
Die Zeiten ändern sich und das ist gut so
Helmfried von Lüttichau mit Gitarre bei seinem zweiten Soloprogramm „Weil’s raus muss“ im Schlierseer Bauerntheater. Foto: Helen von der Höden
Helmfried von Lüttichau im Bauerntheater Schliersee
Helmfried von Lüttichau hat im Schlierseer Bauerntheater sein zweites Soloprogramm „Weil’s raus muss“ gezeigt, ein Heimspiel vor begeistertem Publikum. Mit unbändiger Energie singt er von Glück, Liebe, Alter und Tod und übersetzt Bob Dylan ins Bairische. Wie altert man, ohne bitter zu werden?
Helmfried von Lüttichau stürmt mit solcher Power auf die Bühne, dass man seine fast 70 Jahre kaum glauben kann. Das habe er von Robbie Williams gelernt, sagt er und gibt die Richtung des Abends vor: Man solle gar nicht erst versuchen, cool zu sein. Im vollbesetzten Schlierseer Bauerntheater zeigt der Schauspieler am Donnerstagabend im Rahmen des Kulturherbstes Schliersee sein zweites Soloprogramm „Weil’s raus muss“. Für den Schlierseer ist es ein Heimspiel und mit seiner Bühnenpräsenz und Spielfreude hat er den Saal vom ersten Moment an fest im Griff.

Volles Haus: das Publikum im Schlierseer Bauerntheater. Foto: Helen von der Höden
Humor vom Kalauer bis zur feinen Klinge
Ein wesentlicher Teil seines zweiten Soloprogramms ist die Bandbreite der Dialekte, die Helmfried von Lüttichau beherrscht: vom Wienerischen über das Hessische, Schwäbische und Hamburgische bis zum Oberbayerischen. Auch die schiere Flut der Ideen und das Unperfekte prägen den Abend und entfalten ihren zauberhaften Charme. Die Gitarre ist am Anfang noch etwas verstimmt und der erste Song muss, so Helmfried von Lüttichau, barfuß gespielt werden. Es folgt ein Protestsong, der sich gegen jeden richtet, der sich angesprochen fühlt, ihn selbst eingeschlossen. Bei seiner modernen Adaption von Charles Aznavours Anti-Liebeslied „Du lässt dich gehen“ persifliert er die Frauenfeindlichkeit und zählt die Nachteile der Geliebten auf, um dann am Ende doch in die Sehnsucht zu kippen.

Lachen gehört dazu: Helmfried von Lüttichau auf der Bühne des Schlierseer Bauerntheaters. Foto: Helen von der Höden
Ein besonderes Highlight des Abends ist seine Übersetzung von Bob Dylan. Das funktioniere nur im Dialekt, erklärt er. Schwäbisch und Hessisch hätten nicht funktioniert, deshalb habe er sich für ein phonetisches „Bananen-Bairisch“ entschieden. Der Refrain lautet bei ihm: „Da brauchst du ja kein Wetterfrosch, du weißt ja, wo der Wind blast.“
Hinter dem Klamauk steht die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Alter und dem richtigen Leben. Alles ist vergänglich, und das Memento mori, das „Bedenke, dass du sterben wirst“, gehört zum Leben dazu. Den Tod holt er ganz selbstverständlich auf die Bühne und nimmt ihm die Schwere. Er rezitiert aus Molières „Der Menschenfeind“ und trägt Robert Gernhardts satirisches Gedicht „Gebet“ vor: „Lieber Gott, nimm es hin, / daß ich was Besond’res bin. / Und gib ruhig einmal zu, / daß ich klüger bin als du. / Preise künftig meinen Namen, / denn sonst setzt es etwas. / Amen.“
Die Alten hätten schon immer auf die Jugend geschimpft, sagt er und schaut selbst mit viel Zuneigung auf die Themen der jungen Generation. Dazu passt, dass er den Miesbacher Rapper Felix Walter alias Chief Motley als musikalische Unterstützung dabeihat.

Felix Walter alias Chief Motley und Helmfried von Lüttichau rappen. Foto: Helen von der Höden
Zwei Seelen wohnen in seiner Brust
Einerseits nennt sich Helmfried von Lüttichau einen Glücksjunkie auf der Jagd nach Glücksmomenten und hält fest, dass Geduld glücklich mache. Andererseits steckt in ihm ein Melancholiker. Mit dem Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ holt er die Melancholie dazu: „Wenn ich gar zu glücklich wäre, hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“
Es werd scho wern
Er hat sichtlich Freude auf der Bühne und denkt gar nicht daran, den Abend zu beenden. Nach zweieinhalb Stunden, zwei Songs als Zugaben und tosendem Applaus bedankt sich der Schlierseer Bürgermeister Florian Reinthaler und überreicht ihm eine Flasche Slyrs. In homöopathischen Dosen, rechnet der Beschenkte vor, brauche er dafür noch einmal 70 Jahre.

Bürgermeister Florian Reinthaler (rechts) bedankt sich bei Helmfried von Lüttichau mit einer Flasche Slyrs. Foto: Helen von der Höden
Die Polizeimütze seiner Rolle als Polizist Hansi Staller in der Serie „Hubert und Staller“ hat Helmfried von Lüttichau endgültig an den Nagel gehängt. Ein Staller-Autogramm bekommt trotzdem, wer ihm dafür die ehrliche Meinung über den Abend sagt. Was bleibt, ist pure Positivität, Offenheit und Neugier auf die Zukunft, die Helmfried von Lüttichau seinem Publikum mitgibt. Eine wertvolle Botschaft, vor allem für das Alter.