Metzger Keller

Schwarzweißfoto von Giesing

Das gute, alte Giesing. Genau hier befand sich in den 80er Jahren die Metzgerei Keller. Foto: Volker Derlath

Sonntagskolumne

Giasing ist nicht mehr München und noch nicht Umland. Giasing hat seinen Charakter als ungestyltes „Glasscherben“-Viertel trotz aller Gentrifizierung noch nicht verloren. Schwabing zehrt von seinem Ruf, Giasing nährt ihn heute noch. Mit nostalgischem Augenzwinkern erinnert sich der Giasinger Autor Karl-Heinz Hummel an den unbedeutenden Metzger Keller, an ein Leben zwischen Lyoner, Oper und tätiger Nächstenliebe.

Der Metzger Keller hatte – in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts – seine kleine Metzgerei in der Tegernseer Landstraße, in einem kühlen, weiß gefliesten Ladenlokal, wo er mit seiner Frau und der Fachverkäuferin Fräun Inge seine selbstgefertigten Wurst- und Fleischwaren vertrieb. Fürs Fleisch war der Chef selbst zuständig. Wenn man Wurst wollte, ließ der Chef dies mit einem „des macht eahna dann mei Frau“ oder „des macht eahna s’Fräun Inge“ geschmeidig in den rückwärtigen Teil der Auslage hinübergeleiten. Bei Nennung ihres Namens errötete das Fräun Inge immer bis unter die Haarspitzen, irgendwie zwischen wienerhautfarben bis mettwurstglühend.

Freizeit von den Wurstwaren

Neben ihrem reellen Handwerk des Schlachtens, Zerlegens, Wurstens und Verkaufens waren der Metzger Keller, seine Frau und das Fräun Inge große Opernfreunde: Weniger Wagner („Höchstens mal an fliegenden Holländer“), eher Mozart, Weber und Verdi. Wer in seinem Leben sooft einen Ring Lyoner produziert hat, muss den Ring nicht noch abends im Nationaltheater sehen. Noch dazu, wo sich Ladenschlusszeiten und der Beginn von Wagners großen Werken immer ungünstig überschnitten.

Gerade am Jahresende, wenn auch das Fräun Inge vom Metzgerpaar als Anerkennung für ihre Treue zwischen Pfälzern, Schwarzgeräuchertem und Hirnwurst zu „La Boheme“ in die Staatsoper eingeladen worden war, strahlten ihre einsamen Augen und ihr Teint glimmte tagelang in der gesunden Farbe einer Regensburger.

Kiosk in Giesing
Nahversorgung: die Tegernseer Landstraße in den 80er Jahren. Foto: Volker Derlath

Die Obdachlosen und ihr täglich Brot

Auch die soziale Ader vom Kellermetzger war groß: Jeder Obdachlose, egal wie heruntergekommen er war, bekam vom Chef persönlich eine Leberkässemmel, selbst wenn der Laden voll war! Drückte sich ein etwas rasselnder Sandler herein, kam es beim Metzger Keller zu einer routinierten hochprofessionellen Abfolge tätiger Nächstenliebe: Zuerst fiel ein leicht rügender Blick auf den Bittsteller, dessen Körperdüfte das olfaktorische Ensemble von Frische, Räucheraromen und Grillabzug zu überlagern drohten. Der Hungrige wurde mit einem leichten Kopfschütteln bedacht, in dem sich Kritik am Subjekt und Mitleid mit seinem Schicksal exakt die Waage hielten. Dann flog, von einem milden Seufzer unterlegt, ein entschuldigender Blick über die Reihe der Kundschaft hinweg. Nach diesem Blick war jedem Zuvorgekommenen klar: Der neu eingetretene Gestrauchelte war jetzt der Nächste!

