
Natur, Kunst und Mythen verschmelzen zum Sehnsuchtsort
Karl Witti: Erinnerung an den großen Bahnhof von Leipzig (1993). Foto: Martina Fischer
Ausstellung in Miesbach
Mit der aktuellen Ausstellung des Waitzinger Kellers – „Karl Witti: Sehnsucht nach Arkadien“ – wird die Heimkehr eines Künstlers in Form seiner Werke gefeiert. Erstmals werden die an Facetten und Bedeutungsebenen reichen Bilder des gebürtigen Miesbachers in der Kreisstadt präsentiert.

Karl Witti: Fernnahe Flusslandschaft mit mir als alterndem Mann und meinem Papa in jungen Jahren auf seinem Motorrad zu einer Zeit, als ich noch nicht geboren war (2007). Foto: Martina Fischer
Karl Witti – ein Miesbacher kehrt zurück
Mit einem überlebensgroßen Foto war der 2022 in Eresing verstorbene Künstler auf der Leinwand des Waitzinger Kellers bei der Vernissage präsent und erhielt dort auch in den Reden die ihm gebührende Würdigung. Bei der wurde klar: er hat Spuren hinterlassen – als Kunstschaffender und als Mensch. So freute sich die Miesbacher Kulturreferentin Petra Six, deren Mann Fredl ein Freund Wittis war, dass „wir Karl für mindestens vier Wochen wieder heimholen“ und freute sich über die einfühlsame Monographie, die Christian Burchard über Witti erstellt hatte.
Der Kurator der Ausstellung und Freund des Künstlers wiederum war begeistert, dass über zehn von 20 Werkzyklen im Waitzinger Keller präsent seien und skizzierte auch den Werdegang von Karl Witti, der im Raum Landsberg am Lech lebte. In Miesbach 1947 geboren, entschied dieser sich nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste München und einem für ihn prägenden Aufenthalt in den USA und Mexiko, die in ihm eine enge Verbundenheit mit den dortigen indigenen Kulturen erweckte, erst für eine Lehrtätigkeit und dann für ein Leben als freischaffender Künstler. Als Theatermaler war er unter anderem für das Residenztheater München, die Münchner Kammerspiele und leitend für die Bühnenmalerei der Passionsspiele Oberammergau tätig, eröffnete eine eigene Zeichenschule in Eresing und erhielt 2018 den Kunstpreis des Landkreises Landsberg am Lech.

Karl Witti: Ansicht der A7 vielleicht bei Ellwangen oder Crailsheim – ein Krähenschwarm. ein schwerverletztes Einhorn (2019). Foto: Martina Fischer
Großartige Zeit und tolle Briefe
An Witti erinnerte sich auch dessen Miesbacher Jugendfreund Josef Hartl herzlich. Musik habe man gehört – The Doors, Bob Dylan – im Keller des Hartl-Anwesens am Stadtplatz. Als Kinder der Nachkriegsgeneration, die ihren Weg suchte über Filme, Politik und Kunst diskutiert, auch einmal ein Tandemrennen den Haindlberg hinunter organisiert oder ein surrealistisches Festmahl. Kenntnisreich und vielfältig interessiert hatte er den Freund in Erinnerung, war Hartl „total dankbar für diese Zeit“ und erinnerte sich bei der Lesung von Wittis „Brief aus Samarkand“ durch Schauspielerin Isabella Heller auch gleich daran, welch „tolle Briefe der Karl geschrieben hat“.
Wunderbar-einfühlsam musikalisch umrahmt wurde der Vernissageabend von Georg Hiemer (Trompete) und Johannes Skudlik (Flügel).

Karl Witti: Blume für Edgar Allen Poe – Rose (2004). Foto: Martina Fischer
Natur und inspirierender Kunstkosmos führen ins wundersame Arkadien
In Karl Wittis gezeigten Werkzyklen finden sich zum einen die Quellen wieder, die ihn inspirierten. Mit „Riders on the Storm“ waren es die Doors. Aber nicht nur sie auch Texte von Ingeborg Bachmann oder Bertolt Brecht illustrierte der Künstler, versehen mit assoziierten bildnerischen Versatzstücken. Ein Gegenentwurf zu „noch so viel braunem Gedankengut“, das Karl Witti in seiner Jugend in Miesbach laut Burchard empfand, findet sich in den „Gegenwelten“. Es sind zeichnerische Verneigungen für Edgar Allen Poe, Max Ernst oder Franz Kafka – mit beigestellten Blumen: der Rose, der Christrose und der Prachtkerze.
Die Natur ist das große Motiv in Wittis realistischem Schaffen, in Pflanzenstudien oder den sicher augenfälligsten großen, surreal anmutenden Werkzyklen „Krieg gegen die Erde“ und „Neue Mythen“. In ersterem findet sich eine Verwundung der Natur durch den Menschen, verletzte Tiere stehen auf Autobahnen oder in Bahnhöfen, mahnend, als sanfte Wesen der Brutalität ausgesetzt. In den „Neuen Mythen“ kommen wie bei „Familie“ seine Zeitprismen zum Ausdruck, bei denen alle Zeitebenen – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – verschmelzen, sich teils ineinander verkehren, etwa in „Fernnahe Flusslandschaft mit mir als alterndem Mann und meinem Papa in jungen Jahren auf seinem Motorrad zu einer Zeit, als ich noch nicht geboren war“. Mythologisch gerät „Erinnerung an den großen Bahnhof von Leipzig“. Im Gebäude ist eine Wiese gewachsen, eine keltische Kriegerin verwehrt einem Mann mit Aktentasche den weiteren Weg. Oder „Herr Kafka und ich auf unserer Reise durch das neue Land der Apachen“, in dem Karl Witti als glücklicher Bub in Lederhose, behütet vom von ihm verehrten Autor in Anwesenheit der Stammesmitglieder in alten Fotografien in einer Natur über Gebäuderesten steht. Arkadien als Überwindung des zivilisatorischen Betondiktats.

Angeregt tauschten sich die vielen Besucher der Vernissage aus. Foto: Martina Fischer