„Afrikaner haben gute Ideen“

Vor-Ort-Hilfe

Initiativen der Vor-Ort-Hilfe in Holzkirchen. Foto: Petra Kurbjuhn

Podiumsdiskussion in Holzkirchen

„Sollen wir hierbleiben oder unser Glück in Europa suchen?“ Das ist die Schlüsselfrage von Flüchtlingen, die zum Thema „Vor-Ort-Hilfe“ der Podiumsdiskussion im Rahmen von „Anders wachsen“ im Foolstheater führte. Die interessierten Zuhörer erfuhren von den kompetenten Podiumsgästen viel Neues, auch Überraschendes.

Unter der souveränen und sachkundigen Moderation von Christian Selbherr stellten drei Vertreter von engagierten Initiativen in Afrika ihre Projekte und Visionen vor und antworteten auf die zahlreichen Fragen des Publikums. Christian Selbherr, Redakteur bei missio, war erst am Vortag von einer Reportagereise durch mehrere afrikanische Länder zurückgekommen und konnte aus eigener Erfahrung wichtige Informationen beisteuern.

Christian Selbherr
Moderator Christian Selbherr. Foto: Petra Kurbjuhn

Er erzählte, dass ihm in einem Flüchtlingslager von Jesuiten von einem Afrikaner gesagt worden sei: „Lieber sterbe ich in der Wüste oder auf dem Meer, ehe ich hier zugrunde gehe.“ Der Leidensdruck ist also groß. Was können wir in Europa tun, um den Menschen in Afrika eine Perspektive zu geben?
Peter Glas
Peter Glas, 1. Vorsitzender von Fanga e.V.. Foto: Petra Kurbjuhn

Peter Glas ist Vorsitzender von Fanga e.V. aus Feldkirchen-Westerham. Er betonte, dass immerhin 80 Prozent der Flüchtlinge in andere afrikanische Länder und nicht nach Europa fliehen. Wichtig vor Ort sei eine Schulbildung und Ausbildung, „um den Menschen Möglichkeiten zu geben, ihr Land zu formen“. Fanga e.V. ist dafür in Burkina Faso tätig.

Algaf Sene
Algaf Sene, Vorsitzender von Hilfe für die Straßenkinder von Mbour, Senegal e.V. Foto: Petra Kurbjuhn

Es tue ihm weh, wenn die Menschen ihr Land verlassen müssen, sagte Algaf Sene, der in Holzkirchen den Verein „Hilfe für die Straßenkinder von Mbour, Senegal e.V.“ gründete. Er selbst sei von einer Entwicklungshelferin adoptiert worden und lebe seit vielen Jahren in Deutschland, wolle aber wieder in die Heimat zurückgehen.

„Viele Afrikaner denken, Europa, das ist heile Welt“, sagte er. Man müsse vor Ort die Bildung und Ausbildung ermöglichen, denn „Afrikaner haben gute Ideen“.

Leni Nebel und Algaf Sene
Leni Nebel, Landesdirektorin Das Hungerprojekt und Algaf Sene. Foto: Petra Kurbjuhn

Leni Nebel aus Oberdarching ist deutsche Landesdirektorin von Das Hunger Projekt. „Wir haben durch die Förderung die Menschen zu Bittstellern gemacht und ihnen die Würde genommen“, sagte sie. Man müsse auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort arbeiten. Dabei betonte sie insbesondere die Rolle der Frauen. „Wenn Frauen begriffen haben, welche Rechte sie haben, dann sind sie zu Höchstleistungen imstande und kämpfen“, sagte sie.

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Es gehe bei der Hilfe nicht nur darum Geld zu sammeln, sondern insbesondere um Bildung, Rechtevermittlung und den Frauen Zugang zu Ressourcen und Mikrokrediten zu verschaffen.

