Pianist Jan Lisiecki

Jan Lisiecki lässt die Welt tanzen

Jung, sympathisch, erfolgreich: Pianist Jan Lisiecki. Foto: © KSAWERY ZAMOYSKI

Konzert am Tegernsee

Begeisterte Ovationen für den kanadischen Pianisten Jan Lisiecki beim Internationalen Musikfest am Tegernsee auf Gut Kaltenbrunn. In seinem diesjährigen Konzertprogramm entführte er sein Publikum in die Welt des Tanzes – durch die Epochen, rund um den Globus.

Es gibt Abende, an denen einfach alles zusammenpasst. Die sommerliche Stimmung auf Gut Kaltenbrunn, der weite Blick über den Tegernsee bis zur Silhouette der Berge, die bis auf wenige Plätze gefüllte Tenne und ein Publikum, das mit spürbarer Vorfreude den Künstler des Abends erwartet. Der sympathische, höchstvirtuose Kanadier ist ein gern gesehener Gast beim Internationalen Musikfest am Tegernsee. Bereits 2019 und 2021 begeisterte er mit außergewöhnlichen Rezitalen. Zuletzt führte er 2024 mit seinem „Préludes“-Programm durch einen Abend voller Emotionen. Nun widmete sich Jan Lisiecki dem Tanz – nicht als bloße Aneinanderreihung bekannter Tanzstücke, sondern als universelle Sprache, die Kulturen, Epochen und Menschen verbindet.

Weit gefasster Musikalischer Bogen

Der Pianist spannte einen Bogen von Mitteleuropa bis nach Südamerika, von der Volksmusik auf den Dorfplätzen über die Pariser Salons bis auf die Konzertbühnen der Welt. Dabei ging es ihm weniger um reine Virtuosität als vielmehr um die Geschichten, Charaktere und Klangfarben der einzelnen Musikstücke. Er wolle mit seinen Programmen neue Perspektiven eröffnen und auch vertraute Musik neu entdecken – für sich ebenso wie für sein Publikum, so der Starmusiker im Vorfeld. Und genau das war ein großes Geschenk an die Besucherinnen und Besucher dieses Konzertabends, die atemlos still der Musik lauschten und die fliegenden Hände des Starpianisten gebannt und staunend verfolgten.

Der erste Teil des Abends lud zu einer musikalischen Reise zu den Ursprüngen des Tanzes ein. Mit der rhythmischen Frische von Bohuslav Martinůs „Tschechischen Tänzen“ eröffnete Jan Lisiecki federnd und mit feinem Gespür für Kontraste den Abend. Manuel de Fallas „Danza española“ brachte südliche Glut ins Spiel, bevor Karol Szymanowskis „Vier polnische Tänze“ mit ihrer schillernden Harmonik eine ganz eigene Klangwelt entfalteten.

Helge Augstein beim Internationalen Musikfest am Tegernsee
Helge Augstein, der Vorsitzende und Programmorganisator des Internationalen Musikfests, freut sich über das erneute Konzert mit Jan Lisiecki. Foto: iw

Aus den scheinbar schlichten Miniaturen von Franz Schuberts Zyklus „16 Deutsche Tänze“ formte Jan Lisiecki einen lyrischen, zusammenhängenden Erzählbogen. Mal tänzerisch leicht und voller Charme, dann wieder innig, melancholisch oder überraschend humorvoll – jeder Tanz entfaltete seinen eigenen Charakter. Mit Béla Bartóks „Rumänischen Volkstänzen“ erklang der Tanz ursprünglich, fast archaisch, kraftvoll und erdig – voller rhythmischer Energie und volksmusikalischer Direktheit.

Einen ersten fulminanten Höhepunkt des Abends bildeten Alberto Ginasteras „Danzas Argentinas“ am Ende des ersten Konzertteils. Hier zeigte Jan Lisiecki die ganze Bandbreite seines Könnens: kraftvoll und rau, dann wieder lyrisch und von großer Zartheit, ehe das Finale in atemberaubender Präzision und mit nahezu entfesselter Energie endete.

