Jürgen Habermas

Jürgen Habermas und Kommunikatives Handeln

Philosoph Thomas Mandl referiert über Jürgen Habermas. Foto: MZ

Vortrag in Tegernsee

Einem der größten deutschen Philosophen widmete Thomas Mandl seinen Vortrag in der vhs Tegernsee. Der kürzlich mit 96 Jahren verstorbene Jürgen Habermas war nicht nur ein Theoretiker der Frankfurter Schule, sondern ein Denker, der zum Handeln aufforderte. Seine Vorschläge zum Kommunikativen Handeln sind in der heutigen Zeit hochaktuell.

Im gut besuchten Vortrag führte Philosoph Thomas Mandl zunächst in das Leben von Jürgen Habermas ein, der noch Naziregime und Krieg erlebte und sich konsequent gegen jede Art von Totalitarismus wandte. In Fortsetzung der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer, die die Vernunft kritisch sahen, war Habermas optimistischer. Adorno hatte den berühmten Satz geprägt: „Nach Auschwitz kann es keine Gedichte mehr geben.“ Damit spielte er auf den negativen Aspekt der Aufklärung, die instrumentelle Vernunft, an, denn auch ein KZ wurde mit Vernunft erbaut und betrieben.

Jürgen Habermas
Thomas Mandl hatte eine umfangreiche Präsentation vorbereitet. Foto: MZ

Jürgen Habermas befasste sich in seinen Arbeiten mit der Forschung an sich, die interessensgeleitet sei und in Abhängigkeit von Politik und Geldgebern agiere. Zudem bezog er im sogenannten Historikerstreit eine klare Position, was den Holocaust anbelangte, den er als unentschuldbares Ereignis bezeichnete, von dem sich Deutschland nicht reinwaschen könne. Damit wandte er sich gegen Ernst Nolte, der den Holocaust relativierte. Dessen Gedanken führten bekanntlich zu dem von AfD-Politiker benutzten Begriff des „Vogelschiss der Geschichte“ in Zusammenhang mit Hitler und den Naziverbrechen.

Bürger müssen Akteure werden

Ein Hauptwerk von Jürgen Habermas ist „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Darin entwickelt er den Wandel von der Arkanpoliitik des Feudalismus, wo Politik heimlich und ohne Beteiligung des Volkes gemacht wurde, hin zum Bürgertum mit öffentlichen Debatten und Interessensvertretungen, etwa der Gewerkschaften. Heute indes kehre man zur heimlichen Politik zurück, siehe der Fall Epstein, denn es fehle die kritische Instanz einer objektiven Presse.

„Wir waren schon mal weiter, die Arkanpolitik verstärkt sich durch die sozialen Medien“, sagte Thomas Mandl, „wir müssen wieder Räume für rationale und faire Debatten schaffen.“ Und er forderte: „Die Bürger sollen nicht nur Publikum sein, sondern wieder zu Akteuren werden.“


Theorie des Kommunikativen Handelns. Foto: MZ

Die Frage, wie man die Demokratie zum Laufen bringen könne und die Resilienz der Demokratie stärken könne, habe Habermas in seiner „Theorie des Kommunikativen Handelns“ bearbeitet. Dazu machte Thomas Mandl einen Exkurs in den Sprachakt und erklärte, dass Sprache eine Handlung impliziere, etwa im Satz „Ich vergebe dir.“

Im Gegensatz zum strategischen Handeln, bei dem das Handeln einen Zweck verfolge, beinhalte kommunikatives Handeln die gegenseitige Anerkennung. Dabei gehe es um einvernehmliche Koordination mit Wahrheits-, Richtigkeits- und Wahrhaftigkeitsanspruch, sowie einer verständlichen und rational zugänglichen Sprache.

Diskursethik

In seiner Diskursethik thematisiert Jürgen Habermas den Geltungsanspruch für alle, wofür es ideale Sprechsituationen bedürfe, die frei von Herrschaft, Ideologie und Täuschung sein müsse, hingegen von Offenheit und Revidierbarkeit geprägt.

Dazu habe der Philosoph Diskursregeln aufgestellt, etwa die Regel, dass alle Entscheidungen aus dem Schleier des Nichtwissens getroffen werden müssen, und zwar immer unter der Voraussetzung, der Betroffene von einer Entscheidung zu sein.

Lebenswelt des Einzelnen

Zum Diskurs zitierte Thomas Mandl auch die Praxis des Systemischen Konsensierens, bei der es nicht um Konsens, sondern um die niedrigsten Widerstandswerte der Diskursteilnehmenden geht. Habermas aber gehe es um Konsens, betonte der Vortragende und betonte die Bedeutung der Lebenswelt des Einzelnen, die seine Denkmuster und seinen Wissenvorteil prägen. Man solle immer die Frage stellen: Warum ergibt das für dich einen Sinn?

Thomas Mandl machte deutlich, dass es an der kritischen Öffentlichkeit fehle, weil sich viele Menschen ins Private zurückziehen und sich Freizeit und Konsum widmen.

Zukunftsräte

Ein Gegenbeispiel seien die Zukunftsräte oder Bürgerräte, die sich mit repräsentativer Beteiligung durch Losverfahren gesellschaftlichen Fragen widmen und Lösungen vorbereiten, die sie politischen Gremien empfehlen. Er habe die Gründung eines solchen Zukunftsrates in Tegernsee angeregt, dies aber habe der Stadtrat abgelehnt.

8. Zyklus
Tafeln des Zukunftsforums. Foto: Petra Kurbjuhn

Er erwähnte auch das Zukunftsforum von KulturVision, das unter anderem in 15 Zukunftslabs, Minibürgerräten mit Moderation, gesellschaftsvariante Themen bearbeitete. Die Ergebnisse wurden sowohl in einer Broschüre als auch einer Ausstellung, die durch den ganzen Landkreis tourte, zusammengestellt. Das Interesse allerdings bei der Politik fehlte.


Bleiben Sie wachsam. Foto: MZ

In der Diskussion kam die Frage auf, warum diese Art von Bürgerbeteiligung in der Region nicht gefördert werde. Habe die Politik Angst davor? Woher aber solle die Motivation beim Bürger für Veränderungen kommen? Die Politik müsse in die Gesellschaft wirken. Und letztlich gebe es auch positive Beispiele, wie in Weyarn oder in Gmund. Und jeder Bürger, jede Bürgerin möge wachsam sein.

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