(An)Sturm am Tegernsee

Thomas Rebensburg (links) und Sebastian Schober, Komponist und Dirigent von „Sturm am Tegernsee“. Foto: Monika Heppt

Konzert in Gmund am Tegernsee

Etwa 120 Mitwirkende und jeweils über 400 Zuhörende genossen die zwei in kürzester Zeit ausverkauften Vorstellungen des neuen Bühnenwerks von Komponist Thomas Rebensburg und seinem Librettisten Wolfgang Mueller auf Gut Kaltenbrunn am Tegernsee.

Alle waren neugierig und freudig gespannt, die Uraufführung des Singspiels „Sturm am Tegernsee“ nach dem 1941 erschienenen Historienroman aus der Feder des ehemaligen Holzkirchner Lehrers, Heimatforschers und Schriftstellers Karl Weinberger (1892-1966) in der Tenne miterleben zu dürfen.

Kurze Vorbereitungszeiten für das Organisationsteam

Wie Dirigent Sebastian Schober bereits beim Vorgespräch mit KulturVision erklärte, bedeutete die kurze Vorbereitungszeit mit Casting aller Mitwirkenden begleitet vom Komponisten ab Herbst 2025 und die eigentliche Probenzeit von nur wenigen Wochen eine gewaltige Herausforderung für sämtliche Beteiligte der Produktion: Der Chor der Chorgemeinschaft Tegernseer Tal, Sängerinnen und Sänger der Kantorei Tegernsee und des Palestrina Motettenchors, die 21 Orchestermitglieder sowie die acht Solisten erhielten Ende Juni die Noten des Singspiels. Die Schulchöre aus Otterfing und Waakirchen konnten erst nach den Ferien unter der Leitung von Angela Schütz mit ihren Proben beginnen. Die konzertanten Aufführungen am 25. und 26. September wurden also mit Noten von Pulten aus gesungen, was dem „Primat der Musik“ und der Besonderheit des Singspiels durchaus entsprach. Barbara Winkler vom Gymnasium Tegernsee übernahm die Regie. Das Bühnenbild gestaltete Anna Henckel-Donnersmarck mit Holzschnitten von Sepp Mohr, die von Anjula Schaub passend bearbeitet waren. Die kluge Lichtregie und Technikleistung lagen in den Händen der Firma ShowTec aus München. Besonders hervorzuheben sei das Engagement der „selbstlosen Freiwilligen“ des Fördervereins Kunst und Kultur Rottach- Egern e.V., wie Sebastian Schober betonte. Ehrenamtliche Mitarbeit war bei fast allen Beteiligten großgeschrieben. Nur so konnte dieses gigantische Vorhaben realisiert werden.

Ein Singspiel in drei Akten

Nach den launigen Begrüßungs- und Dankesworten von Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn hieß es „Bühne frei“ für die Akteure. Schon nahmen die Tier-Kinder des Kinderchors Aufstellung und die Mönche Adalbert (Anian Roth) und Bertram (Marinus Roth) führten auf gut bairisch in die Bedeutung und Geschichte des Klosters Tegernsee ein. Mit der Besetzung der Sprechrollen war dem Organisationsteam ein Kunstgriff gelungen. Klar, deutlich und stets gut zu verstehen begleiteten die beiden Sprecher den Fortgang der Geschichte und trugen somit neben den hervorragenden Gesangssolisten, die in ihren höchst anspruchsvollen Rollen ebenfalls stets textverständlich agierten, nicht unerheblich zum Erfolg des Premierenabends bei.
So nahm die dramatische Handlung schon zu Beginn ihren Lauf. Das Landmädchen Hailka, mit großer Intensität von der Sopranistin Natalia Couleur gestaltet, und der junge Adlige Gerwich (sehr eindrucksvoll und präsent: Bariton Tobias Neumann), der eigentlich Mönch werden soll, aber bei einem Sturm Zuflucht bei Hailka findet und sich sofort unsterblich in sie verliebt, bieten als persönlichen Bezug den Hintergrund der Geschichte. Ränkespiele, Einmischungen und undurchsichtige Absichten des Abts, von Bassist Burkhard Kosche glänzend als Drahtzieher in Szene gesetzt, bringen seinen Favoriten als Bräutigam für Hailka vorgesehenen Fischer Chuenz schließlich hin zu brutalen Fantasien der Hexenverbrennung.


