
Einheit und Chaos
Horst Hermenau zeigt im Autohaus Steingraber Papierarbeiten aus den Jahren 2006 bis 2026, hier eine Collage, die „die oft derben, schlagwortbetonten Überschriften der Boulevard-Zeitungen“ ironisieren und illustrieren soll. Foto: Andreas Wolkenstein
Vernissage und Happening
Horst Hermenau hat vielen Künstlerinnen und Künstlern Raum gegeben: Als Kurator der Ausstellungen im Autohaus Steingraber lädt er regelmäßig zu Vernissagen und Ausstellungen ein. Nun sind dort seine eigenen Arbeiten aus zwei Jahrzehnten künstlerischer Tätigkeit zu sehen. Bei der Vernissage wurden alle Sinne angesprochen.
Horst Hermenaus Arbeiten verbinden eine Vielzahl an künstlerischen Ausdrucksformen. Der Holzkirchner Künstler arbeitet mit verschiedenen Materialien, zielt aber auch auf unterschiedliche Aussagen ab. Bei der Vernissage zu seiner Ausstellung „Arbeiten auf Papier 2006-2026“ kam nun eine weitere Dimension hinzu. Explizit lud Horst Hermenau nämlich dazu ein, ein „Happening“ stattfinden zu lassen, bei dem Wort und Ton zur malerisch-kreativen Dimension seiner eigenen Arbeiten hinzutreten sollten.
Mut erfordert
Um dies zu erreichen, hatte Horst Hermenau mehrere befreundete Künstlerinnen und Künstler eingeladen und um Beiträge zur Ausstellungseröffnung gebeten. Zugleich verteilte der ehemalige Kunstlehrer Luftballons an die Veranstaltungsbesucher. Denn diese sollten explizit mit einbezogen werden, wie er zu Beginn der Vernissage ankündigte. Die anvisierte Aufhebung der Trennung von Aufführenden und Zuhörenden erfordere Mut von den Beteiligten, gab er zu. Wichtig sei, nicht zu werten, sondern geschehen zu lassen – was auch immer die Anwesenden geschehen lassen wollten, so Horst Hermenau.

Der Holzkirchner Künstler Horst Hermenau hat sich seit vielen Jahren auch der Musik verschrieben. Foto: Andreas Wolkenstein
Einheit im Chaos
Und geschehen ist nichts weniger als eine Art Zusammenfall der Gegensätze, ein Zusammenfall von Chaos und Einheit. Denn Folgendes ereignete sich im Autohaus Steingraber. Vorne auf der Bühne trugen Angelika Mirlach, Ernest Maria und Simeon Bauer die Ursonate des Künstlers Kurt Schwitters (1887-1948) vor, ein dadaistisches Lautgedicht in Sonatenform. Buchstaben und Silben reihten die drei Protagonisten aneinander, die Besucher lauschten vorerst den sonderbar wirkenden Sprachgebilden, dich sich herkömmlicher Bedeutung entziehen. Doch nach einiger Zeit zogen sie ihre Luftballons aus den Taschen und fingen an, damit Pfeif- und Zischtöne abzugeben. Zudem begann der Künstler Jörg Hampe auf seinem Saxofon zu spielen. Zusammen mit den Murmelgeräuschen, die durch Gespräche unter den Zuhörenden entstanden, bildete sich eine Unruhe im Publikum, die man getrost als Chaos wahrnehmen konnte. Doch gleichzeitig entstand aus genau diesem Chaos eine neue Einheit aus Tönen und Rhythmus, aus Zuschauern und Aufführenden, aus Musik und Wort. Chaos und Einheit standen sich an diesem Abend nicht gegenüber. Vielmehr bedingte und verursachte das Chaos die Einheit. Ganz so, wie es sich Horst Hermenau zuvor gewünscht hatte.
Wort, Ton und Bild
Auch Bernhard Tomm und Andreas Mitterer, beide ehemalige Schüler von Horst Hermenau, brachten verschiedene Ausdrucksformen zusammen. Wort, Ton und Bild verschmolzen in ihrer Performance zu einem Gesamtkunstwerk. Denn während Bernhard Tomm Lyrik unter anderem von Christian Morgenstern vortrug, illustrierte Andreas Mitterer das Gehörte mit einem Permanentmarker auf einer Pappwand. Das Besondere: Ein Mikrofon, das an der Pappwand angebracht war, nahm die Töne auf, die durch das Malen entstanden, und übertrug es per Lautsprecher in den Raum. Trommel- und Klaviervorführungen rundeten die Eröffnung von Horst Hermenaus Ausstellung ab.

Der Ebersberger Künstler Andreas Mitterer brachte, wie hier Christian Morgensterns „Fisches Nachtgesang“ auf Papier oder illustrierte Gedichte, die Bernhard Tomm vorlas. Ein Mikrofon nahm dabei die Töne ab, die der Permanentmarker verursachte, mit dem der Künstler zeichnete. Foto: Andreas Wolkenstein
Kosmische Zusammenhänge
Diese einzigartige Performance sollte freilich nicht abhalten, die Arbeiten Horst Hermenaus genauer zu betrachten. Evelin Hermenau, die Gattin des Ausstellenden, empfahl den Besuchern der Ausstellung, sich ein Lieblingsbild auszusuchen und davor zu verweilen. Die Auswahl fällt gewiss schwer, denn Horst Hermenaus Arbeiten sind von einer großen Bandbreite und Vielfalt. Da sind Landschaftsansichten zu sehen, bei der der Künstler auf raffinierte Weise Malerei und Fotografie verbindet. Da sind an der Minimal Music des Philip Glass orientierte Acryl-Arbeiten zu sehen, die über ihre Farben und bei näherer Betrachtung über die feine Verbindung des Acryls mit dem Papier funktionieren. Zur Auswahl stehen auch die „Sonnensturm-Bilder“. Entstanden sind sie als Abdrucke von den Schnittflächen gefällter Bäume. „Sie verbinden sich für mich mit kosmischen Zusammenhängen“, schreibt Horst Hermenau im Begleitflyer zur Ausstellung.

Die Bilder aus der „Sonnensturm“-Reihe sind aus Abdrücken der Schnittflächen gefällter Bäume entstanden. Foto: Andreas Wolkenstein
Tiefere Einheit
Horst Hermenau ist ein außergewöhnlicher Künstler, das wird beim Durchgang durch die Ausstellung schnell deutlich. Die experimentelle Methodiken vieler seiner Werke, sein Ausdruck, der von Naturbetrachtung bis hin zu Gesellschaftskritik reicht, und schließlich die Verbindung vieler sinnlicher Ein- und Ausdrücke, wie sie auch in dem „Happening“ während der Vernissage gelebt wurden, belegen dies auf anschauliche Weise. Ob sich nun auch in seinem Werk eine tiefere – oder je nach Perspektive auch höhere – Einheit in der Vielfalt versteckt hält, das sei dem Urteil der Betrachter anheim gestellt. Finden, so viel steht fest, werden sie in jedem Fall etwas.