
„Ich bin die dunkle Seite der Alpen“
Anna Schneider macht vor ihrer Sommerpause Halt in Rottach – Egern Foto: Gaby Gerstner
Lesung in Rottach – Egern
Die Leiche liegt stets irgendwo zwischen der Gegend um Weilheim und Tirol – mal auf bayerischer, mal auf österreichischer Seite. Im sechsten Band ihrer Grenzfall-Reihe sind es die Wassermassen eines Unwetters, die nicht nur Straßen und Häuser bedrohen, sondern auch die Abgründe menschlicher Existenzen freilegen. Mit einer Lesung aus dem neuen Roman Ihr Grab in den Fluten sorgte Anna Schneider im Kino am Tegernsee für Gänsehaut und Neugier.
Eine Frau sitzt allein im Finstern in einem Wohnmobil. Draußen peitscht der Wind durch das Gras, Blitze zucken über den Himmel, Regen prasselt gegen die Scheiben. Ein Schrei. Diese Szene entwickelt Anna Schneider im Prolog ihres neuen Romans so detailliert und eindringlich, dass sich die Zuhörer im Kino in Rottach-Egern unwillkürlich tiefer in ihre Sitze drücken.
Düstere Krimis – heitere Autorin
Nach dem Prolog sucht Anna Schneider weitere, kurze Leseszenen aus, die den Zuhörern ein Gefühl für den Roman vermitteln. Gerade noch fiebert das Publikum mit den Bewohnern des Landkreises Weilheim mit, die nicht nur gegen die Naturgewalten, sondern auch gegen eine Serie rätselhafter Verbrechen kämpfen. Im nächsten Moment gewährt die Autorin Einblicke in ihren Schreiballtag – und der wirkt überraschend heiter. Die Grundstimmung der Lesung steht in deutlichem Kontrast zur düsteren Atmosphäre ihrer Bücher.
Der erste Grenzfall-Krimi entstand während der Corona-Pandemie, erzählt Schneider. Ohne Lesereisen und persönliche Auftritte schienen die Aussichten auf einen größeren Erfolg zunächst gering. Dass der Auftakt dennoch zum Bestseller wurde, führt sie auch auf eine begeisterte Besprechung des Literaturkritikers Mike Altwicker zurück. Als Dank bot sie ihm eine Rolle in einem späteren Roman an. Altwicker entschied sich für die Rolle einer Leiche. „Dann komme ich bestimmt besonders oft vor“, lautete seine Begründung.
Wenn die Realität der Fantasie weichen muss
Auch Alltagserlebnisse finden ihren Weg in Schneiders Bücher. Die Klagen einer Freundin über verregnete Urlaube lieferten beispielsweise den Ausgangspunkt für das Unwetterszenario des neuen Romans. Dabei nimmt sich die Autorin bewusst Freiheiten. Zwar recherchiert sie sorgfältig, erkundet Schauplätze und lässt sich von Fachleuten beraten. Dennoch überflutet sie in ihrem aktuellen Roman ein Tal, das in der Realität kaum überflutet werden könnte. Auch Wanderwege beschreibt sie gelegentlich, ohne sie selbst begangen zu haben. „J. K. Rowling war schließlich auch nie in Hogwarts“, sagt Schneider und lacht. Die Grundstimmung der Krimireihe bleibt dennoch deutlich düsterer als die der meisten Alpenkrimis. „Ich bin die dunkle Seite der Alpen“, meint die Schriftstellerin, weil sie auch bewusst nicht nur die schönen Seiten von Gegenden beleuchte, sondern auch die problematischen.
Der Fuß im Kühlschrank
Wie mühelos sie ihre Leser in die Handlung hineinzieht, zeigt der nächste Textauszug. Plötzlich steht das Publikum mit einem jungen Paar vor einem Kühlschrank, in dem ein menschlicher Fuß mit rot lackierten Zehennägeln liegt. Das Bild entsteht augenblicklich im Kopf. Man meint, den Anblick selbst erlebt zu haben. Schaurig, grausig, verstörend.

Anna Schneider beantwortet Publikumsfragen sehr humorvoll Foto: Karin Sommer
Im Gespräch mit Barbara Schäfer, Inhaberin der See-Buchhandlung und Initiatorin der Veranstaltung, geht es schließlich um die Figuren der Reihe. Schäfer hebt besonders die fein gezeichneten Charaktere hervor. Insgesamt acht Bände soll die Grenzfall-Reihe umfassen, die im S. Fischer Verlag (Fischer Taschenbuch) erscheint. Im Mittelpunkt stehen die junge deutsche Oberkommissarin Alexa Jahn und der ältere österreichische Chefinspektor Bernhard Krammer, die gemeinsam grenzüberschreitende Fälle lösen. Erst wenn sie sich ganz auf die Handlung einlasse, entdecke sie, wozu ihre Figuren fähig seien und wo ihre Grenzen lägen, erklärt Schneider. Mit jedem Band entwickelten sich die Charaktere weiter. Dennoch könne man problemlos mit dem nun erschienenen sechsten Teil einsteigen, da jeder Roman eigenständig funktioniere.

Alle 6 Bände der Krimireihe sind in der See-Buchhandlung in Rottach – Egern erhältlich. Foto: karin Sommer
Wer Spannung schätzt, aber mit klassischen Krimis wenig anfangen kann, darf sich bereits auf den 23. September freuen. Dann erscheint mit Blut für Blut ein psychologischer Spannungsroman, den Schneider als Familiengeschichte mit dunklen Abgründen beschreibt. Und wer lieber hört als liest, kann auf die Hörbuchfassungen der Grenzfall – Krimis zurückgreifen. Manche Fans, erzählt die Autorin schmunzelnd, lesen das Buch sogar parallel zum Hörbuch – und tauchen so gleich doppelt in ihre Geschichten ein.
Zum Weiterlesen: See-Buchhandlung feierte Jane Austen