Freilandpädagogik statt Kinderreservate

Hütten bauen

Beim Hütten bauen. Foto: Herbert Österreicher

Freilandpädagogik am Kirchsee

Kinder wollen und sollen draußen spielen. Und sie haben eine Menge Fragen. Um diese beantworten zu können, ist Freilandpädagogik für Erzieherinnen unabdingbar. 18 Teilnehmerinnen aus ganz Bayern waren jetzt einen Tag lang am Kirchsee unterwegs und durften auch selbst wieder Kind sein.

„Es gibt ein Gesetz für freilaufende Hühner, aber nicht für freilaufende Kinder“, macht Edeltraud Prokop das Dilemma deutlich und fährt fort: „Die Leute regen sich über Käfighaltung auf, aber nicht über Raumhaltung.“ Denn heute leben Kinder zumeist in geschlossenen Räumen.
Freilandpädagogik-Prokop-Österreicher
Die Kursleiter Edeltraud Prokop und Herbert Österreicher. Foto: MZ

Die Pädagogin hat mit ihrem Mann Herbert Österreicher ein Konzept für Freilandpädagogik entwickelt, das sie in vier Modulen und einem Abschlusskolloquium am Institut für Bildung und Beratung Miesbach anbieten. „Raus aus den Kinderreservaten“, fordert Edeltraud Prokop und hinein in die Natur.

Neugier als Motor für Entdeckung

Das entspricht ihrem natürlichen Bewegungsdrang, der Notwendigkeit, frische Luft zu atmen und ihre angeborene Neugier für die Wahrnehmung der Reize in der Natur zu fördern. Die Neugierde sei der Motor für jede Entdeckung, ist die Pädagogin überzeugt.
Draußen gebe es an jeder Ecke etwas zu entdecken. Aber die Kinder werden mit dem Auto in die Kita gebracht und wieder abgeholt und verlernen normale Kompetenzen, wie Orientierung und Zeitgefühl. Alles wird ihnen von den wohlmeinenden Eltern abgenommen.

Lesetipp: Ein Blick in die Wundergartenwerkstatt, KulturBegegnungen Nr. 31, Seite 20

Dürfen sie aber in der Natur spielen, lernen sie all das wieder. Und noch etwas ist draußen anders als drinnen. Im Raum laufe die Kommunikation per Anweisung oder Kommentar ab, im Freien aber sei sie dialogorientiert. „Dialoge sind viel wichtiger für die Kinder“, sagt sie.

Freilandpädagoginnen-drei teilnehmerinnen
In einem abgesteckten Areal gibt es viel zu entdecken. Foto: Herbert Österreicher

Am Kirchsee haben die beiden Naturpädagogen ihre Kursteilnehmerinnen auf die Welt der Flora und Fauna aufmerksam gemacht. Dabei, so erklärt Herbert Österreicher, gehe es gar nicht darum, jede Pflanze systematisch zu bestimmen, sondern vielmehr darum, wahrzunehmen, was es alles gibt.

Lebend gebärender Knöterich

„Wir haben einen lebendgebärenden Knöterich angetroffen“, erzählt er. Eine Pflanze, die lebend gebärt? Noch nie gehört. Bei normalen Pflanzen fällt der Samen herunter, hier aber bleibt er an der Blüte, es findet Paarung statt und erst eine neue entwickelte Pflanze fällt zu Boden.

Tiere bestimmen
Beim Tiere bestimmen. Foto: Herbert Österreicher

Springspinnen und eine Paarung von Rüsselkäfern wurden beobachtet, sowie die fleischfressende Pflanze Sonnentau, die sich von Insekten ernährt.

Wichtig im Freien ist für Kinder insbesondere Hütten bauen. Auch dafür hatten die beiden Pädagogen Anregungen. Oder aus Naturmaterialien selbst etwas zu bauen. Die Kursteilnehmer hatten an dem Rollenwechsel, selber etwas bauen zu dürfen und nicht anzuleiten, großen Spaß.

Freilandpädagogik selbst gestalten
Aus Naturmaterialien selbst kreativ werden. Foto: Herbert Österreicher

Eine Freisingerin fand die Selbsterfahrung in der Praxis besonders reizvoll. Sie erzählt, dass sie ein Stück Blühwiese absteckten und dann in diesem Quadrat untersuchten, was kennt man, was will man noch wissen von der lebendigen Natur.

Am liebsten würde sie jetzt gleich jeden Tag mit ihren Kindern in den Wald gehen, äußert sich eine Ebersbergerin begeistert von der Weiterbildung.

Pflanzen bestimmen
Beim Pflanzen bestimmen. Foto: Herbert Österreicher

Leider gehe oft verloren, den Blick auf das Kleine, das Verborgene zu richten, an diesem Tage habe man wieder gelernt, neugierig die Schönheit der Schöpfung hier in der Heimat zu entdecken, sagt Andrea Steiner aus Vagen.

Bauernhof-Kindergarten

Aus Bad Kötzting im Bayerischen Wald ist Vreni Aschenbrenner gekommen. Sie erzählt, dass sie einen Bauernhof-Kindergarten gründen und dafür die passende Fortbildung gesucht habe. 18 Kinder werden dort mit sechs verschiedenen Tierarten zusammenleben. „Wir sind immer draußen und alle sind für die Tiere verantwortlich“, erklärt sie das spannende Konzept. Sie wisse aus ihrer Erfahrung, dass Kinder keine stereotype Erziehung brauchen, wenn „jedes Kind denselben Pinguin ausschneidet“. Gut gestaltete Freiräume seien besser als feste Systeme und es gebe kein ehrlicheres Gegenüber als ein Tier.

Eigene Ideen entwickeln

Nach diesem Tag in der Natur, dem ein eine theoretische Einführung vorausging, werden sich die Kursteilnehmerinnen noch zweimal zu Reflexionen über die Freilandpädagogik mit ihren beiden Referenten treffen. Im letzten Modul entwickeln sie dann eigene Ideen, wie sie in ihrer Einrichtung heraus aus dem Raum hinein in die Natur gehen wollen.

Das Institut für Bildung und Beratung unter der Leitung von Helga Böhme-Konrad ist eine Weiterbildungseinrichtung für pädagogisches Fachpersonal. Sie vertrat das Thema „Bildung“ bei der Konferenz „Anders wachsen“ im April im Waitzinger Keller-Kulturzentrum Miesbach, woraus sich ein Arbeitskreis „Bildung“ gründete.

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