Der Trafikant und Sigmund Freud

Julian Rohrmoser als Franz und Walter Ludwig als Sigmund Freud. Foto: MZ

Theater in Pürbach

Ein großartiges Buch, ein sehenswerter Film, kann daneben ein Theaterstück bestehen? Es kann, wenn es so fesselnd inszeniert und so brillant gespielt ist wie die Produktion im Wald4tler Hoftheater.

Wer hat Robert Seethalers Buch „Der Trafikant“ nicht gelesen, diese poetische Erzählung aus Wien in der Zeit des „Anschlusses“? Es ist ein Werk, in dem die Brutalität des Nationalsozialismus dem Coming-Out eines jungen Burschen aus der Provinz gegenübersteht. Dem österreichischen Autor gelingt es meisterhaft, mit seiner leichten, auch humorvollen Sprache dieses Gegenüber für den Leser begreifbar und spürbar zu machen. Die Leserin bleibt berührt zurück.

Die Eigenproduktion des Wald4tler Hoftheaters unter der Regie von Claus Tröger berührte das Publikum nachhaltig. Das liegt neben dem Stoff an den großartigen Schauspielern, allen voran an Julian Rohrmoser als Franz Huchel, der 17jährig aus dem Salzburgischen nach Wien kommt und mit dem aufkommenden Antisemitismus konfrontiert wird.

Der Trafikant
Julian Rohrmoser und Teresa Bönisch. Foto: MZ

Wie er dabei seinen Mut und seine Menschlichkeit bewahrt oder entwickelt, ist ein Lehrstück für die heutige Zeit. Er entdeckt aber auch die Liebe und die damit verbundenen Enttäuschungen. Die böhmische Stripteasetänzerin Anezka, lasziv, exaltiert und egoistisch gespielt von Teresa Bönisch, führt ihn in die Liebe ein und geht dann doch lieber eine Liaison mit einem SS-Mann ein.

Der Trafikant
DerTrafikant (Andreas Pühringer) wird als Judenfreund angeschwärzt. Foto: MZ

Sein Chef, der Trafikant, Kriegsveteran aus dem 1. Weltkrieg, ist ein aufrechter Geist, der seinen Lehrling auffordert, Zeitung zu lesen. Und er hat auch solche Weisheiten parat, wie „Die Politik verhunzt alles“. Andreas Pühringer spielt den Einbeinigen würdevoll und sympathisch. Als Judenfreund indes wird er verhaftet und stirbt im Gefängnis.

DerTrafikant
Franz und Freud sprechen über die Liebe. Foto: MZ

Wichtiger Partner von Franz wird der „Deppendoktor“ oder der, der den Menschen beibringt, wie ein ordentliches Leben geführt werden soll. Die Gespräche mit Sigmund Freud, gediegen gespielt von Walter Ludwig, stehen im Mittelpunkt der Inszenierung. Aber über die Liebe kann er Franz auch keinen Rat geben: „Man muss Wasser nicht verstehen, um kopfüber hineinzuspringen.“ Und er konstatiert: „Sexuelle Erlösung bedeutet nicht eine Verbesserung des Gesamtzustandes.“

Der Trafikant
Der Weißgesichtige ist immer dabei, auch auf dem Prater. Foto: MZ

Mit weiß geschminktem Gesicht gibt Johannes Rhomberg verschiedene Figuren, wie den denunzierenden Fleischhacker, den Gestapomann, den Postboten. Er ist der Prototyp des Bürgers, Mitläufers aber auch Mittäters, weißgesichtig, austauschbar, grausam.

Ein geschickter Regieeinfall ist die Einblendung von Videos (Sebastian Greiner), in denen die Mutter (Monika Pallua) die Briefe von Franz liest und die einen Blick zurück in die sogenannte heile Welt der Provinz erlauben. Das Bühnenbild (Erich Uiberlacker) mit den drei Türen, in denen die Videos, die Trafikauslagen, ein Gestapobeamter, Schießbudenfiguren oder am Ende Franz‘ aufgeschriebene Träume platziert sind, unterstreicht die Vielschichtigkeit der Inszenierung.


Franz kommuniziert per Video mit seiner Mutter. Foto: MZ

Die Umstände, in die Franz in Wien gerät, lassen ihn reifen, lassen ihn Verantwortung übernehmen. Julian Rohrmoser spielt diese Entwicklung fühlbar, wenn er sagt „bis vor kurzem war ich ein Kind“ und jetzt sei er aber noch kein Mann. Doch, er agiert wie ein Mann, mutig geht er zur Gestapo, wo er einen Schneidezahn verliert, und er setzt am Ende ein Zeichen, einen Fingerzeig für die Menschen.

Die Inszenierung bekommt durch die stimmige Musik von Moritz Hierländer eine zusätzliche Wirkung. Sie konzentriert sich in den Gesprächen zwischen Franz und Freud auf die Liebe, muss andere Themen des Buches auslassen. Deshalb die Empfehlung, das Gesehene, das Berührtsein im Theater, durch Lesen zuvertiefen.

Die nächsten Aufführungen von „Der Trafikant“ im Wald4tler Hoftheater ab 30. Juni. Ein Ausflug ins Waldviertel lohnt sich. KulturVision pflegt seit vielen Jahren Beziehungen zur reichen Kulturszene des Waldviertels und widmeten ihr sogar eine Ausgabe der KulturBegegnungen, in der wir auch den inzwischen verstorbenen Gründer des Wald4tler Hoftheaters Harald Guggenberger vorstellten. Sein Sohn Moritz Hierländer führt das renommierte Theater kongenial weiter.

Zum Weiterlesen: Schnitzlers „Reigen“ in Coronazeiten

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