Jagd auf Andersdenkende – früher wie heute

Theatergruppe Gymnasium Tegernsee "Hexenjagd" - das neue Stück 2019

Mit wenigen Lichteffekten eindrucksvoll inszeniert – „Hexenjagd“ nach Arthur Miller. Foto: IW

Schülertheater in Tegernsee

„Harten Tobak“ hatte sich das Ensemble der Theatergruppe des Gymnasiums Tegernsee gemeinsam mit ihrer Theaterleiterin Barbara Winkler vorgenommen. Mit Arthur Millers Stück „Hexenjagd“ inszenierten sie ein zeitloses, dramatisches Stück, das hohes Können abverlangte.

Sich immer wieder neu ausprobieren, eigene Grenzen austesten und möglicherweise sogar überschreiten, wenn sie zu bewältigen sind – so kann man das Theaterspiel der Jugendlichen am Tegernseer Gymnasium beschreiben. Es ist weit mehr als eine „Abwechslung“ zum Schulalltag aus Lernen und Bewältigen von Prüfungen. Es trägt ganz entschieden zur Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler bei. Das Tegernseer Gymnasium kann sich glücklich preisen, dass es sogar gleich über zwei spielfreudige, außerordentlich begabte Theatergruppen verfügt.

Theater am Tegernseer Gymnasium hat Strahlkraft

Und mancher Gymnasiast entscheidet sich sogar extra wegen der Möglichkeit des Theaterspielens für Tegernsee. Kein Wunder, denn was die beiden Theatergruppen in jedem Jahr auf die Beine stellen, ist außergewöhnlich – und nicht nur dem Engagement der Schülerinnen und Schüler, sondern insbesondere auch den beiden Theaterleiterinnen zu verdanken, die in ihren Gruppen die große Leidenschaft entflammt haben und am Brennen halten.

Halten unbarmherzig an ihrer Lüge fest - auch wenn es unschuldigen Menschen das Leben kostet
Die Mädchen halten unbarmherzig an ihrer Lüge fest – auch wenn es unschuldigen Menschen das Leben kostet: Abigail Williams (Luisa Rauscher, Mitte) ist ihre Anführerin. Foto: IW

Letzten Donnerstag und Freitag war es wieder soweit. Die Theatergruppe um Theaterpädagogin Barbara Winkler führte ihr diesjähriges Stück auf. Sie überraschte das Publikum mit einem zeitlos aktuellen Werk des Schriftstellers Arthur Miller aus dem Jahr 1953, das den Spielenden in seiner Dramatik einiges abverlangte. War im letzten Jahr noch mit Carlo Goldonis „Trilogie der Sommerfrische“ ein Stück auf der Bühne, in dem die Jugendlichen endlich einmal so richtig schrill sein durften, mangelte es diesmal nicht an Düsternis und Tragik. Der Stoff gibt es vor und lässt wenig Hoffnung auf ein gutes Ende. Auf einen Sieg, den die aufrechten, ehrlichen Menschen trotz ihres Martyriums dennoch davontragen, indes schon – eine Herausforderung.

Lesetipp: Carlo Goldoni’s „Trilogie der Sommerfrische“ – der Theatererfolg 2018

Verzweifeelt: John Procur (Henrik Schlosser) und seine Ehefrau Elisabeth (Hannah Mattner)
Verzweifelt: John Procur (Henrik Schlosser) und seine Ehefrau Elisabeth (Hannah Mattner). Foto: IW

Millers „Hexenjagd“ spielt im Hintergrund der Kommunistenverfolgung während der McCarthy-Ära. Verfasst hat der Autor sie als Historiendrama, in dem die Hexenverfolgung sinnbildlich für die Hysterie steht, mit der Andersdenkende gehetzt und verfolgt werden. Wo jeder jeden verdächtigt und denunziert, wo die geringste Abweichung von der Norm ausreicht, einen Menschen auf den Scheiterhaufen oder an den Galgen zu bringen. Neid, Hass, Machtgier und Eifersucht regieren und bald kann keiner mehr irgendjemandem trauen.

