Einläufe und Geldgier

Judith Heimerl, Bernd Schmidt und Andrea Beier (v.l.). Foto: Petra Kurbjuhn

Theater in Holzkirchen

„Es ist alles eine Frage der richtigen Inszenierung“, heißt es im Schlusssatz. Wie wahr, denn die Inszenierung von Molières „Der eingebildete Kranke“ des Foolsensembles, das gestern Premiere feierte, ist nicht nur richtig, sondern grandios, flott und mit einer Menge witziger Einfälle.

Es fehlt nur noch der Regenschirm, ansonsten ist das Spitzweg-Gemälde perfekt. Bernd Schmidt als Hypochonor Argan sitzt bereits vor Vorstellungsbeginnn im Bett und sortiert seine zahlreichen Rechnungen für Medikamente und Einläufe, wie er dann beckmesserisch mitteilt. Und im Bett bleibt er auch, thronend und diktatorisch, überzeugt davon, schwer erkrankt zu sein. Mitleid hat man mit ihm, denn Bernd Schmidt gelingt es ganz vorzüglich, den treusorgenden, allerdings ein wenig sehr naiven Ehemann und Vater wiederzugeben.

Immer wieder Szenenapplaus

Lydia Starkulla hat das berühmte Stück aus dem Jahre 1673 gehörig abgestaubt, komprimiert und den Komödiencharakter deftig verstärkt. Das tut sie, indem sie das Stück selbst zitiert und die Figuren in ihrer Spielweise ganz köstlich überhöht. Die schauspielerische Leistung aller Darsteller ist überaus bemerkenswert, das Publikum spendet immer wieder Szenenapplaus für die einzelnen Auftritte.

Andrea Beier hat die dankbare Rolle des frechen, vorlauten und klugen Dienstmädchens Toinette und kann sowohl als das ihren Chef nachahmendes jammerndes Wesen als auch als vorgegebener Arzt ganz aus dem Vollen komödiantischen Spielens schöpfen. Unter ihren Fittichen fühlt sich Argans Tochter Angélique geborgen, denn der Vater liebt sie zwar, will sie aber in egoistischer Manier mit einem Arzt verkuppeln. Ursula Dillig bewährt sich als verliebte schwärmerische Tochter in ihrer ersten Erwachsenenrolle und singt gar umwerfend komisch mit ihrem angebetenen Cléante. Dieser wird von Albert Ambacher überzeugend und in der Gesangsszene besonders ergötzlich gespielt.

Ein außerordentliches Paar

Ein wirklich außerordentliches Paar sind Vater und Sohn Diafoirus, beides Ärzte. Witziger Einfall, sie mit Argan beim Auftritt völlig planlos durcheinander reden zu lassen. Detlef Dauer, dieses Mal lispelnd und mit großen Gesten, hat Sohn Thomas optimal auf den Besuch vorbereitet, denn schließlich soll dabei eine Verlobung mit Angélique herauskommen. Cornelius Heuten leiert seine auswendig gelernten Sätze mit linkischer und übertriebener Gestik fantastisch herunter, wobei der Vater den Takt vorgibt, eine köstlich komödiantisch überhöhte Szene.

Auch Judith Heimerl als linke, nur auf das Ableben ihres Ehemanns wartende zweite Ehefrau Béline kann ihr komisches Talent voll ausspielen. Zunächst als übertrieben fürsorgliche Gattin, der aber der Ekel ins Gesicht geschrieben steht, und dann, als Argan ihr seinen Tod vorgaukelt, als erlöste, eilfertig nach dem Geld suchende gierige Person. Ihr Galan, der Notar, wird von Jochen Geipel schmierig und näselnd gespielt. In seiner zweiten Rolle als Arzt Purgon indes kann er ordentlich zulangen, dann nämlich, wenn er dem armen Kranken auf offener Bühne zur Erheiterung ein Klistier verpassen will.

Der eingebildete Kranke Ensemble

Albert Ambacher, Ursula Dillig, Bernd Schmidt, Judith Heimerl, Cornelius Heuten, Andrea Beier, Detlef Dauer (v.l.). Foto: Petra Kurbjuhn

Der Körper – ein Geheimnis

Der Vernünftige in dieser Komödie um Ärzte, Medikamente, Einläufe, Geldgier und schwärmerische Liebe ist Argans Bruder Béralde. Christian Selbherr gestaltet seine Rolle überaus eindringlich. Was er zur Medizin des 17. Jahrhundert sagt, ist in einigen Dingen zumindest auch heute noch überlegenswert, so seine Überzeugung, dass die größte Torheit der Ärzte darin bestehe, einen Menschen heilen zu können, das tue dieser selbst, denn der Körper sei ein Geheimnis, oder „Die meisten sterben an den Heilmitteln und nicht an den Krankheiten.“

Zur „gelungenen Inszenierung“ trägt neben der starken, ideenreichen Regie und den sehr guten Schauspielern auch das gekonnte, altmodisch stimmige, von Medikamenten überwuchernde Bühnenbild und die passenden Kostüme bei (Ingrid Huber und Lydia Starkulla). Fazit: Unbedingt anschauen!

Nächste Vorstellungen: 25. Juni, 20 Uhr, 30. Juni, 19.30 Uhr, 2. Juli, 20 Uhr, 3. Juli 18 Uhr und 17. Juli 18 Uhr. Bei schönem Wetter auf dem Vorplatz Kultur im Oberbräu, Tickets unter www.kultur-im-oberbraeu.de

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