Die Jagd nach Kupfer und Coltan

Coltan und Kupfer

Auch in zertifizierten Minen im Kongo sind die Arbeitsbedingungen schwierig. Foto: fairphone

In den vergangenen zehn Jahren wurden weltweit rund sieben Milliarden Smartphones hergestellt. Sie haben die alltägliche Kommunikation enorm vereinfacht, aber das hat einen hohen Preis: Der Abbau der Rohstoffe für Mobiltelefone und deren Weiterverarbeitung geschieht unter erbärmlichen Umständen.

Ein kleines Stück Kongo hat jeder von uns zu Hause, schreibt der belgische Autor David Van Reybrouck in seinem Buch über das so ferne Land in Afrika: „Egal welches Mobiltelefon, welchen MP3-Player, DVD-Recorder, Laptop oder welche Spielkonsole man aufbricht, man findet im Innern ein kleines grünes Labyrinth, auf dem allerlei Unbegreifliches festgesteckt ist. Die tropfenförmigen, grellbunten Perlen, das sind die Kondensatoren. Wenn man sie aufkratzt, hält man ein Bröckchen Kongo in der Hand.“

Coltan heißt der begehrte Rohstoff, der sich heutzutage in jedem Smartphone findet. Rund 30 Prozent des weltweiten Coltan-Abbaus findet in der Demokratischen Republik Kongo statt.

Das Erz Coltan ist eine Kombination der Kristalle Columbit und Tantalit. Seine Geschichte ist ein Beispiel für den „Ressourcenfluch“, von dem so viele afrikanische Länder geplagt werden.

Der Abbau von Coltan könnte die Wirtschaft des Kongo ankurbeln und die Entwicklung des Landes vorantreiben. Doch in erster Linie sorgen die Gewinne aus der Coltan-Jagd dafür, dass Rebellenführer und Bürgerkriegsmilizen ihren bewaffneten Kampf finanzieren können.

Nach dem Völkermord in Ruanda 1994 flohen Tausende hinüber ins Nachbarland Kongo, das damals noch Zaire hieß. Unter den Flüchtlingen waren auch viele Hutu-Kämpfer, die den hunderttausendfachen Tod am Volk der Tutsi mit verübt hatten. In den Flüchtlingslagern versteckten sie sich, wollten sich neu formieren. Die Armeen Ruandas und Ugandas griffen ein, das riesige Reich des greisen Diktators Mobutu zerfiel. Der Kongo taumelte in einen Krieg, den manche als „Afrikanischen Weltkrieg“ bezeichnen.

Kupfer und Coltan

Die Arbeiter haben keine Alternative als in den Minen zu arbeiten. Foto: fairphone

Als nun ab etwa 1999 oder 2000 der weltweite Aufstieg der Mobiltelefonie begann und schließlich mit der Erfindung des Smartphones ihren Höhepunkt fand, schufteten Tausende Kongolesen als Schürfer in den Minen des Ostkongo. Der Export der Funde wurde zum ganz großen Teil über Ruanda abgewickelt.

Das Land gilt seit einigen Jahren als Musterschüler in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Dass dieser Aufstieg – neben einem autoritären Regierungssystem – vor allem auf der Ausbeutung des Nachbarlandes Kongo gründet, wird oft verschwiegen. Die Coltan-Jäger und ihre Mittelsmänner fanden in internationalen Rohstoffhändlern dankbare Abnehmer.

Der Fluch der Rohstoffe

Doch „Konfliktmineralien“ wie Coltan (und andere, zum Beispiel Kobalt und Wolfram), sind nur ein Teil der Geschichte. Es braucht gar nicht unbedingt einen kriegerischen Konflikt, es muss gar nicht unbedingt Blut an unseren Handys kleben.

Mineralien wie Coltan mögen lebenswichtige Bestandteile eines Smartphones sein, der Anteil am gesamten Produkt ist relativ klein. Anders bei einem Stoff wie Kupfer. Zu 15 Prozent besteht ein Smartphone aus Kupfer und dessen verschiedenen Verbindungen. Kupfer leitet Strom und etwa zehn Gramm Kupfer befinden sich in den Kabeln und Drähten eines jeden Handys.

In Sambia, einem südlichen Nachbarn des Kongo, leben die Menschen seit vielen Jahrzehnten in Frieden. Stammeskämpfe und Bürgerkriege sind ihnen im Wesentlichen erspart geblieben. Aber der „Rohstofffluch“ wirkt auch hier. Im Norden des Landes befindet sich der „Kupfergürtel“, das wichtigste Kupfergebiet in Afrika. Hier dominiert der Schweizer Bergbaukonzern Glencore die größten Teile des Marktes.