120 Personen wirken mit bei „Sturm am Tegernsee“, hier der Kinderchor bei einer Probe. Foto: Monika Heppt

Bassist Bernhard Spingler gelingen gemeinsam mit dem bestens disponierten Chor und den düsteren, aufpeitschenden, abgehackten Orchesterklängen tief berührende Momente. Tenor Michael Huber und die beiden Baritone Niklas Mallmann und Johannes Domke überzeugen als drei Mönche mit ihrer Darstellung, dem Abt stets Verständnis und Zuneigung entgegenzubringen. Betend und singend stehen sie zu ihm und „preisen Gott für jeden Tag“. Heidi Baumgartner besticht mit ihrem klar modulierten Sopran als Gräfin, die sich von Gerwich auf einem Boot nach Abwinkl ausführen lässt. Wieder kommt es zu einem Sturm auf dem Tegernsee und einer dramatischen Rettung. Wer überlebt? Die Gräfin, Gerwich, die herbei geeilte Hailka? Musik und Gesang beschwören klagend und fordernd.

Ein Bühnenwerk als Gemeinschaftsaufgabe

Im 3. Akt löst sich der Knoten einer „aus den Fugen geratenen Welt am Rande des Bürgerkriegs und des religiösen Wahns“ nur zögernd. Nach wie vor bestimmen persönliche und gesellschaftlich übergeordnete Werte und Bedeutsamkeiten das Geschehen. Und doch kann die Gräfin, die Gerwich nach der Verbannung aus dem Kloster hingebungsvoll pflegt, loslassen und erzählt ihm, dass auch Hailka gerettet wurde. Nun stimmt der Kinderchor freudig ein: „Da war ihr Bauch schon rund.“
Nach geistlicher Musik mit langen Bögen bei Orchester und Sängern, mit sanftem Harfenspiel bei der Erzählung der Gräfin, finden Hailka und Gerwich wieder zusammen und singen ihr berührendes Liebesduett: „Ein neues Leben beginnt: Du bist mein und ich bin dein.“ Dem Berliner Librettisten, Drehbuchautor und Filmproduzenten Wolfgang Mueller gelingt hier eine moderne Wiedergabe des mittelhochdeutschen Gedichts „Du bist min, ich bin din“ aus dem 12. Jahrhundert, das eng mit dem Kloster Tegernsee in Verbindung steht.
Komponist Thomas Rebensburg erklärt dazu, dass die gemeinsame Arbeit mit dem Librettisten im September 2025 begonnen habe, als das Libretto zunächst als Sprechstück konzipiert war und danach die Gesangstexte lyrisch erarbeitet und in strukturierte Liedtexte übergeführt wurden. Er selbst habe sich schon 2010/2011 mit dem Thema „Sturm am Tegernsee“ intensiv beschäftigt und den Plan verfolgt, das Stück auf die Bühne zu bringen. Erst mit dem Einstieg des Kunst- und Kulturvereins Rottach-Egern im Jahr 2019 kam es zu einer genaueren Planung.

Musik aus Jahrhunderten verbindet Generationen

Dem Komponisten schwebte ein Gesamtkunstwerk vor mit musikalischen Elementen aus verschiedenen Jahrhunderten. Ein geistliches Werk mit geistlicher Musik aus dem Mittelalter mit Chorälen, religiösem Gesang und als Gebetsform sollte entstehen, dramatisch mit Orchesterbegleitung untermalt und tief berührend. Thomas Rebensburg schuf in nur einem Jahr ein Werk, das Stilelemente aus Oper, Musical und Singspiel mit Jazz und Pop verbindet. Alle Richtungen wollte er einfließen lassen, verständliche, emotionale und moderne Musik einbringen und somit alle Zuhörenden von Jung bis Alt gleichermaßen berühren.
Seine Herangehensweise beschreibt er so: „Es soll ein Werk mit Ouvertüre, mit Rezitativen und einem großen Schlusschor sein.“ Dabei denke er zu Anfang immer an den Schluss des Werks. Das müsse passen.
Und wie es gepasst hat: großer Jubel und echte, langanhaltende Begeisterung für das Werk und seine Mitwirkenden. Das bedeutete nicht nur Lob für die Personen auf und hinter der Bühne, sondern für alle Beteiligten, die sich mit viel Herzblut in diese Produktion eingebracht haben. Stellvertretend seien hier nur Birgit Halmbacher als Organisatorin der 53. Tegernseer Woche der Stadt Tegernsee und Georg Höss als Vorsitzender des Kunst- und Kulturvereins Rottach-Egern genannt.
Stolz und glücklich nahmen Komponist Thomas Rebenburg und Dirigent Sebastian Schober am Ende der gelungenen Uraufführung die Glückwünsche des Premierenpublikums an. Bleibt zu hoffen, dass die beiden Vorstellungen nur der Beginn weiterer wundervoller Abende werden.

Die Neuauflage des Buchs „Sturm am Tegernsee“ ist soeben beim Allitera-Verlag München erschienen (ISBN 978-3-96233-585-4). Die Aufführung von „Sturm am Tegernsee“ war Teil der Tegernseer Woche, die noch bis zum 4. Oktober 2026 geht. Weitere Informationen sind auf der Webseite zu finden.

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