
Angst vorm Fliegen
Vorfreude auf den Urlaub im Luberon. Foto: mi
Glosse
Schon der alte Goethe wusste: Man reist nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen. Eine Weisheit, die auch heute noch ihre Gültigkeit besitzt. Ein Reisebericht.
Immer wieder werden wir von Freunden und Bekannten gefragt, wohin denn unser nächster Urlaub ginge. Hinter der harmlos klingenden Frage steckt, glauben Sie mir, ein Stück Hinterfotzigkeit: Was unsere Freunde wirklich wissen wollen, ist, ob wir nach unseren leidvollen Erfahrungen mit der Bahn tatsächlich wieder mit dem Zug verreisen.
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Diesmal wollten wir es also schlauer machen. Wir entschieden uns zu fliegen. Nach Marseille. Wir buchten einen Lufthansa-Flug, dazu einen Mietwagen sowie eine Ferienwohnung im Luberon – vier Wochen vor Antritt der Reise war der Urlaub organisiert.
Die Bordkarten
Am Tag vor dem Abflug druckten wir unsere Bordkarten aus. Und stutzten. Statt einer Sitznummer stand auf beiden Bordkarten in großen Lettern „WL“. Was hatte das zu bedeuten? Durften wir vorher in die Waiting Lounge, die sonst nur den Vielfliegern vorbehalten ist? Eine leise Vorfreude beschlich uns.

Bordkarte für den Flug München-Marseille. Foto: mi
Ich fragte Mister Spock. Mister Spock ist mein Freund — anders als ich besitzt er künstliche Intelligenz und weiß immer alles. Er erzählte mir, dass WL für Waiting List oder Warteliste steht. „Sie haben“, sagte er mir (wir siezen uns), „derzeit keinen bestätigten Sitzplatz. Die Fluggesellschaft entscheidet erst kurz vor Abflug, ob ein Platz frei wird.“ Die Vorfreude wich einem leichten Unwohlsein. Wir hatten doch bereits vor vier Wochen gebucht, auch bezahlt, und prompt die Bestätigung für die Buchung erhalten?
Panisch suchte ich nach einer Service-Telefonnummer der Deutschen Lufthansa. Bereits eine halbe Stunde später hatte ich sie, und eine weitere halbe Stunde später hatte ich eine freundliche Dame am Telefon, die unsere Buchung überprüfte. „Keine Sorge“, beruhigte sie uns, „Sie sind gebucht und bekommen morgen beim Einchecken sofort Ihre Bordkarte und Ihren Sitzplatz.“
Ich freue mich diebisch, wenn ich – mit meiner bescheidenen natürlichen Intelligenz – gelegentlich schlauer bin als Mister Spock. Ich frohlockte also, streckte ihm die Zunge raus und am nächsten Tag fuhren wir entspannt zum Flughafen.
Am Check-in
Beim Check-in funktionierte alles wunderbar. Noch während wir unsere Koffer auf dem Kofferband davonrollen sahen, schaute uns die LH-Mitarbeiterin freundlich an und sagte: „Sie wissen, dass Sie auf Standby sind? Sie erfahren erst am Gate, ob Sie auf den Flug kommen.“ Irgendwie blieb mir die Sprache weg, aber als sie wieder da war, sagte ich: „Ja aber unsere Koffer? Sie haben doch gerade unsere Koffer eingecheckt? Was passiert dann mit denen?“
„Die holen wir dann wieder raus aus dem Flieger“, erwiderte die Lufthansa-Dame, als sei das das Normalste von der Welt. Donnerwetter, dachte ich, das ist professionell – und service-orientiert obendrauf: Die Lufthansa kümmerte sich um unser Gepäck.
Am Gate
Trotz dieser guten Nachricht hatte unsere Ferienlaune einen kleinen Knacks bekommen. Wann würde der nächste Flug nach Marseille gehen? Würde der Mietwagen dann noch da sein und wie flexibel war der Inhaber unseres Apartments wegen der Schlüsselübergabe? Wir gingen schnurstracks zum Gate. Eigentlich waren wir extra etwas früher zum Flughafen gefahren, weil wir dort noch in aller Ruhe frühstücken wollten. Aber nun galt: Erst die Bordkarte, dann das Frühstück. Der Schalter war noch nicht besetzt. Dafür standen schon vier Reisende davor: ein Ehepaar, ein junger Mann mit Basecap sowie eine sportlich gekleidete junge Frau mit Rucksack. Auch sie hatten ein fettgedrucktes WL auf ihrer Bordkarte, erfuhren wir, und hofften darauf, noch auf den Flug zu kommen.
„Nix mit Frühstück“, verfügte mein Mann, „wir müssen jetzt Schlange stehen“. Als Engländer hat er mehr Übung in dieser Disziplin, deshalb überließ ich ihm das Feld und suchte eine Sitzgelegenheit in der Nähe. Nach einer halben Stunde ergriff mich das Mitleid: Ich löste ihn ab. Nach einer weiteren halben Stunde löste er mich wieder ab – und so weiter. Inzwischen hatte sich die Schlange vergrößert — wir waren jetzt zu einer netten kleinen WL-Gruppe von etwa dreißig Leuten angewachsen. Der Schalter war nach wie vor leer. Dafür freundeten wir uns mit einer Studentin hinter uns an, die zu einem langen Wochenende mit Freunden in Marseille verabredet war. Da sie ihr Ticket bereits vor vier Monaten gebucht hatte, fühlten wir uns genötigt, ihr den Vortritt zu lassen. Zum Glück lehnte sie ab.
Am Schalter
Eine halbe Stunde vor Abflug schlenderte eine Stewardess zum Gate, fuhr ihren PC hoch, organisierte diverse Papiere und starrte auf den Bildschirm. Ansonsten blieb sie stumm – kein Wunder ob der langen Schlange vor ihrem Schalter. Nach fünfzehn Minuten fasste sie sich ein Herz und sagte „So.“ Nun lief alles wie am Schnürchen: Das Ehepaar, der Mann mit dem Basecap, die junge Frau vor uns und auch wir erhielten unsere Bordkarten.
Das alles funktionierte sehr zügig, und ich vermute, um einfach noch schneller zu sein, verzichtete die Stewardess auf den Gebrauch unnötiger Floskeln wie „Entschuldigung“ oder „tut uns leid“ oder „die Koffer sind auch an Bord“. Ob es nun diese fehlenden Floskeln waren (die englische Sprache kommt selten ohne sie aus) oder ob ihm das Warten doch zu lange gedauert hatte: Jedenfalls beschwerte sich mein Mann. (Ich war erstaunt, denn ein Engländer beschwert sich normalerweise nie.) Die Dame am Schalter war auch erstaunt, jedenfalls schaute sie kurz hoch und sagte, effizient wie zuvor: „Es ist normal, dass die Flüge überbucht werden.“ „Gut“, erwiderte mein Mann, „dann war das unser letzter Flug mit der Lufthansa.“ Nun lächelte die Dame und zog ihren Trumpf: „Viel Glück“, sagte sie, „alle anderen Airlines überbuchen auch.“
Der Urlaub
Als wir (ungefrühstückt) im Flieger saßen, sagte ich zu meinem Mann: Weder mit Lufthansa noch mit einer anderen Airline – ich fliege nie wieder! Das war ein bisschen trotzig – vielleicht war ich ja auch nur hungrig – aber dennoch: Ich meinte es ernst. Wir beschlossen – wir hatten die Rückreise noch nicht gebucht – wieder auf die Bahn umzusteigen. Aber zunächst einmal verbrachten wir einen wunderschönen Urlaub im Luberon, genossen die malerischen Bergdörfer, die Landschaft mit den Weinbergen und Olivenhainen. Der Anreisestress war bald vergessen.