Immer wieder kamen Fragen aus dem Publikum, was wir denn in Europa mit bewusstem Konsum und Unterstützung des fairen Handels zur Entwicklung in Afrika beitragen könnten, wenn die große Politik und Wirtschaft mit ihren Exporten beispielsweise von Hähnchenfleisch die afrikanische Wirtschaft sabotieren.

Vor-Ort-Hilfe
Peter Glas, Leni Nebel, Algaf Sene und Christian Selbherr (v.l.). Foto: Petra Kurbjuhn

Algaf Sene berichtete von der Praxis der Chinesen, die billig Erdnüsse aufkaufen, im eigenen Land verarbeiten und überteuert wieder anbieten. Noch schlimmer aber sei, dass die Chinesen das afrikanische Land aufkaufen, steuerte Leni Nebel bei.

Ehe man China verdamme, müsse man aber den Einfluss Europas und der USA in Afrika beleuchten, sagte Peter Glas. So überschwemme die bayerische Milch Burkina Faso und mache die einheimische Landwirtschaft kaputt.

Vor-Ort-Hilfe daheim

So solle sich hier jeder dafür entscheiden, regional und auch ganze Hendl statt nur Schenkel zu kaufen, der industriellen Landwirtschaft einen Korb zu gehen und auf kommunaler Ebene etwas anstoßen, hieß es aus dem Publikum. Die Grundlage für die Lösung der Probleme stehe im Weltagrarbericht und der müsse publik gemacht werden.

So sei letztlich der Slogan „Global denken, lokal handeln“ richtig, zudem aber sei die Politik wichtig und die könne jeder Wähler mitbestimmen.

Vor-Ort-Hilfe
Einbeziehung der Publikumsfragen. Foto: Petra Kurbjuhn

Vor Ort aber, und darin waren sich die drei Podiumsgäste einig, ohne ihre speziellen Aktionen in den Vordergrund zu stellen, müsse man den Menschen das Gefühl geben: Ihr schafft das.

Die Perspektivlosigkeit nämlich habe noch andere Folgen, sagte Christian Selbherr. Die Orientierungslosigkeit junger Menschen mache sie zum gefundenen Fressen für terroristische Organisationen. Bildung und politische Teilhabe, so Leni Nebel, sei die Basis für eine positive Entwicklung.

Kooperation mit lokalen Partnern

Bei der Vor-Ort-Hilfe, auch das wurde klar, muss man entscheiden, mit wem man zusammenarbeitet. Sicher nicht mit korrupten Politikern, sondern mit lokalen vertrauenswürdigen Partnern.

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Auch das Thema Familienplanung und Geburtenregelung kam zur Sprache und Leni Nebel hatte eine interessante Zahl im Gepäck: Pro 2,5 Schuljahre hat eine Frau ein Kind weniger. Sie stellte aber auch die Frage, ob wir es uns erlauben dürfen, den Frauen vorzuschreiben wie viele Kinder sie haben dürfen. Sicher sei Aufklärung ebenso wie Gesundheitsvorsorge ein wichtiges Thema.

Letztlich fragte der Moderator, ob im Sinne der Veranstaltungsreihe Afrika anders wachsen müsse und nicht den westlichen Lebensstil mit Konsum, Verkehr, Plastikmüll usw. kopieren mit all den Folgen.

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Peter Glas warnte: „Wir haben kein Recht zu sagen das dürft ihr nicht.“ Aber wir in Europa könnten zum einen ein Vorbild sein, dass man in Afrika erkennen möge, den Schritt des „Immer mehr“-Fehlers in der Zivilisation überspringen wir, hoffte ein Zuhörer.

Und zum anderen könne auch die westliche Zivilisation von den Afrikanern lernen, nicht nur was ihre Naturverbundenheit anbelangt, sondern auch die Besinnung auf kleinteilige Landwirtschaft mit dem Anbau alter Pflanzen, wie dem Moringabaum, und der Entwicklung neuer Technologien. So kann aus der Vor-Ort-Hilfe in Afrika auch eine umgekehrte Vor-Ort-Hilfe in Deutschland werden.

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