
Wer ist der Idiot?
Text. Foto: MZ
Theater in Reichersbeuern
Mit der französischen Komödie von Francis Veber „Dinner für Spinner“ beweist die Theatergruppe des Max-Rill-Gymnasiums Reichersbeuern unter der Regie von Nikolaus Frei wieder einmal, dass sie mehr ist als ein Schülertheater. KulturVision durfte bei der Generalprobe dabei sein.
„Eine schlechte Generalprobe bedeutet eine gute Premiere, aber wenn nichts schief geht, umso besser“, motiviert Nikolaus Frei, der seit 22 Jahren professionell die Theatergruppe leitet, die sechs Protagonisten auf der Bühne.
„Seid ihr energetisch gut drauf? Nochmal durchschütteln, Kopf kreisen, Augen schließen, in den Bauch atmen“, fordert er auf und ordnet dann an: „Jeder sagt einen Satz aus dem Stück, so, dass man ihn in der letzten Reihe hören kann.“

Energie tanken vor der Generalprobe (v.l.): David Windthorst, Martin Schönau, Marta Riedel, Melanie Mossa, Benjamin Rau und Linus Munte. Foto: MZ
Der Regisseur ist zufrieden, jetzt wird das Licht getestet, das Benjamin Windthorst bedient, und dann darf Schulleiterin Karin Krekel das Publikum begrüßen und den Vorhang aufziehen.
Die rasante Komödie um Pierre Brochant in einem exklusiven Interieur, gut situiertes Bürgertum andeutend, startet. David Windthorst hat einen schweren Part, denn er muss den bedauernswürdigen Verleger mit Hexenschuss spielen und dabei permanent Schmerzen simulieren und akrobatische Verrenkungen leisten, all das schafft er mit Bravour. So gehört die Sympathie zunächst uneingeschränkt ihm.

TextChristine Brochant (Melanie Mossa) und ihr Mann Pierre (David Windthorst. Foto: MZ
Seine Frau Christine indes, von Melanie Mossa selbstbewusst und sympathisch gespielt, hat so ihre Schwierigkeiten mit ihm. Sein für diesen Abend geplantes „Dinner für Spinner“, bei dem er zur Belustigung der Gäste einen Trottel mitbringen will, nötigt ihr Abscheu ab.
Nachdem der eilends herbeigerufene Arzt Dr. Archambaud, den Martin Schönau überzeugend mimt, Pierre nicht heilen kann, muss dieser das Dinner absagen, erreicht aber seinen Trottel nicht mehr. So taucht François Pignon auf, der linkische Finanzbeamte mit roter Fliege und Umhängetasche. Benjamin Rau kann den nervtötenden, ohne Punkt und Komma redenden und von seiner Kunst, aus Streichhölzern Bauten wie den Eiffelturm zu fertigen, überzeugten, Typen ganz großartig spielen. Er ist überzeugt davon, dass er genau wegen seiner Modelle, die er ständig aus der Umhängetasche zieht, eingeladen wurde.

TexDr. Archambaud (Martin Schönau) kann Pierre (David Windhorst) nicht helfen. Foto: MZ
Aus diesem Setting entwickelt sich die Geschichte, in deren turbulentem Verlauf die Charaktere kippen. Brochant erweist sich sukzessive als miese Type. David Windthorst kann diese Transformation überzeugend vermitteln, er nahm seinem Freund Leblanc die Frau weg, er hat eine Geliebte Marlène und er begeht Steuerhinterziehung.
Bei all diesen Problemen will Gutmensch Pignon helfen. Und schleichend entwickelt sich Sympathie für ihn, denn Benjamin Rau nervt zwar nach wie vor, aber er will Gutes tun, und so ist er im Faustschen Sinne, die Kraft, die dennoch Böses schafft. In seiner Schrulligkeit und Naivität verwechselt er Ehefrau und Geliebte und macht einen Fehler nach dem anderen.

Sie können nicht miteinander aber auch nocht ohne einander, Pierre und François Pignon (benjamin Rau). Foto: MZ
Letztlich versammeln sich alle, die mit Pierre Brochant in Beziehung stehen, in seinem Wohnzimmer. Es gibt eine Aussöhnung mit dem Freund Leblanc, von Linus Monte verzeihend gespielt und Pierre hat eine Einsicht: „So einen Freund wie dich habe ich nicht verdient.“ Die esoterische Geliebte Marlène, von Marta Riedel in hohen Stiefeln und kurzem Rock aufreizend gespielt, spricht aus, was sich so mancher schon gedacht hat: „Wie konnte ich mich in so ein Arschloch verlieben?“
Der rote Faden aber, an dem sich alles entlanghangelt, ist, dass Christine wohl bei einem stadtbekannten Schürzenjäger Trost gesucht hat. Pierre will sie zurückhaben und benutzt Pignon, obwohl er immer wieder betont: „Er ist schrecklich“ und es sei bedauerlich, dass er als einzigen Vertrauten diesen Idioten habe.

Geliebte Marlène (Marta Riedel) und Pierre. Foto: MZ
Nach der Pause greift der Regisseur höchstselbst in das Geschehen ein. Nikolaus Frei gibt den von seinem Freund Pignon herbeigerufenen Lucien Cheval, seines Zeichens Steuerfahnder. Er soll die Adresse der „Bumsbude“, in der Pierre seine Christine mit dem Schürzenjäger vermutet, preisgeben. Nikolaus Frei kostet es genüsslich aus, diese Adresse zunächst nicht zu finden und wundert sich beiläufig über die hellen Stellen in der Tapete, wo vor der Pause noch teure Originalgemälde hingen.

François Pignon (Benjamin Rau) ruft seinen Freund Lucien Checal (Nikolaus Frei) zuhilfe. Foto: MZ
Mit dem lapidaren Satz „Wir melden uns sehr bald“ verabschiedet er sich und jetzt, langsam, aber sicher, versteht Pignon, was vorgeht. „Ich bin der Idiot“. Marlène indes bescheinigt ihm „Sie haben ein gutes Karma.“ Benjamin Rau fliegen in diesem Moment alle Herzen zu, so verletzt und gedemütigt, wie er sich darstellt.
Die Geschichte strebt mit Tempo und einer Reihe von Überraschungen ihrem Showdown zu. Vorhang, magerer aber sehr herzlicher und anerkennender Applaus der wenigen Generalprobenbesucher. Toitoitoi für die Premiere!

Pierre Brochant, Juste Leblanc (Linus Munte) und François Pignon. Foto: MZ
Die Geschichte an sich ist in ihrer Konzeption, mit all ihren Verirrungen, Verwechslungen, Vermutungen schon einen Theaterabend wert. Die Botschaft des Stückes, sich zweimal zu überlegen, ob man jemanden zu einem Idioten macht, komplettiert die unterhaltsame Vorführung mit inhaltlicher Bedeutung. Ganz wesentlich aber kommt als dritter Baustein für das Gelingen die fantastische Leistung alles Darstellenden hinzu, die nicht nur eine immense Textmenge bewältigen, sondern ihre Figuren in aller Tiefe ausloten. Insbesondere natürlich David Windthorst als Pierre Brochant und Benjemin Rau als François Pignon, die beiden so ungleichen Protagonisten, die die Handlung tragen. Großes Kompliment dem Ensemble!
Nikolaus Frei hat das Stück temporeich inszeniert, mit einer Reihe von unerwarteten Regieeinfällen gespickt und letztlich durch seine professionelle Schauspielkunst bereichert.
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