Kupfer und Coltan

Harte Arbeit für die Schürfer. Foto: fairphone

Doch während der Konzern gute Gewinne macht, spüren die Einheimischen wenig vom Aufschwung im internationalen Rohstoffhandel. Die Mine von Mopani verpestete die Luft mit giftigen Abgasen. In der Gegend des Verhüttungswerks in Mufulira stieg der Anteil von Schwefeldioxid in der Luft auf bis zu 5640 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt dagegen einen Richtwert von nur 20 Mikrogramm. Menschen erkrankten an Asthma, der Kupferbergbau nahm ihnen buchstäblich die Luft zum Atmen.

Dagegen regt sich Widerspruch von Umweltschützern und Menschenrechtsorganisationen. Auch die katholische Kirche Sambias beteiligt sich daran. Sie wurde bestärkt durch das Lehrschreiben „Laudato Si!“, in dem Papst Franziskus zu einem größeren Schutz der Umwelt und der Schöpfung aufruft. Die sambische Bischofskonferenz erklärte im April 2016: „Wir erkennen an, dass Bergbau Arbeitsplätze schafft und unserem Land Einnahmen bringt. Aber wir fordern die Minenbetreiber auf, dass sie verantwortungsbewusst handeln und die Bedürfnisse der Umwelt ernst nehmen.“

Proteste wie dieser bleiben nicht ungehört. Niemand, auch ein internationaler Konzern nicht, steht gern am weltweiten Pranger. Der Schweizer Konzern Glencore hat im Lauf der Zeit immer wieder versucht, die Bedingungen in der Mine von Mopani zu verbessern, baute zum Beispiel 2014 eine neue Filteranlage, um die Abgase zu verringern. 2016 ließ Glencore die Mine vorübergehend schließen, um, wie der Konzern mitteilte, 950 Millionen Dollar in Modernisierung zu investieren und die Lebensdauer der Mine zu verlängern. Auch von „Sozialprogrammen zum direkten Nutzen der lokalen Bevölkerung“ war die Rede. Zugleich verloren aber 4000 Mitarbeiter ihren Job.

Konzerne müssen reagieren

Internationaler Druck soll auch die Bedingungen in den Coltan-Minen des Kongo verbessern. Per Gesetz („Dodd-Frank Act“) sind US-Unternehmen schon seit 2011 verpflichtet, auf Konfliktmineralien zu verzichten. Ende 2016 erließ die Europäische Union eine Verordnung, die den Import von Konfliktrohstoffen unterbinden oder zumindest minimieren will.

Auch der deutsche Rohstoffhändler H.C. Starck mit Sitz in Goslar und München, der um 2001 und 2002 noch einer der Hauptabnehmer von Coltan aus dem Kongo war, hat im Februar 2017 öffentlich erklärt: „H.C. Starck verurteilt entschieden alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der illegalen Ausbeutung von Mineralienlagerstätten, egal wo diese Aktivitäten stattfinden. Deshalb haben wir uns dazu verpflichtet, ausschließlich sogenannte ,konfliktfreie‘ Rohstoffe zu erwerben und zu verarbeiten.“

Das Unternehmen orientiert sich an den Vorgaben der OECD und lässt sich seit mehreren Jahren zertifizieren. Der niederländische Hersteller „fairphone“ bietet inzwischen ein nach Angaben des Unternehmens weitgehend fair produziertes Smart­phone an. Große Firmen wie Apple und Intel wollen da nicht zurückbleiben und betonen inzwischen, dass sie keine Konfliktmineralien mehr in ihren Produkten verwenden.

Wie weit diese Maßnahmen wirklich greifen, ist umstritten. Selbst in zertifizierten Coltan- und Kupferminen bedeutet die Suche nach Rohstoffen vor allem: harte Arbeit für die Schürfer, die oft knietief im Wasser stehen oder in dunkle Erdstollen hinunterklettern müssen und dort mit bloßen Händen oder einfachen Schaufeln graben.

Ein Report des Magazins „Dissent“ beschreibt außerdem, dass Gesetze und Zertifizierungsmaßnahmen vor allem einen großen Schwarzmarkt erzeugt haben. Nun würden schmutzige Mineralien eben unter der Hand verkauft. Lokale Minenbosse, skrupellose Milizenführer und dubiose Aufkäufer hätten längst ein tragfähiges Netzwerk entwickelt, um ihre Produkte an allen Kontrollen vorbei zu schleusen.

Christian Selbherr ist Redakteur bei der Zeitschrift „missio magazin“, die vom Internationalen Katholischen Hilfswerk missio in München herausgegeben wird.

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