
Staunen und Aufruhr
Julia Eichler aus Halle an der Saale und Isabella Krobisch aus Miesbach begegneten sich im Mobilen Atelier. Foto: Lisa Mayerhofer
Interview zum Tag der Deutschen Einheit
Am heutigen 3. Oktober vor 35 Jahren fand die Wiedervereinigung Deutschlands statt und damit der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland. Wir sprachen mit der Künstlerin Julia Eichler aus Halle, die derzeit in Miesbach das Mobile Atelier betreibt und Isabella Krobisch, Chefin des Kulturamtes der Stadt Miesbach.
MZ: Was verbindet Ihr mit dem Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober?
JE: An einem 3. Oktober bin ich mit meinem ersten Freund auf einer Hollywoodschaukel zusammengekommen.
IK: Freude und Zusammengehörigkeit.

Grafik von Otto Hoernisch
MZ: Welche Erinnerungen habt Ihr an den 3. Oktober, oder was haben die Eltern oder Großeltern erzählt?
JE: Andere Erinnerungen an einen weiteren dritten Oktober habe ich nicht, dafür aber an den 9. und 10. November 1989. Ich erinnere mich sehr gut an diese, von meinen sechsjährigen Ich, vorher noch nie erfahrene Stimmung in unserem Wohnzimmer nach der Bekanntgabe des neuen Reisegesetzes, am Abend des neunten Novembers. Obwohl ich natürlich überhaupt keine Ahnung von Reisegesetzen hatte, spürte ich diesen wahnsinnigen Aufruhr und Gespanntheit meiner Eltern, das Verlangen sich sofort selbst davon zu überzeugen, aber wegen der kleinen Kinder bis zum nächsten Morgen noch warten zu müssen. Zerreissende Anspannung dann im U-Bahntunnel Alexanderplatz, viele Menschen, die mit der Bahn über die Grenze wollen, die Volkspolizei kontrolliert unsere Dokumente. Dann endlich sitzen wir in der Bahn nach Westberlin zu meinen Großeltern…die Architektur hat mich umgehauen und die Spielplätze, Kaugummis und Kiwis kannte ich ja schon aus den Westpaketen….
IK: Atemloses Staunen über die Fernsehberichte von den Grenzöffnungen.

Mauerstück. Foto: MZ
MZ: Wir war Dein Verhältnis zur DDR, Isabella?
IK: Da ich keine persönlichen Bindungen in die DDR hatte, hat mich besonders die Literatur interessiert. Viele Werke waren auch im Westen erhältlich, zum Beispiel von Christa Wolf, Brigitte Reimann, Sarah Kirsch oder Monika Maron. Was besonders erstaunlich war, wir wussten ja nicht einmal, wie die Menschen im Osten aussehen. Als es dann einmal ein Fotobuch von Helga Paris mit Frauenporträts in den Buchhandel im Westen schaffte, konnte man sich endlich ein „Bild“ machen von den Landsleuten im damals so fernen Osten.

Julia Eichler. Foto: Isabella Krobisch
MZ: Welche Erinnerungen hast Du an die DDR, Julia?
JE: Im DDR-Kindergarten musste ich trotz permanentem Würgreiz mein Bananenbutterbrot aufessen, weil die Kindergärtnerinnen stolz darauf waren, dass sie so etwas Gutes aufgetrieben hatten. Ich habe nie wieder in meinem Leben ein Bananenbutterbrot gegessen. Im Musikunterricht sollten wir einmal zu einem Marschsong durch das Klassenzimmer marschieren, fix wurde ich zum Marschzentrum, da ich mich für meinen Stuhl und das Sitzen entschieden hatte. Wahrscheinlich, weil ich bei den Pionieren auch nicht mitmachen durfte. Meine Eltern hatten etwas dagegen. Meine Eltern hatten noch andere Pläne in ihrem Leben, als auf Mauern zu schauen.

Isabella Krobisch. Foto: Kulturamt Miesbach
MZ: Fühlt Ihr Euch heute am 3. Oktober 2025 in einem einheitlichen Deutschland?
JE: Einheitlich?
IK: Ich finde es großartig, dass aus Ost und West wieder ein geeintes Land geworden ist und bin dankbar, dass ich miterleben durfte, was für ein großartiger Wandel sich vollzogen hat. Anfangs war es nachgerade eine Sensation Menschen „von drüben“ zu begegnen, die ausgereist waren und sich im Westen eine neue Existenz aufgebaut hatten.

Der Göbelbrunnen in Halle an der Saale. Foto: Isabella Krobisch
MZ: Fährst Du gern in die neuen Bundesländer, Isabella? Warum?
IK: Mir bedeuten die Kulturreisen im kleinen KulturVisions-Kreis sehr viel. Erstens, weil ich viel Schilderungen aus der Literatur (die sich natürlich längst über die oben genannten Autoren hinaus erweitert haben) wiederfinde. Zum anderen, weil ich Kulturstätten hautnah gegenüberstehe wie in Dessau (Bauhaus), in Weimar (Goethe und Schiller), in Wittenberg (Luther), in Halle (Feininger), Naumburg, die teils Weltkulturerbe sind und auf die ich jetzt auch stolz sein darf. Was mich besonders beeindruckt wie leicht man mit den Bewohnern ins Gespräch kommt und wie groß das gegenseitige Interesse ist – wie zuletzt bei unserer Harz-Exkursion.

Quedlinburg bei der Harz-Exkursion von KulturVision 2025. Foto: Isabella Krobisch
MZ: Wie fühlst Du Dich in Bayern, Julia?
JE: Das Glatte der Orte und das Perfekte der Landschaft sind etwas gewöhnungsbedürftig für mich, dafür bin ich aber sehr eingenommen von der Wärme der Menschen. Soviel Beratung beim Einkaufen, wie in den letzten zwei Wochen, habe ich in meinen ganzen Leben noch nicht bekommen, plus die Gratisgeschichten der Kassierenden. So viel geschenkte Zeit…
MZ: Ist die Kultur ein geeignetes Instrument, um die Menschen aus Ost und West zusammenzubrinegn?
JE: Kunst und Kultur sind für mich die Fundamente des Menschseins.
IK: Ich wüsste kein Mittel, das mehr zum gegenseitigen Verständnis beitragen könnte als Kunst und Kultur.

Hier steht das Mobile Atelier. Foto: Isabella Krobisch
MZ: Welche Erfahrungen macht Ihr mit dem Mobilen Atelier?
JE: Eine interessante Erfahrung, manchmal komme ich mir vor wie eine Schaustellerin auf Durchreise, mal wie ein Fremdkörper auf der Hundewiese, aber in den allermeisten Fällen treffe ich auf sehr offene interessierte Menschen und anregende Dialoge. Für mich und meine Arbeit ist ein Ortswechsel und der frische Blick auf die Gegebenheiten, das Zusammenleben und so weiter extrem wichtig und inspirierend.
IK: Von der ersten Stunde an hat unser Waitzinger Keller Team eine große Nähe zu Julia Eichler empfunden und es ist großartig wie viel wir voneinander lernen können. Das empfinden wohl auch viele Bewohner des Landkreises so, die an die Ateliertüre klopfen, das Gespräch suchen, künstlerischen Rat einholen oder einfach mal ein paar Worte wechseln möchten.
MZ: Hast Du Dich bewusst für Bayern entschieden, Julia?
JE: Ja. Ich kenne sonst nur emigrierte Bayern und wollte gerne die Dagebliebenen kennenlernen.
Zum Weiterlesen: 30 Jahre Wiedervereinigung