
Mehr als eine Frage des Grills
Melanie (Cathrin Paul) meint es in der Komödie „Extrawurst“ mit ihrem Vorstoß für den zweiten Grill gut. Foto: MZ
Theater in Holzkirchen
Im Tennisclub fliegen die Funken- überall, nur nicht auf dem Grill. „Extrawurst“ zeigt eine Vereinsversammlung, die zur Gesellschaftssatire wird. Aus harmlosen Wünschen entwickelt sich eine absurde Debatte.
Aus Funkenflug wird Waldbrand
Es beginnt harmlos. Eine Mitgliederversammlung im Tennisclub, eigentlich nur eine Formsache: Ein neuer Grill soll angeschafft werden. Alles klar… bis Melanie eine Frage stellt. Sollte man nicht auch einen zweiten Grill kaufen? Einen für Erol, das einzige muslimische Mitglied, der sein Grillgut nicht auf einen Rost mit Schweinefleisch legen darf? Eine gut gemeinte Geste, die eine Lawine an Missverständnissen, Provokationen, Streit und Chaos losbricht.
Das Sprechtheater des Freien Landestheaters Bayern bringt mit „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjacob einen der meistgespielten deutschsprachigen Stoffe der letzten Jahre auf die Bühne und hält uns bei all der Komik auch die eigenen Vorurteile und menschlichen Fehler vor.
Fünf Tennisspieler, fünf Lawinen.
Was diese Inszenierung von Cathrin Paul und Heinz-Josef Braun besonders macht, ist die außerordentliche Spielfreude des Ensembles, das jedem Charakter eine eigene, unverwechselbare, lebendige Tiefe verleiht.

Präsident Herbert (Detlef Dauer) will die Versammlung schleunigst hinter sich bringen. Foto: MZ
Detlef Dauer spielt den Vorsitzenden Herbert mit lakonischer Direktheit, die sofort sitzt. Sein Herbert ist der Mann fürs Buffet, der alles kommentiert, wenig hinterfragt und selbstverständlich niemals beleidigt ist. Jede Bemerkung sticht präzise, jede Geste sitzt wie ein Nagel im Brett. Sarkasmus wird für ihn „das Tor zur Hölle“, in die sich auch der Tennisclub im Laufe der absurden Diskussionen immer weiter verwandelt.

Der 2. Vorsitzende Matthias /Korbinian Langl) wird von seinem Präsidenten immer wieder niedergebügelt, aber dann nimmt er die Sache in die Hand. Foto: MZ
Korbinian Langl spielt den Grillfanatiker Matthias mit bemerkenswerter innerer Wandlung: Zunächst wirkt er nur wie ein kleiner Sonderling, der sich aber als derjenige entpuppt, der Attacken in Richtung Erol am gezieltesten setzt. Aus einer Entgleisung wird Provokation und Fremdenfeindlichkeit, auch wenn man laut ihm „das ja wohl noch sagen darf!“. Je ernster er sich selbst nimmt, desto klarer wird, dass Matthias doch im Innersten eine Witzfigur ist, die Langl herrlich und gleichzeitig traurig alltagsnah spielt.

Erol (Christian Selbherr, Mitte) nimmt die Debatte zunächst gelassen. Foto: MZ
Christian Selbherr verleiht Erol erst eine stille, unkomplizierte, fast unerschütterliche Würde, die aber auch er im Laufe des Stücks nicht behalten kann. Während um ihn herum die Fetzen fliegen, bleibt er der ruhende Pol, um den sich alles dreht. Bis auch er sich eindrucksvoll von der Lawine mitreißen lässt und die Funken explosiv überschlagen. Besonders beeindruckend ist sein Abschlussmonolog, seine Abrechnung, die das Publikum nachdenklich und zwiegespalten hinterlässt.

Melanie (Cathrin Paul) und Erol (Christian Selbherr sind das Vorzeige-Doppel des Clubs, aber darf man sich nach einem Sieg auch vier Sekunden umarmen?. Foto: MZ
Melanie, gespielt von Cathrin Paul, ist eine unermüdliche, fast rührende Figur, die es mit maximaler Bemühtheit allen recht machen will und dabei immer tiefer in die Zwickmühle gerät. Doch sie teilt auch aus, trinkt etwas zu viel Bier, rennt aus dem Saal, verzweifelt und spiegelt das Chaos so eindrücklich wie kein anderer Charakter wider. Dass sie gleichzeitig Regie führt- gemeinsam mit Schauspieler und Musiker Heinz-Josef Braun- macht diese Leistung noch beeindruckender.

Torsten ist eigentlich tolerant, aber nur so lange, wie keine Eifersucht ins Spiel kommt. Foto: MZ
Jürgen Bauer spielt Melanies Mann Torsten, der sich selbst als „tolerantesten Menschen der Welt“ bezeichnet, mit herrlicher Doppelmoral, erst warmherzig, dann auch selbstgefällig und eifersüchtig und dazu meist vollkommen blind für die eigene Widersprüchlichkeit. In allem, was er tut, und vor allem in seinem unbeholfenen Zögern steckt komödiantisches Gespür, das dem Publikum über den Abend hinweg Freude bereitet.
Mittendrin statt nur dabei!
Besonders unterhaltsam ist dieser Abend auch, weil er die vierte Wand durchbricht. Wir dürfen mitabstimmen, mitentscheiden, mitfühlen. Was spielerisch wirkt, wird schnell zum Spiegel: Plötzlich sitzt man selbst in dieser Versammlung- und fragt sich, wie man sich verhalten hätte.
Die Inszenierung fühlt sich nahtlos wie Alltag an. Kein Moment wirkt aufgesetzt, keine Reaktion geprobt. Die Szenen fließen ineinander wie ein echtes Gespräch, in dem man vielleicht schon selbst aus ein paar Funken einen rhetorischen Waldbrand entfacht hat.
„Extrawurst“ ist klug, lebendig und mitreißend gespielt – und wirkt noch lange nach, lange nachdem jede Grillkohle erloschen ist.

Das Ensemble mit Heinz-Josef Braun (ganz rechts) beim anhaltenden Schlussapplaus. Foto: Name
Zum Weiterlesen: Es geht nur um einen Grill