Ganze Palette intensiver Gefühle

Was als harmloser Liebeszauber junger Mädchen im Wald beginnt, löst eine Kettenreaktion aus Lüge und Heuchelei aus, die vor Gewalt und Mord nicht zurückschreckt. Die Ereignisse schaukeln sich hoch. Einer denunziert den anderen zum eigenen Vorteil oder um sich selbst zu retten. Alte Rechnungen werden beglichen, die hässlichsten Gefühle und menschlichen Regungen treten zutage. Großartiger Stoff also für die Jugendlichen, ihre dunkle, dramatische Seite zu entdecken und die Palette der großen Gefühle durchzudeklinieren.

Denunziation und Folter zeichnen ein Regime aus, das andersdenkende fürchtet und bekämpft
Einfache Kulisse – starke Wirkung: Denunziation und Folter zeichnen ein System aus, das Andersdenkende fürchtet und bekämpft. Foto: IW

Das Stück fordert ihnen einiges ab – bereits in seiner Länge von knapp drei Stunden. Verzweiflung und Gewalt werden nicht gesäuselt, am Ende sind alle ein wenig heißer, aber glücklich, denn der tosende Applaus ist die schönste Belohnung. Mit wenigen Mitteln und gekonnten Lichteffekten wurde die Bühne in eine großartige Kulisse verwandelt und die außergewöhnlichen Kostüme schufen den optischen Rahmen für dieses Spektakel aus Verzweiflung, Eifersucht, Rache und Gotteslästerei.

Nur Wenige stellen sich der Verantwortung

Darin, wie schnell die Hysterie ansteckt, wie schnell Menschen für ihr Andersdenken abgestempelt und verurteilt werden, hat sich bis heute nichts geändert. Auch das wollten die jungen Schauspielenden in aller Deutlichkeit aufzeigen – und es ist ihnen gelungen. Das fulminante Finale zeigt warnend, dass sich stets nur Wenige ihrer Verantwortung und Schuld stellen – und dass, wenn die Vernunft nicht siegen kann, am Ende die Klugen tot sind und die Dummen verloren.

Dank der jungen Theatergruppe an Theaterpädagogin Barbara Winkler
Dank der Schülerinnen und Schüler an Theaterpädagogin Barbara Winkler. Foto: IW

Einige der Schüler und Schülerinnen werden wir nicht wieder auf dieser Bühne im Rahmen des Schülertheaters sehen – sie verlassen in diesem Sommer mit dem Abitur in der Tasche das Gymnasium Tegernsee wie beispielsweise Henrik Schlosser (großartig in der Rolle des John Procter), Vitus Rettermeier (wieder brillant – Reverend John Hale) und Hannah Mattner (gereift in ihrem Schauspiel als Elisabeth Proctor). Wir werden sie heute schon vermissen – und wissen doch zugleich, es „wachsen“ immer wieder großartige Jungschauspieler und -schauspielerinnen nach, wie beispielsweise Vicky Hagn in der Rolle der Betty.

Lesetipp: „Wir sind Faust“ – Erfolg der Theatergruppe „Die Anderen“ im Jahr 2018

Alle gemeinsam – das ist das Prinzip

Das besondere aber an den Aufführungen des Schülertheaters ist – neben der außerordentlichen Leistung – der Zusammenhalt, der während des Entstehens der Inszenierung und der intensiven Proben entsteht. Wie alle gemeinsam, von der Technik über den Getränkeverkauf im Foyer bis zu den Darstellern auf der Bühne an einer großen Sache arbeiten, ist bewundernswert. Der Erfolg und der Applaus sind wohlverdient, Hut ab!

Schon mal vormerken: Am 21. Juli führt übrigens die zweite Theatergruppe des Gymnasium Tegernsee „Die Anderen“ um Theaterleiterin Sabine Schreiber ihr Stück im Alten Schalthaus des E-Werk Tegernsee auf.

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