Vermessen

Vermessen

Cover von „Vermessen“. Foto: MZ

Neuerscheinung auf dem Buchmarkt

Dem Intensivmediziner und Romanautor Michael Lichtwarck-Aschoff ist mit seinem aktuellen Buch „Vermessen“ wieder eine intelligente und unterhaltsame Beschreibung eines wissenschaftlichen Sachverhalts gelungen. Sein Sprachwitz offenbart sich schon in der Doppeldeutigkeit des Titels.

Vor zehn Jahren debütierte Michael Lichtwarck-Aschoff beim Schlierseer Kulturherbst mit einer Lesung seines ersten Romans, in dem es um den Traum vom Fliegen geht. Danach folgten weitere Bücher über wissenschaftliche Entdeckungen und Aufdeckungen, etwa in der Pandemie „Robert Kochs Affe“, mit Belegen der Schattenseiten des berühmten Seuchenarztes oder „Der Perückenmacher von Königsberg“, in dem die andere Seite des Philosophen Immanuel Kant beleuchtet wird.

Bekannt und beliebt im Landkreis Miesbach ist Michael Lichtwarck-Aschoff darüber hinaus durch die textliche Gestaltung des Kalenders, den er alljährlich mit seiner Schwester, der Künstlerin und Illustratorin Cornelia Heinzel-Lichtwark herausgibt.

Jetzt hat er mit der Veröffentlichung von „Vermessen“ ein Thema aufgegriffen, das dem Intensivmediziner mit Schwerpunkt Beatmungsforschung nahe liegt, es geht um die Lungenfunktion und deren Vermessen mittels Spirometer.

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Michael Lichtwarck-Aschoff. Foto: Mirko Markic

Wieder hat er für seinen Roman eine echte historische Figur, den viktorianischen Versicherungsmediziner John Hutschinson, der das Gerät 1846 erfand, mit fiktiven Figuren zu einer spannenden Handlung versponnen. Hilfreich dazu sind die Nachbemerkungen, in denen der Autor die Ergebnisse seiner umfassenden Recherchen preisgibt.

John Hutchinson also verschrieb sich dem Vermessen des Lungenvolumens und war so vermessen zu behaupten, dass dies ein Maß für die Lebenstüchtigkeit oder Vitalkapazität eines Menschen sei. Damit wird er berühmt und damit schaufelt er sich sein Grab.

Viele Antworten und zu wenig Fragen

Die spannende Geschichte über die „Merkwürdigen Begebenheiten aus dem Leben von John Hutchinson“, wie es im Untertitel heißt, wird aus verschiedenen Perspektiven fiktiver Personen erzählt. Da ist der schlichte Rossknecht Ethelbert in den Diensten des Herzogs von Marlborough, an dessen Küchentisch Hutchinson oft zu sitzen pflegt, denn da gibt es auch die hübsche und intelligente Tochter Katie. Ethelbert beweist ordentlichen Hausverstand, wenn er sagt, dass die Wissenschaftler zu viele Antworten und zu wenige Fragen haben.

Maddox, der mit seiner Wahrsagerin Rosalind auf Jahrmärkten unterwegs ist und Hutchinson am Ende bis Australien begleitet, wirkt als Chronist von Vergangenheit und Gegenwart. So berichtet er beispielsweise, dass der Herzog den Titel eines Grooms of the King’s Close Stool trägt, ein sehr ehrenwerter Titel, denn durch das Entleeren der Bettpfanne entsteht eine große Nähe zum König.

„Die Luftmenge bestimmt dein Schicksal“

Mit solch bizarren Einzelheiten ist die Geschichte gewürzt, die doch einen wichtigen Hintergrund hat, die Statistik. Das Spirometer, so meint Hutchinson, stellt den Zusammenhang zwischen dem messbaren Lungenvolumen und der Gesundheit eines Menschen her, ist also für Versicherungen ebenso interessant wie für Wirtschaft und Politik. Mit Maddox‘ Worten: „Die Luftmenge bestimmt dein Schicksal.“ Was aber ist die Wahrheit? Die Wahrscheinlichkeit? Und wie verhält es sich mit dem Durchschnittswert der Messungen? Immer wieder stellt der Autor Fragen und damit die These Hutchinsons infrage. Er geht so weit durch seine Figuren zu fragen, ob Menschen mit geringem Luftvolumen von der Vermehrung ausgeschlossen werden sollen. Im Hintergrund steht hier die Behauptung, dass Menschen schwarzer Hautfarbe ein geringeres Lungenvolumen haben als Menschen weißer Hautfarbe. Dieser gefährliche Unsinn, so schreibt der Autor im Nachwort, habe sich bis in die Gegenwart gehalten.

Pointierte ironische Sprache

Um die Verbesserung der Gesellschaft geht es im Wissenschaftskabinett des Herzogs von Marlborough. Ist das etwas Schlechtes, fragt Katie, doch eigentlich nicht, aber wohin führt das? Welche Rolle spielen die Motive der Förderer der Wissenschaft?

Eine wichtige Rolle spielt im Geschehen Lady Florence, die sich der Statistik verschrieben hat und den positiven Part zu diesem Thema beisteuert. Im Anhang erklärt Michael Lichtwarck-Aschoff, dass er als Vorbild für diese Figur Florence Nightingale genommen habe, die Pionierin der statistischen Methode, die damit zur Verbesserung des britischen Gesundheitssystems beitrug.

Viele Facetten also umfasst das Buch, das wieder eine spannende Geschichte eines ehrgeizigen Wissenschaftlers erzählt und wieder durch seine pointierte, ironische Sprache besticht. Es lädt dazu ein, über wissenschaftliche Forschung und deren Hintergründe und Machtbestrebungen nachzudenken, sowie einfache Antworten zu hinterfragen. Es zeigt auch, wie Wissenschaft zuweilen vermessen sein kann.

Michael Lichtwarck-Aschoff „Vermessen“ Amalthea Verlag 2026

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