Griechisch to go oder: „False Gerichte“

Essen to go sieht anders aus

In To-go-Zeiten ein seltener Anblick: ein kunstvoll drapierter Meeresfrüchteteller. Foto: pixabay

Sonntagskolumne

Um die persönliche Coronamoral hochzuhalten und um der Trauer wegen weit entfernter südlicher Küsten entgegenzuwirken, haben wir heute beim Poseidon, unserem Viertelgriechen, Fisch bestellt: Nr. 49 Fischplatte und Nr. 60 „Loup de mer filet.“ To go, versteht sich! Sicherheitshalber rufe ich schon um 18 Uhr an und bestelle für 19 Uhr, damit kein Stress entsteht: „49 und 60, geht in Ordnung. 19 Uhr!“.

Geht das wirklich in Ordnung? Um halb sieben klingelt das Telefon, Poseidon, unser Grieche, ist dran: „Habe Esse bestellt?“

„Ja. Nummer 49 und 60 für 19 Uhr.“

Jetzt folgt eine kurze Erklärung, die sich so decodieren lässt, dass das Essen versehentlich schon früher fertig ist. Egal, der Grieche ist nur hundert Meter entfernt. Ich laufe gleich los um, das Essen to go mit eigenen Füßen zu holen, FFP2 Maske dabei, alles passt.

Arbeitslose Polizeipferde

Eigenartigerweise kommen von rechts in der Otkerstrasse sechs berittene Polizisten auf riesigen Pferden und mit reflektierenden Warnwesten daher. Ist schon Sperrstunde? Einen Moment lang habe ich ein schlechtes Gewissen. Aber die geht doch erst um 21:00 los? Vom Stadion strahlt die Flutlichtanlage herüber. Aha! Geisterspiel. Stimmt: Türk Güzü gegen Bayern II, erinnere ich mich und eile zur Take-away-Pforte meines Griechen. Wenn es keine Risikospiele mit harten Fans mehr gibt, dann haben Polizeipferde auch nicht genügend Auslauf, und auch sie haben im Lockdown ein Recht auf körperliche Bewegung.

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Ich trete beim Griechen ein, bekomme den obligatorischen Ouzo durch die Plexiglasverkleidung und sage wie immer: „Hilft gegen Corona!“

“Jammas. Habe bestellt?“ „49 und 60!“

“Fisplate“ und ein weiterer Satz, der irgendwie „Andere nicht abgeholt“ bedeuten könnte, folgen. Der Kellner bringt nach drei Minuten auch die übliche Plastiktüte mit Styroporboxen und dem bestellten Essen. Ich kaufe noch ein Paket griechischen Oregano und einen Ouzo to go dazu, zahle bar und trete auf die Straße. EC-Zahlung nicht möglich, Corona hat auch den Kartenleser flachgelegt. Von links in der Säbener Straße nähert sich das rhythmisch nicht genau strukturierte Klacken von 24 beschlagenen Hufen zum Schutz meiner Sicherheit. Vom Stadion weht gespenstische Stille herüber.

Berggeistersagen

Karl-Heinz Hummel, Liedermacher und Autor zahlreicher Geschichten und Bücher. Foto: privat

Die Entdeckung

Zuhause angekommen öffnen wir die Plastiktüte, um 49 und 60 zu entnehmen, aber irgendwas stimmt da nicht. Die Behälter können unmöglich die bestellten Speisen enthalten. So ist es auch: Bei vorsichtigem Öffnen blickt uns eine Lammhaxe an und in der anderen Box strecken frittierte Calamari ihre Beinchen in die Luft. Nein, das haben wir nicht bestellt. Bevor ich aber selbst reagieren kann klingelt bereits das Telefon, auf dem Display die Nummer unseres Griechen: „False Gerichte“ lautet kurz und knapp die Information. Ich stimme zu, wir packen alles wieder in einen Korb ein und ich eile zurück. Ganz entfernt überqueren sechs Polizeipferde mit zugehörigen uniformierten Reitern den Wettersteinplatz. Zurück beim Griechen gebe ich die Korbtasche mit den „false gerichte“ zurück und erhalte diese befüllt mit 49 und 60, wie bestellt.

Die Entschuldigung

„Entsuldigung, Durcheinander“ sagt der Grieche und „Gut sein!“

„Ja ja, ich bin nicht böse. Kann schon passieren, und danke an alle, dass ihr uns versorgt!“ gebe ich zurück.

„Gut sein!“ Er besteht darauf und drückt mir jetzt ein Papier, einen nachgedruckten 1000 Drachmen-Geldschein in die Hand. Gutschein steht darauf, handschriftlich ergänzt durch 10 EURO, das altgriechische Zahlenwort DEKA und das heutige Datum. Aus leeren Augen blickt mich Apollon, der Gott des Lichts, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung sowie der Weissagung und der Künste, insbesondere der Musik, der Dichtkunst und des Gesangs an. Außerdem ist er Gott der Heilkunst sowie der Bogenschützen.


Der 1000-Drachmen-Gutschein mit dem berühmten griechischen Gott Apollon. Foto: privat

Griechenland!

1000 Drachmen, ein alter Drachmen-Schein, das ruft die Erinnerung an dieselstinkende Fähren, brennend heißen Sand, an das hellste Weiß und das tiefste Blau, an STS, harzigen Retsina, unglaublich aromatische Tomaten und an intensiv herben Oregano hervor. Ein Gutschein für eine Reise in die Erinnerung, 40 Jahre rückwärts, irgendwo nach Hora Sfakion oder Karpatos.

Danksagung

Tausend Drachmen Gut sein! Nie werde ich diesen Gutschein einlösen, er erhält einen Ehrenplatz, immer soll er mich an diesen unwirklichen Januarabend in Coronazeiten erinnern. In einer Zeit, wo so viele false Gerüchte verbreitet werden, eine so freundliche Rücknahme eines falsen Gerichtes! Ein Hoch auf alle Gastwirte und Köche, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts und welcher Küche, die uns diese Zeiten mit richtig guten Gerichten erleichtern!

P.S.: Ich habe auch nichts gegen Pferde, sofern sie ihrerseits die Abstandsregeln einhalten.

Die Bücher und Sagen-Sammlungen von Karl-Heinz Hummel sind im Allitera Verlag München erschienen.

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