Vom Volkstanz zur Konzertliteratur

Nach der Pause wurde der Tanz eleganter, kultivierter und virtuoser, während der Pianist selbst den leisesten Tönen eine enorme Tiefe, Sensibilität und Hingabe verlieh. Aus dem Dorfplatz wurde der Salon, aus dem Volkstanz Konzertliteratur. Zwischen Frédéric Chopins „Grande Valse brillante“ und den berühmten Walzern op. 34, die mit Leichtigkeit und Eleganz strahlten, setzte der junge Pianist mit Brahms‘ Walzern stille, poetische Ruhepunkte, die wie kleine Momente des Innehaltens wirkten. Von Wien aus führte die musikalische Reise weiter nach Spanien und Argentinien. Astor Piazzollas „Libertango“ ließ er voller rhythmischer Spannung pulsieren, Albéniz‘ berühmten „Tango“ op. 165 Nr. 2 mit feinen Farben von Sehnsucht und Erinnerung erzählen, während Manuel de Fallas „Danza ritual del fuego“ mit eruptiver Kraft loderte.

Große Verbundenheit mit Chopin

Den Schlusspunkt setzte noch einmal Frédéric Chopin – den der Musiker besonders schätzt, nicht zuletzt wegen seiner eigenen polnischen Wurzeln – mit der Polonaise As-Dur op. 53, berühmt als die „Heroische“. Nach der musikalischen Reise durch Länder und Jahrhunderte wurde dieser Tanz schließlich zum Ausdruck von Würde und Freiheit. Das 1830 komponierte Stück war Symbol des polnischen Widerstands gegen die russische Herrschaft. Jan Lisiecki gestaltete die Polonaise kraftvoll, aber nie pathetisch – ein Finale, das den Spannungsbogen des Abends eindrucksvoll vollendete. Aktueller könnte eine Werkwahl heute nicht sein.

Begeistert waren die Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher nicht zuletzt von der außerordentlich hohen technischen Perfektion, vor allem aber von der charmanten Natürlichkeit, mit der der junge Kanadier jede stilistische Tanzwelt zum Leben erweckte. Der Jubel im Saal ließ daher nicht lange auf sich warten, und tosender, langanhaltender Applaus erfüllte die Tenne. Als der Beifall auch nach einer ersten Zugabe nicht abschwoll, kehrte Jan Lisiecki noch einmal auf die Bühne zurück und sagte mit entwaffnendem Charme augenzwinkernd auf Deutsch: „Nur eine Minute.“ Und auch diese letzten Konzertminuten genoss sein Publikum in vollen Zügen.

Standing Ovations für Jan Lisiecki
Langanhaltende Ovations für Jan Lisiecki. Foto: iw

Als die letzten Töne verklungen waren und der Blick beim Hinausgehen wieder auf den inzwischen dämmernden Tegernsee fiel, blieb der Eindruck eines außergewöhnlich stimmigen Konzertabends, an dem Jan Lisiecki sein Publikum mit weit mehr als einem Klavierrezital beschenkte: Er hatte den Tanz in seinen unterschiedlichsten Facetten lebendig werden lassen. Vor allem aber hatte er gezeigt, dass große Klavierkunst dort entsteht, wo technische Vollendung ganz selbstverständlich in den Dienst der Musik tritt und sich mit tiefem musikalischem Ausdruck verbindet.

Das Abschlusskonzert des Internationalen Musikfesst am Tegernsee ist am heutigen Donnerstag, den 26. Juli 2026 um 19.00 Uhr ein Klavierkonzert mit Werken von Lucas und Arthur Jussen. Am Sonntag, den 26. Juli 2026 gibt eine „Zugabe“ im Waitzinger Keller in Miesbach (Beginn: 18.00 Uhr): “Canzoni d´Amore“ mit Cecilia Bartoli, Mezzo-Sopran, und David Fray am Klavier. Alle Informationen auf der Webseite des Internationalen Musikfest am Tegernsee.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf