierseer Kulturherbst mit Tim Tzschaschel. Foto: Ines Wagner

Seine Fraktion habe einen 10-Punkte-Plan für die Veranstaltungsbranche eingebracht und nun sei es die wichtigste Aufgabe der Politik, die von Existenzangst bedrohten Menschen durch die Pandemie zu bringen. „Die Hilfe muss bei den Leuten ankommen“, forderte er, aber die Übersichtlichkeit sei verlorengegangen. „Die Leute verzweifeln“, konstatierte Erhard Grundl.

Kultur in der Region

Diverse Anträge im Bundestag hätten bis heute nichts gebracht, Sonderfonds seien angekündigt, aber bis heute sei nichts geschehen. Er forderte, dass die Ausgaben für Kultur eine Pflichtaufgabe der Kommunen werden müssen und nicht eine freiwillige Leistung bleiben dürfen. Dazu brauche es eine andere Art von Finanzausgleich. Dem stimmte auch Bezirksrätin Elisabeth Janner zu. Im Gegensatz zu Inklusion, wo auf Bezirksebene viel passiere, sei der Bereich Kultur, insbesondere Jugend- und experimentelle Kultur ein Problem.

Die Rolle der Kommunen in Sachen Kultur müsste gestärkt werden, ähnlich wie bei Krankenhäusern solle die Kultur in der Region verantwortlich geregelt sein. „Das Herz der Kultur schlägt auch auf dem Land“, bestätigte Erhard Grundl. Das Problem aber bestehe darin, wie das Geld vom Bund über die Länder bei den Kommunen ankomme. Eine nachhaltige Kulturpolitik mit länger laufenden Förderprogrammen sei eine Lösung.

Hilfe für Kulturschaffende
Kultur motivierte Jugendliche: Regisseuerin Sabine Schreiber am Gymnasium Tegernsee mit „Faust“. Foto: Ines Wagner

In der Diskussion machten Kulturschaffende der freien Szene die Probleme deutlich. Theaterpädagogin Sabine Schreiber und Musiker Simon Pfisterer wiesen auf Modelle in der Schweiz und Frankreich hin, die man auf Deutschland übertragen könne. Denn Hartz IV sei keine Lösung. Dem stimmte Erhard Grundl zu: „Künstler sind nicht arbeitslos, sie können nur nicht arbeiten.“

Bedingungsloses Grundeinkommen

Die Möglichkeit des Bedingungslosen Grundeinkommens kam zur Sprache und der Bundestagsabgeordnete prognostizierte: „Es wird über kurz oder lang darauf hinauslaufen.“ Elisabeth Janner schlug vor, dass jede Kommune drei Prozent des Haushaltes für mutige und experimentelle Kultur festlegen möge.

Kunst im Schaufenster
Kultur trotz Corona: Sabine Kühner bei Kunst im Schaufenster. Foto: Thomas Nowak

Einen weiteren Weg der Kulturförderung in Coronazeiten zeigte ich mit den verschiedenen Projekten von KulturVision auf. Neben der notwendigen finanziellen Unterstützung vom Staat müsse man auch Kulturschaffenden die Möglichkeit geben, ihr Schaffen zu präsentieren, wie das beispielsweise bei „Kunst im Schaufenster“ sehr erfolgreich in mehreren Gemeinden des Landkreises geschehe. Weitere Projekte auch für andere Kultursparten sind in Planung und mit der „Kulturspende“ förderte der Verein kreative kulturelle Initiativen.

Lesetipp: Kulturspende für sechs kreative Ideen

Ein wichtiges Argument brachte Sabine Schreiber ein. „Unser wichtiger Rohstoff in Deutschland ist unsere Kreativität.“ Wenn künftig aus Existenzangst sich nur noch wenige Menschen der Kultur widmen, sehe es zappenduster aus. Dabei spiele auch ehrenamtliche Tätigkeit und Selbstausbeutung eine wichtige Rolle.

Geld muss ankommen

Dem stimmte Simon Pfisterer zu, kostenlose Streamingkonzerte seien keine Lösung. „Viele Musiker verkaufen ihre Instrumente“, sagte er und forderte: „Wertschätzung der Bevölkerung und Unterstützung vom Staat.“ Bei letzterem allerdings gebe es massive Probleme, darin waren sich alle einig und Erhard Grundl fasste zusammen: „Die Hilfezahlungen müssen einfach und nachvollziehbar sein.“ Das Geld sei da, erreiche aber die Menschen nicht.

Kultur als Pflichtaufgabe
Screenshot des Treffens: Erhard Grundl oben rechts. Foto: Karl Bär

Kultur als Pflichtaufgabe der Kommunen

Fazit: Corona ist nur ein Kontrastmittel für die Probleme, die vorher schon da waren. Die Kulturpolitik muss sich ändern, so dass Kultur als Pflichtaufgabe festgelegt wird. Das ist eine parteiübergreifende Notwendigkeit, dass zum einen die Kulturschaffenden ihre Kreativität zum Wohle der Gesellschaft leben können und dass sie die Wertschätzung der Gesellschaft erfahren.

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