Aussicht bei Roussillon. Foto: mi
Zwei Wochen später fuhren wir zurück nach Marseille, verbrachten dort noch einige Tage und buchten einen Zug nach Hause. Wir gönnten uns ein Erste-Klasse-Ticket und freuten uns auf unsere Reiselektüre. Ich hatte mir in Aix-en-Provence ein Buch von Émile Zola gekauft, der dort aufgewachsen und mit dem ebenfalls dort lebenden Maler Paul Cézanne befreundet war.

Der Hafen von Marseille. Foto: mi
Die Heimreise
Der Zug würde pünktlich abfahren, lasen wir am Tag der Abreise auf der digitalen Anzeigetafel im Bahnhof, wir tranken noch einen Kaffee, der Bahnhof füllte sich. Plötzlich eine Durchsage, unser Französisch ist schlecht, aber nun sahen wir es auch auf der großen Tafel: Unser Zug war durchgestrichen. Auch alle anderen Züge waren durchgestrichen: Züge nach Paris, Lyon, Montpellier, Cannes, Bordeaux. Wie ich es geschafft habe, mich zu einem Mitarbeiter der französischen Bahn vorzuarbeiten (der Bahnhof war inzwischen schwarz vor Menschen), weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur noch, was mir der Mitarbeiter sagte: „Heute kommen Sie nicht mehr nach München. Teile der Oberleitung sind gestohlen worden.“
Mein Mann und ich schoben uns aus dem Bahnhof, setzten uns in ein Café und warfen all unsere Prinzipien über Bord: Wir buchten einen Flug nach München – mit der Deutschen Lufthansa. Das war nicht billig.
Dieses Jahr, liebe Freunde, machen wir eine Schiffsreise. Auf dem Schliersee.