„Wir müssen Entwicklungshilfe noch viel ernster nehmen.“

Entwicklungshilfe Prinz Ludwig

BR-Screenshot. Foto: Max Kronawitter

Interview mit Prinz Ludwig von Bayern über Entwicklungshilfe

In Afrika sind rund 40 Millionen junge Menschen unter 25 arbeitslos. Sie können leicht zum Ziel werden für Terrorgruppen oder auch für Schleuser, die ihnen einen Zugang nach Europa versprechen. Wie kann man dieser gewaltigen Herausforderung begegnen? Prinz Ludwig, Nachfahre der bayerischen Könige, kennt die Situation vor Ort.

Prinz Ludwig, Sie engagieren sich in der Region Turkana in Kenia. Dort hat es gerade starke Überschwemmungen gegeben. Wie ist derzeit die Lage?
Auffällig ist, dass mit dem Klimawandel die Regen- und Trockenzeiten immer extremer werden. Wir hatten in den zehn Jahren, seit ich regelmäßig in der Region Turkana bin, noch nie so viel Wasser. Es ist vollkommen unglaublich, wie oft es jetzt geregnet hat in den letzten Wochen und Monaten. Das führt dazu, dass sich saisonale Flüsse bilden, die teilweise zwei, drei Meter tief und dreißig Meter breit werden, und dann für ein paar Tage Wasser führen und ganze Landstriche mitreißen. Tiere werden auf Inseln gefangen und müssen ertrinken. Ganze Siedlungen werden überflutet. Speziell die Stadt Lodwar war weitgehend überflutet, die halbe Stadt stand teilweise unter Wasser.

Harte Dürrezeiten führen zu Hunger

Auf den heftigen Regen folgen oft harte Dürrezeiten. Wie erleben das die Nomadenvölker in Kenia?
Die Nomaden sind besonders stark betroffen, wenn ihre Tiere sterben. Bis Menschen verhungern dauert es länger als man oft denkt. Aber bestimmte Teile der Bevölkerung sind schneller betroffen als andere. Zum Beispiel leiden behinderte Kinder besonders unter Dürren, weil es leider in den Familien der Nomaden so ist, dass, wenn das Essen knapp wird, die behinderten Kinder als erste vernachlässigt werden. Das ist immer ein starkes Warnzeichen – wenn es einzelne, schlecht entwickelte oder sogar verhungernde Kinder gibt, während die meisten anderen noch ganz in Ordnung sind, dann heißt das: Jetzt geht den Menschen bald das Essen aus. Wenn es noch ein paar Monate so weiter geht, dann sind alle am Hungern.

Warum gehören die Nomaden in Kenia zu den besonders verarmten Schichten?
Die Bevölkerung ist gewachsen, vor allem, weil es auch für die Nomaden inzwischen viele Nahrungsmittelhilfen und eine bessere medizinische Versorgung gibt. Das führt dazu, dass die Menschen sich mehr zentrieren und genau dort Siedlungen bilden, wo sie diese Hilfsangebote bekommen. Wir haben also das Problem einer „Zersiedelung der Wüste“, wodurch fast schon slum-ähnliche Verhältnisse mitten im Nirgendwo entstehen. Die Menschen haben dort aber kaum eine Arbeit und bleiben komplett auf Hilfe angewiesen, und das Problem wird jedes Jahr ein Stück größer.

Trotz Entwicklungshilfe keine Chance nach der Schule

Ihre Arbeit setzt bei den jungen Leuten an, die in der Schule waren, in ihrem Leben etwas erreichen wollen – aber dann keine Arbeit finden und in die Städte abwandern.
Kenia hat es geschafft, dass inzwischen viel mehr Kinder in die Schule gehen, als noch in der vorigen Generation. Das ist ein Fortschritt. Gerade auch von der Kirche wurden unglaublich viele Schulen gebaut, und auch der Staat tut dort jetzt mehr. Leider entsteht dadurch ein neues Problem. Für die jetzige Generation, die bald mit der Schule fertig wird, gibt es so gut wie überhaupt keine Chance vor Ort eine Arbeit zu finden. Mit anderen Worten: Schicken wir die Kinder jetzt in die Schulen, dann geben wir ihnen mit der Bildung ein Versprechen: „Wenn ihr jeden Tag hart arbeitet und lernt, wird euer Leben besser“. Obwohl wir eigentlich wissen, dass das gar nicht der Fall sein kann im Moment.

Neue Ideen für Entwicklungshilfe nötig

Was kann man tun?
Ich sage immer: Wir müssen Entwicklungshilfe noch viel ernster nehmen, als wir es im Moment tun. Es ist vollkommen richtig, dass wir Kinder ernähren. Wir können sie nicht verhungern lassen als Christen. Es ist vollkommen richtig, dass wir Kinder in die Schule schicken. Aber wir müssen auch schauen, dass wir für junge Erwachsene berufliche Chancen schaffen. Dafür gibt es keine Zauberformel. Wir brauchen Hunderte und Tausende verschiedene Ideen, die jeweils auf die Region angepasst sind.

