Musik oder verwirbelte Luft

verwirbelte Luft erzeugt beim Gesang die Musik

Bei einem Chor verwirbeln die Menschen in ihrer Kehle die Luft, um Töne und schließlich Musik zu erzeugen: Pre-Coroniarische Choräle. Foto: Volker Gerlath

Sonntagskolumne

Bei der Entstehung von Tönen und der musikalischen Entwicklung der Menschheit spielt verwirbelte Luft eine überaus große Rolle. Es folgt eine kleine Reise vom steinzeitlichen Hoagascht bis hin zu Astor Piazzolla, dem Bandoneon und dem Tango.

Nachrichten in Coronazeiten: Im Februar sind drei Marssonden auf dem roten Planeten gelandet und untersuchen dort unter anderem, ob man vor Ort Stickstoff in Sauerstoff umwandeln kann, um gegebenenfalls eine Kolonialisierung des Planeten möglich zu machen. Schnitt. Ein Blick ins Innere einer Intensivstation eines x-beliebigen Krankenhauses zeigt den in Bauchlage ruhenden Patienten, dem über die Beatmungseinheit mit einer Art Blasebalg Sauerstoff in das entzündete Lungensystem gepresst wird. Schnitt. Astor Piazzolla, Musiker und Komponist, der das Bandoneon, das Instrument der Einwanderer, aus den Bordellen und Hafenkneipen in die Konzertsäle der Welt gehoben hat, wäre im März 2021 hundert Jahre alt geworden. Was hat das alles miteinander zu tun?

Was ist Musik?

Die Musik an sich ist unsichtbar, sie ist die körperloseste aller Künste und besteht aus nichts als verwirbelter Luft. Diese Luftverwirbelungen können von menschlichen Körpern, von Gegenständen aus verschiedenen Materialien – sogenannten Instrumenten – und von elektronischen Bauteilen erzeugt werden. Erst wenn diese Luftverwirbelungen in das menschliche Ohr gelangen, wandelt dieses sie über die Innenohrmechanik in Nervenreize um. Im Gehirn werden diese Impulse dann als Musik erkannt. Obwohl Luft ein chaotisches Gebilde darstellt, muss Musik nach genauen Vorgaben erdacht und produziert werden, sonst wird sie zum Lärm.

Den Anfang machte der Gesang

Gesang war in der Menschheitsgeschichte der Beginn der Musik. Auch wenn aus der Vorgeschichte keine Schallträger erhalten sind: Mit dem Singen hats angfangt, dann kamen Knochenflöten dazu, Darmsaiten wurden auf Holzteile gespannt und Tierfelle auf Hohlkörper. So ist in der steinzeitlichen Höhle der erste Hoagascht (bayerisch für „freie Improvisation in geselligem Ambiente“) zusammengekommen.

Musik in Zeiten von Corona

Bis zum Ausbruch von SARS COV-2 galt Gesang als eine menschliche, kulturelle Ausdrucksform, die sich zwischen Unvermögen, Geselligkeit und höchster Akrobatik bewegen konnte. Beim Gesang formt der Mensch verbrauchte Atemluft an den Stimmbändern zu Luftsäulen um und stößt diese mit möglichst vielen Vokalen und möglichst wenig Konsonanten als Lied, Song, Fangesang oder Opernarie wieder aus. In dieser verbrauchten Atemluft sind etwa 7% Feuchtigkeit enthalten, deswegen macht Gesang durstig. Weil nun das Corona-Virus selber keine Flügel hat benutzt es unter anderem ebendiese Feuchtigkeitsanteile im Gesang, um sich zu verbreiten.

Musikalische Superspreader

So wird in der Pandemie der feuchte Luftstrom aus einer begnadeten Sängerinnenkehle zum Risikofaktor, der sich auf den Inzidenzwert auswirken kann. Gesang ist gesundheitsgefährdend geworden! Doch nicht nur Gesang ist ein möglicher Superspreader, sondern alle auf Atemluft basierende Instrumentalmusik, allen voran die Blaskapelle. Die vielen Holz- und Blechbläser, die zusammen mit vergorenen Getreidegetränken uns so viele bacchantische Erlebnisse schenkten, dürfen pandemiebedingt derzeit nicht spielen. Am breitesten streut übrigens ausgerecht die Querflöte die Aerosole.

Weniger risikobehaftet aus pandemischer Sicht sind Tasten- und Saiteninstrumente, Schlagwerk sowie alle elektronischen Instrumente.

Das Instrument der Auswanderer

Zurück zu Astor Piazzolla: Sein Instrument und das zentrale Melodieinstrument des Tango ist das Bandoneon. Tango heißt übersetzt: Ich berühre.

Tango heißt übersetzt: "ich berühre"

Cheek to cheek. Foto: Volker Derlath

Das Bandoneon ist ein von Heinrich Band konstruiertes Handzuginstrument aus der Gruppe der Harmonikainstrumente, das aus der Konzertina entwickelt worden ist. Das Instrument ist nicht einfach zu erlernen, seine Knöpfe und Ventile sind ziemlich unlogisch angeordnet. Man hat einfach an die Konzertina noch viele „Töne“ angebaut, und am Ende ist etwas ähnlich Unstrukturiertes entstanden, wie bei einem Giasinger Herbergshaus. Nicht die protestantisch temperierte Ordnung eines Klavieres, sondern ein sauberes Durcheinand.

Lesetipp: Metzger Keller

Der lang ausziehbare Balg des Bandoneons, bestehend aus Pappe (Pappadeckl) und verbunden mit Ziegenleder, erinnert an eine Lunge: Durch Unter- oder Oberdruck zieht er die Luft ein und stößt sie wieder über die aus Zink gefertigten Stimmplatten ganz direkt aus. Keine Akkorde sind voreingestellt, es gibt nur oktavierte Einzeltöne, die aber zu unverwechselbaren Akkorden gegriffen werden können. Die Stimmplatten werden ebenso direkt angeblasen, wie die menschlichen Stimmbänder. Die Musik atmet, ächzt, moduliert, jubiliert, stöhnt, kämpft und lebt. Astor Piazolla hat dieses Instrument meisterhaft zum Klingen gebracht, obwohl er letztendlich nur verwirbelte Luft produziert hat, nicht mehr.

Von Italien über Argentinien in die USA

Astors Tango, der mich am meisten berührt: Adios Nonino. Piazzolla hat es seinem verstorbenen Vater gewidmet. Die Familie ist einst aus Trani in Italien nach Buenos Aires ausgewandert. Buenos Aires heißt „gute Luft“. Weil es dort wirtschaftlich schwierig wurde, zog die Familie nach New York um, wo dieser Nonino in Greenwich Village ein Friseurgeschäft eröffnete. Gefallen hat es ihm dort nicht, wegen der schlechten Luft und weil es in New York zu wenig Berührung, zu wenig Tango, gab. Seinem Sohn Astor hat der Nonino am neunten Geburtstag ein Bandoneon geschenkt und damit der Welt den Tango Nuevo. Danke, Astor. Adios Nonino!

Das Instrument des Tangos

Konzertinas. Foto: Gisela Hanna Arneth

Übrigens:
Eine wunderschöne Sammlung an alten Konzertinas besitzt der Schorsch Hahn, Ökobauer und Sensenpädagoge aus Großhartpenning.

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