Leberkässemmel-Routine

Frau Keller begleitete den Vorgang mit einer kleinen Charmeoffensive und Fräun Inge errötete bis unter die Haarspitzen. Reaktionsschnell wie Torwart Radenkovic beim Elfmeterschießen ergriff der Metzgermeister eine Semmel, in Sekundenbruchteilen wurde sie vom schweren Fleischmesser geteilt, dieses fiel fast zeitgleich vertikal durch den dampfenden Leberkäsblock, präzise 15 mm vor dessen vorheriger Abschnittskante. Noch ehe die Scheibe von der Schwerkraft aufs Brett gezogen sich dort hätte niederlegen können, wurde sie schon von ebendiesem Messer auf die untere Semmelhälfte gebettet. Nur einen Wimperschlag später bedeckte der obere Semmelteil die dampfende Wurstware.

Lesetipp: Griechisch to go oder: „False Gerichte“

Schon hielt der Ausgestoßene sie in seiner Hand, und mit einem „Jetzlangtsaberdannfürheit“ fand er sich wieder aufs Giesinger Trottoir hinauskomplimentiert. Bevor dieser dankbar die Ladentüre hätte schließen können, war der Metzgermeister durch das hochgeklappte Abschlussbrett der Wursttheke hinausgeeilt und verhinderte diesen Vorgang. Mit einem halblauten „Glaabst as ober a“ vergewisserte sich der Metzger der weiteren Treue der Kundschaft und wedelte den säuerlichen Geruchskörper des Elends aus dem Verkaufsraum. Schon übernahm ein „Mog die Kloa a Hinwursti“ von der Metzgerin und ein „Deafs a bisserl mehr sei“ vom Fräun Inge wieder die Klangwelt des Wurstgewerbes, nur überlagert vom perkussiven Rhythmus des Schleifgeräusches zwischen Wetzstahl und Fleischmesser.

„Vier Rouladen, i richts glei her!“ vollendete der Meister meinen noch offenen Auftrag und mit einem „Pfiateahnagod“, Kassenbon und Wechselgeld trete ich wieder hinaus ins Giesinger Geschäftsleben.

Wiedersehen beim Himmelvater?

Wenn es im Himmel ein Opernhaus gibt, in dem die ehemaligen Sandler als Engel in duftenden Gewändern und mit begeisternden Stimmen „La Bohème“ aufführen, dann – so bin ich überzeugt – sitzt das Metzgermeisterehepaar Keller samt Fräun Inge dort in der Loge, umkränzt von Weißwürsten, Pfälzern und Regensburgern, und sie lauschen den Klängen, so lange sie wollen.

Ob der Giesinger Franz Beckenbauer, der in dieser Zeit anfangs beim Kicken gegen Garagentore, später beim nahe liegenden SC 1906 am St. Martinsplatz begann, sein intelligentes Fußballspiel einem Doping durch Metzger Kellers Hirnwurst („Mag da kloane Franzl no a Radl, Frau Beckenbauer?“) mitverdankte, kann nicht ausreichend belegt werden.

Bierseidl
Bierseidl mit Zinndeckel trifft auf morderne Sandale. Foto: Volker Derlath

Nähe, Nahversorgung, Nächstenliebe!

Noch ein Gedanke: Warum fällt mir gerade jetzt der Metzger Keller wieder ein? Vielleicht weil es im Online-Versand nirgendwo eine warme Leberkässemmel zu kaufen gibt, aber beim Metzger ums Eck? Weil dort ein warmes Mittagsgericht angeboten wird, das die Handwerker zur Zeit im Lieferwagen verzehren müssen und nicht auf den zusammengebundenen Stehtischen auf dem Trottoir? Weil auf dem Markt die „saure Ecke“ trotz Pandemie immer noch die beste Olivenauswahl bietet? Weil beim „Nahversorger-Supermarkt“ am Samstag der junge Eritreer, der irgendwann hierher geflohen ist und zur Zeit zum Krankenpfleger ausgebildet wird, sich beim Regaleinräumen etwas dazuverdient? Weil die kroatische Bäckereiverkäuferin mich daran erinnert, die extrige Semmel in einer eigenen Tüte für den kranken Nachbarn mitzunehmen? Merci Euch allen!

Weitere Infos:
Die wunderbaren Giesinger Fotos wurden uns von dem Münchner Fotograf Volker Derlath zur Verfügung gestellt.
Die Bücher und Sagen-Sammlungen von Karl-Heinz Hummel sind im Allitera Verlag München erschienen.

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