Das erfordert Geduld und Ausdauer…
Es war noch nie so schwierig wie heute, dieses Problem zu lösen. Nur: Wenn wir es heute nicht lösen, ist es in zehn Jahren, in zwanzig Jahren nochmal schwieriger. In den nächsten dreißig Jahren reden wir über eine zusätzliche Milliarde Menschen auf diesem Kontinent.

Prinz Ludwig
Prinz Ludwig. Foto: missio

Missionare für Entwicklungshilfe

Sie arbeiten auch mit der lokalen katholischen Kirche zusammen. Warum schätzen Sie diese als Partner?
Die besondere Fähigkeit der Kirche liegt in den Missionaren aus der ganzen Welt, die sie einsetzen kann. Eine normale Entwicklungshilfeorganisation hat ja oft ein Personalproblem. Denn dort, wo die Arbeit am nötigsten wäre, ist es am schwierigsten, dauerhaft qualifiziertes Personal hinzubringen. Es ist einfach schwierig, jemanden, der eine hohe Ausbildungsstufe hat, irgendwo im Busch zu stationieren und zu sagen: „Du bleibst jetzt hier mal die nächsten zwanzig Jahre.“ Die katholische Kirche kann über ihre Missionare wirklich Menschen finden, die genau das wollen, und sich einer solchen Aufgabe verschreiben. Sie bauen etwas Solides auf und wissen: Was ich hier anfange, das bringe ich auch zu Ende. Diese Personalie „Missionar“ ist einzigartig und unglaublich wertvoll.

Nicht eigene Visionen aufstempeln

Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb, Ihre Arbeit in Afrika sei ähnlich verwegen, wie es der Bau der Königsschlösser durch Ihre Vorfahren war…
Ich glaube, dass jeder, der diese Regionen in Afrika bereist hat, automatisch einen starken Antrieb entwickelt, dort zu helfen. Ich glaube nicht, dass das bei mir eine familienspezifische Tradition ist. Wichtig dabei ist vor allem, dass man nicht einfach seine eigenen Visionen hat und probiert, sie auf Regionen in Afrika draufzustempeln. Das ist einer der großen Fehler, die wir in den letzten fünfzig Jahren Entwicklungshilfe gemacht haben. Wir haben uns zu sehr in unserem Kämmerchen Sachen überlegt und gemeint, wir könnten damit die Welt verbessern. Was viel wichtiger ist als Visionen: Hinzugehen, um die Menschen zu verstehen und dann gemeinsam, problemorientiert, vor Ort und für jeden Ort spezifische Lösungen zu entwickeln. Und dann durch jahrelanges Probieren und immer wieder Anpassen am Schluss zu guten Lösungen kommen.

Mit Pater Florian gibt es ja aus Ihrer Familie einen Missionar in Kenia. Er lebt bei den Nomaden der Dassanetch und entwickelt ein besonders Schulsystem. Sind Sie häufig mit ihm in Kontakt?
Er macht hervorragende Arbeit in Illeret. Mit dem Auto wären es drei Tage, aber mit dem Boot quer über den Turkana-See kann ich ihn tatsächlich in drei, vier Stunden besuchen. Da wir beide sehr ressourcenvorsichtig sind und nur Fahrten machen, die wirklich angezeigt sind, ist es nicht so, dass ich regelmäßig zum Kaffeetrinken rüberfahren kann. Aber gelegentlich sehe ich ihn. Seine Arbeit ist genau das, was ich vorhin beschrieben habe: Sie ist über Jahre von ihm sehr vorsichtig mit den Menschen dort entwickelt worden.

Lesetipp: „Afrikaner haben gute Ideen“

ZUR PERSON

Irgendwann soll Prinz Ludwig von Bayern seinem Onkel Herzog Franz und seinem Vater Prinz Luitpold nachfolgen und Oberhaupt des Hauses Wittelsbach werden. Als Vorsitzender des „Hilfsvereins Nymphenburg“ liegt ihm besonders die Region Turkana in Kenia am Herzen. Dort erhalten junge Menschen mit der Initiative „Startup Lions“ die Chance, eigene Firmen zu gründen, etwa im Bereich Software-Entwicklung und Webdesign. Dafür verbringt Prinz Ludwig jedes Jahr mehrere Monate in Afrika. Ein Partner ist die Diözese von Lodwar, auf deren Gebiet auch das große Flüchtlingslager Kakuma liegt. Lodwar wird seit langem auch von missio München unterstützt. Im Bayerischen Fernsehen gab es ein Filmportrait („Vom Königsschloss ins Wüstenzelt“), das bis Ende 2020 in der BR-Mediathek abrufbar ist.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im missio magazin 2/2020

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