KILL ME TODAY, TOMORROW I’M SICK!

Kosovo Carlo Ljubek

Plaka (Carlo Ljubek) und seine Radiocrew. Foto: Tobias Streck Preview Production GbR

Filmtipp von KulturVision

Was für ein Titel! Und was für ein Film! Ich war entsetzt und ich habe herzlich gelacht. Ich war abgestoßen und angezogen gleichermaßen. Wer die großartige Geschichte mit fantastischen Schauspielern erleben will, muss vermutlich ab sofort auf das Heimkino zurückgreifen.

Eigentlich wollten am vergangenen Donnerstagabend die beiden Regisseure des preisgekrönten Filmes Joachim Schroeder und Tobias Streck nach Holzkirchen kommen. Gottlob taten sie es nicht, denn im Zuge der Coronakrise waren wir nur zu dritt im Kino. Und haben es nicht bereut.

Kosovo im Jahre 1999

Der Film bereitet ein Stück Zeitgeschichte auf, von dem wir heute kaum noch etwas wissen. Nach dem Krieg zwischen den Ethnien im ehemaligen Jugoslawien herrscht im Kosovo zwar Frieden, aber Gewalt und Hass zwischen Völkergruppen wüten nach wie vor. Aber es geht nicht nur um die Historie, sondern ganz allgemein um Themen, die in anderer Zeit und an anderem Ort sich genauso ereignen können, auch heute noch.

Am Beispiel des Kosovo im Jahre 1999 zeigt der Film alle Facetten des menschlichen Lebens auf, in krasser Deutlichkeit, so dass es der Zuschauer kaum ertragen kann, aber auch voller Hoffnung, weil es einfach wunderbare Menschen gibt.

Kosovo Anna
Anna (Karin Hanczewski). Foto: Tobias Streck Preview Production GbR

Er basiert auf den Tagebuchaufzeichnungen von Henriette Schroeder, die im Auftrag des OSZE nach Pristina entsendet wurde und dort freie demokratische Medien aufbauen soll. Im Film ist es Anna (Karin Hanczewski), die voller guten Willens und mit guten Absichten aber auch voller Naivität im Kosovo ankommt.

Dumme Ausländerin im Kosovo

Eine Szene im Supermarkt beweist, mit welcher Unkenntnis OSZE-Mitarbeiter in den Kosovo geschickt wurden. Sie zeigt an der Kasse mit drei Fingern die drei und wird übelst beschimpft, man tut ihr Gewalt an, denn sie hat das serbische Siegeszeichen benutzt. „Dumme Ausländerin“, ist am Ende der Kommentar der Kassiererin.

Kosovo Anna
Anna (Karin Hanczewski) im Supermarkt. Foto: Tobias Streck Preview Production GbR

Anna trifft im Büro der Hilfsorganisation auf verschiedene Typen. Einer ist sympathisch, aber er säuft. Ein anderer ist ein herzloser, karrieregeiler, korrupter Diplomat. Einer (Sigi Zimmerschied) spricht ein hanebüchenes Englisch, gibt sich wichtig und demütigt und verletzt Frauen zutiefst. Es herrschen Desinteresse am Schicksal der Menschen, stattdessen Bürokratie, Schlamperei und Eigeninteressen vor.

Kosovo OSZE
Im Büro der OSZE: Sigi Zimmerschied, Joachim Steinhöfel und S. Noack. Foto: Tobias Streck Preview Production GbR

Als Gegenpol trifft Anna auf ihren Fahrer und Dolmetscher Plaka, der von sich sagt: „Ich bin intelligent und sehe gut aus.“ Carlo Ljubek spielt den aus Wien in die Heimat zurückgekommenen Kettenraucher umwerfend menschlich. Das charmante Schlitzohr hat eine irre komische Szene, als Anna einem Bauern mit stolz geschwellter Brust einen Traktor und zwei Kühe bringt. Ein Zeichen der Selbstgerechtigkeit der Hilfsorganisation.

Schmuggel oder Ackerbau?

Der Bauer meint, dass er mit Zigarettenschmuggel mehr verdient als mit Ackerbau, aber Plaka übersetzt seinen tief empfundenen Dank und sagt ihm auch, dass er jemanden kennt, der ihm den Traktor abkauft.

Carlo Ljubek
Carlo Ljubek als Plaka. Foto: Tobias Streck Preview Production GbR

In der Beziehung zu Plaka wandelt sich Anna zu einer mutigen und analysierenden Frau, die Korruption und Sexsklaverei durchschaut und anprangert. Die es nicht dulden will, dass man nach einer öffentlichen Hinrichtung zur Tagesordnung übergeht.

„Ihr habt doch keine Ahnung“

Und sie akzeptiert, wenn Plaka sagt: „Ihr kommt hierher und sagt uns wie wir leben sollen, ihr habt doch keine Ahnung.“

Gemeinsam schaffen sie es, den unabhängigen Radiosender heimlich in einer Autowaschanlage zu installieren. Und da gelingt es den Filmemachern Hoffnung zu säen. Herzerfrischend ist es, wie sich die bislang im Schatten ihres Mannes Burim stehende Dardana vor dem Mikrofon für die Gleichberechtigung der Frau stark macht.

Kosovo
Dradan (Lemana Becirovic). Foto: Tobias Streck Preview Production GbR

Und dann wieder Szenen, in denen der Atem stockt, ohne dass der missionarische Zeigefinger erscheint. Einfach schrecklich diese riesige Halle mit Kleidungsstücken, Brillen, Schmuck, auch eine Puppe ist dabei. Im Opferidentifizierungsprogramm wurden diese Habseligkeiten aus den Massengräbern zur Besichtigung ausgestellt.

Kill me today tomorrow I am sick
Poster zum Film. Foto: Tobias Streck Preview Production GbR

Ein Film, und das ist das besondere, der vor nichts halt macht, dem nichts heilig ist, der Entsetzliches und Urkomisches gleichermaßen zeigt, so wie halt das Leben ist. Prädikat: besonders wertvoll, aber erst ab 16.

Lesetipp: Zwischen Wirklichkeit und Fiktion

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